Archiv der Kategorie: Ricarda de Haas: oral literal medial? Assoziationen zwischen Kiez und Welt

Dreiländereck

Grenzland ohne Grenzen. Wilde Wege durch wuchernden Wald. Bergauf, bergab. Die Federgabel arbeitet, die Knie auch. Knirschende Reifen, Keuchen. Ansonsten Stille. Grünes Laub, rote Beeren. Licht und Schatten.

Pling – eine sms, die einen im Ausland begrüßt, über Tarife in Europa informiert. Man hat wohl eine Grenze überquert. Pling – man ist wieder eingereist. Rechte Biege – pling, linke Biege – pling. Abends zählt man Nachrichten und weiß, wie oft man im Ausland war. Andere Nachrichten kriegt man nicht. Notrufe, ja – normale Rufe, nein. Im Wald sind Sendemasten rar.

Im Dorf ist der Empfang kaum besser. Doch das Quartier soll Internet haben. Es läuft über eine alte Überlandleitung zum Haus. Und gibt tatsächlich ein Signal. Wenn man den Hocker unters Dachfenster schiebt. Sich darauf stellt. Das Handy aus dem Fenster streckt. Wir lachen, als wir auf Nachrichtenfang gehen. Du die Emails, ich die Zeitung. Zum Umblättern muss wieder eine auf den Hocker klettern.

Bei Gewitter gibt es kein Netz. Der Blitz hat schon vier Geräte geschmolzen. Der Gastgeber hütet das fünfte, schaltet bei Regen ab. Bei Regen? Sie nennen Regen, was bei uns Unwetter heisst. Blitze tanzen um den Berg, Donner kracht, Wege verschwinden: Es gießt von oben, spritzt von unten, gurgelt, wirbelt, flutet ins Tal. Wir suchen Schutz unter Bäumen.

Zwei Einwohner spazieren gemütlich vorbei, suchen Pilze. Ein Hund tobt ausgelassen, schüttelt sich. Tropfen stieben aus seinem Fell, neue fallen von oben nach.

Am nächsten Tag scheint die Sonne. Wir frühstücken auf dem Balkon. Plaudern. Schauen. Schweigen. Der Gastgeber schickt das fünfte Gerät zur Reparatur. Abends braten wir Pilze.

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Fahren fahren durch die nacht..

Licht innen, schwärze hinter dem fenster. Nachts in bewegung sein. Sanftes schaukeln. Ein besonderes gefühl von geborgenheit. Bei sich sein und doch die welt durchstreifen. Eine stimmung, die jeder form nächtlichen reisens zu eigen ist.

Im fluss sein während draußen alles schläft. Die gedanken folgen sich selbst. Sie scheinen eigene Ideen zu haben, wohin sie möchten. Die Korrekturinstanz ist ausgeschaltet. Schreiben als bloßes aufzeichnen. Sichtbar machen, was schon da ist.

Die bewegung im kopf ein sanftes gleiten, passend zur bewegung des zuges über gleise. Stationen als störungen im gedankenfluss.

Dann plötzlich gestrandet. Unser lokführer geht nach hause. Die ablösung ist noch nicht da. Vierzig minuten warten. Auf jemanden, von dem es heisst, er sei noch auf der strecke. Vierzig minuten gedankenstau.

Einzige erkenntnis: Nächte auf schlafenden bahnhöfen gehören zu den langweiligsten erfahrungen seit der erfindung des künstlichen lichts. (Möchte man wirklich die erfahrung machen, nachts auf einem bahnhof ohne künstliches licht zu sein?)

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Warum ist es unangenehm, in einem stehenden zug an einem tisch zu sitzen und zu schreiben, während man dieselbe bewegungslosigkeit an einem tisch im café geniesst?

Stecken geblieben. Das ist die erfahrung. Und das ist auch das gefühl beim schreiben. Nicht vom fleck zu kommen.

Eine stunde später ein einfahrender zug. Hoffnung, dass wir dessen lokführer ausborgen können. Da kommt er. Bleibt stehen. Allein, mitten auf dem bahnsteig, raucht. Muss das sein? Immer diese süchtigen! Wir wollen endlich weg hier.. Ok, ok. Der mann hat seine pause verdient. Rauche, bitte, in ruhe. Und fahr uns dann, entspannt, sicher, nach hause.

Eine zweite erkenntnis: Abhängig sein macht schlechte laune. Und eine delle in die kreativität.

Wir rollen wieder. Korrekter: Wir rumpeln. Liegt es an den gleisen oder an der wahrnehmung? Es dauert – lange – bis dieses gefühl von freiheit, leichtigkeit, zurück kommt.

In sich ruhend durch die welt fahren, nachts..

Aprilwetter, remediated

Früher Morgen.

Die Leute laufen hintereinander. Einzeln, stumm, in langer unregelmäßiger Reihe. Von zu Hause kommend, auf dem Weg zur U-Bahn. Die Sonne scheint warm, niemand blickt in den Himmel. Jeder schaut nach unten, in die Hand, die das smartphone hält. Jede wird von unten fahl beleuchtet. Gespenstergesichter mitten in einem goldenen Morgen.

Es könnte eine Performance sein, entwickelt von einem Berliner Off-Theater in den 90ern, remediated 2015.

tapsen

Ich, die ich in die andere Richtung will, laufe im Slalom durch die Reihe derer, die entgegen kommen. Weiche aus – rechts, links. Einmal ahnt jemand mein Kommen, sanftes Ausweichen zur selben Seite. Fast stoßen wir aneinander. Ein kurzes ‚Entschuldigung‘, hoch schauen, dann wieder versinken.

Es ist, als träumten alle, solange es geht. Und ich, überwach, sehe den Träumenden zu.

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Später Abend

Menschenleer die Strassen. Das kurze Sommerglück vorbei. Kälte kriecht unter die Jacke. Regen peitscht von vorn. Ich strecke den Schirm schräg vor mich. Er fängt den Sturm ab. Blind tappe ich in seinem Schatten. Falls wirklich wer entgegen kommt, wird er dem Schirm ausweichen.

Ein dumpfer Stoß. Das Geräusch von Metall, das über gespannten Stoff streift. Der Puls rast. Ich weiche links aus, die anderen Schritte nach rechts. Irgendwie kommen wir auseinander. Wir sehen uns an. Sie sieht meinen schwarzen Schirm. Ich sehe ihr smartphone.

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Wir lachen los. Sprechen klappt nicht. Stammeln. Wir sehen uns an – sehen, was die andere sieht. Lachen, lachen ohne aufzuhören. Erleichterung. Und ein Spritzer Hysterie. Die Andere ist auch eine Frau. Nachts, auf menschenleerer Strasse.

Wir wünschen uns einen guten Heimweg. Streben in entgegengesetzter Richtung ins Licht.

Im Park

schauen

ein kleinkind tappst stolz seine ersten schritte. ein hipster mit zwei hunden wirft stöckchen. ein mann mit kinderwagen krault seine freundin unter dem kinn. eine band schleppt fröhlich equipment.

das kind plumpst glücklich in den matsch. die hunde fressen die stöckchen auf. die frau lässt ihr haar fliegen. die band öffnet das erste bier.

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die hunde sehen nach D.I.Y. aus, designed mit einer app, die noch nicht läuft: große blauäugige husky-köpfe auf krummen stummelbeinen, mit schleppendem schweif à la waldfuchs.

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die frau sieht aus, als würde sie ihm gern mal erklären, wie mann eine frau berührt, verschiebe das aber, weil sie froh ist, dass er das mit dem kinderwagen jetzt macht.

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gehen

ich nehme den schmalen weg. er verschwindet in einer pfütze. dicht am bauzaun liegt ein brett. wie alle vor mir balanciere ich darüber, eine hand im zaun. es wackelt, wasser drückt hoch. einer von der band kommt mir entgegen, unter dem linken arm ein verstärker, rechts ein kasten bier. ich frage mich, wie er über das brett kommen will.

ich gehe zu dem eck, das rosengarten heisst. eine treppe führt hinunter. treppe, das heisst: keine hunde, keine kinderwagen, keine fahrräder. heute ist sie gesperrt. ich schaue, ob der andere eingang auch verschlossen ist. ist er. trotzdem sind die bänke besetzt. sie müssen über die absperrung geklettert sein. lauter einzeltäter, jede und jeder mit einem buch in der hand. ich folge ihrem beispiel, setze mich auf die letzte freie  bank.

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sein

letzten sommer hat sich hier ein lesesaal etabliert, zwischen rosen und statuen. jetzt finden sich die nutzer_innen wieder ein, sitzen zwischen struppigen ranken und leeren podesten, tanken die frühe sonne.

es ist ein anachronistisches bild. keine aufgeklappten bildschirme. kein vom smartphone fahl beleuchtetes gesicht. kein herumnesteln, tippen, scrollen. statt dessen stille. natürlich ist die stadt um uns laut. verkehrslärm. baustellen. und dennoch dieses gefühl von oase. lesende sind stille menschen. tauchen ein in ihre welt, vergessen alles um sich herum.

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ich möchte wie der engel sein aus himmel über berlin, der den lesenden still die hand auf die schulter legte, und so hören konnte, in welcher welt sie grade weilten. in welcher zeit.

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als ich gehe, sind auch die podeste mit lesenden besetzt. auf dem rückweg höre ich die band proben.

Safe sein

Ricarda de Haas

Anfrage von südafrikanischen Freunden: bist du safe? Eine alltägliche Frage in Südafrika, nicht nur in Johannesburg. Ein typisches Thema in Gesprächen mit Fremden und Freunden. Es gibt unzählige Erlebnisse dazu, von knappem Entkommen, bewaffneten Einbrüchen bei Nachbarn, Straßenraub mit Verlust von Geld oder Smartphone. Geschichten erzählt beim Heimkommen, beim Essen, einem Glas Wein. Erzählt, um mit echtem Schrecken fertig zu werden. Es gibt Gedichte darüber, Kolumnen, Cartoons. Safe sein. Das Kostbarste, was es gibt.

Zu mir nach Berlin kam die Frage über Facebook. Sie ist ernst gemeint, einerseits: Warst du in der Nähe von dem Anschlag? Geht es dir gut? Mir geht es gut. Ich war am anderen Ende der Stadt. Die Sorge erscheint mir absurd.

Andererseits ist die Frage eine Reaktion auf einen Algorythmus. Ich selbst habe das nicht angeklickt. Facebook weiß nicht, wo ich wohne. Theoretisch. Praktisch fragt mich Facebook bei jeder Reise, während derer ich mich längere Zeit an einem Ort aufhalte, ob dort mein neuer Wohnsitz sei. Praktisch hat mich jetzt Facebook kritisiert, noch bevor irgendeine meiner Freundinnen schrieb. Man könne nicht sehen, ob ich safe sei in Berlin.

Manche Freundinnen schrieben persönlich. Ich merke, dass sie sich Gedanken machen. Andere klickten anscheinend den Safety Check an, der bei mir als standardisierte Aufforderung ankommt: deine Freundinnen x und y wollen wissen, ob du safe bist. Teile ihnen mit..

Und plötzlich teilen alle allen mit, dass sie safe seien. Als wäre das jetzt auch bei uns eine bedeutsame Kategorie. Wir debattieren beim Einkaufen über Attentäter, Waffen, Ideologie. Der Verkäufer lacht: wir werden alle zu Ermittlern. Eine Kundin verabschiedet sich nervös: na, hier drin im Bio-Laden ist die Welt wenigstens noch in Ordnung. Falsch, möchte ich sagen: Unsere Welt ist auch draußen überwiegend in Ordnung.

Für die Betroffenen und die ihnen Nahestehenden war es, nein: ist es schlimm. Wir anderen, alle, sind safe. Wie wir immer safe waren, hier in Berlin, einer Stadt, in der junge Frauen nachts um die Häuser ziehen können, ohne Angst haben zu müssen. So sehr ich Johannesburg schätze: dieser Verlust an alltäglicher Freiheit war schwer zu ertragen. Die ständige Wachsamkeit anstrengend, die unterschwellige Angst belastend.

Ich störe mich an dieser medialen, algorythmisch erzeugten Hysterie. Es erscheint mir zynisch: Eine Banalisierung des echten Leids der Anderen, Betroffenen. Hier und überall.

Geisterhaft

Ricarda de Haas

Ich sitze im Dunkeln, nur der Bildschirm leuchtet. Maskierte Kinder laufen unter meinem Fenster durch nächtliche Straßen. Die Automatenstimme hat einen dezenten Hall. Der Freund ist nicht erreichbar. Eine Intervention der Gespenster? Oder doch nur Schloss Solitude im Funkloch? Es hat sich schon herum gesprochen: der schöne Rückzugsort für Künstler verharrt – bewusst oder zufällig – in einer partiell prädigitalen Postmoderne. Zum Glück gibt es das kabelgebundene Web. Ich lausche dem Skype-Ruf, der immer so klingt, als würde man unter Wasser funken: bub-bub-bub-blib, bub-bub-bub-blib..

Mein Bildschirm wird schwarz. Der Freund hat abgehoben. Hallo, sage ich. Statt einer Antwort verzerrte Geräusche. Richtig schlechte Verbindung, denke ich. Ich will schon auflegen, da taucht kurz ein Gesicht auf, eine Hand. Dann wieder Schatten. Ein Lichtreflex auf verkabelten Geräten.

Harsche Töne, schräg, verzerrt. Und doch: da ist ein Muster im Geräusch. Hm, diese Geister klingen sehr zeitgenössisch. Das ist Noise! Ich bin wohl mitten in eine Probe geraten. Ich rufe laut Hallo? Als Antwort eine Kaskade von schrillen Tönen. Darunter ein Klangteppich, dunkel, rund, fast sphärisch. Ich lehne mich zurück und lausche. Lausche. Da proben zwei und wissen nicht, dass jemand sie hört. Anscheinend hat nur das Handy entschieden, meinen Ruf anzunehmen. Ich bin Zaungast aus 600km Entfernung. Ich empfinde eine merkwürdige Dankbarkeit gegenüber dem Gerät.

Die Geräusche in meiner Hand klingen ziemlich verrückt. Aber sie sind Musik. Ich sitze, umhüllt von Dunkelheit und Klang. Lasse mich entführen in eine andere Welt, schrill und schräg und schön. Mitten in diesem Ungebändigten finde ich Harmonie. Mein Bildschirm bleibt schwarz. Ab und zu blitzt ein Neonstrahl darin auf. Noch nie war Halloween so magisch.

Ricarda de Haas: Artefakt

Wissen Sie denn, was das ist?

Ich schaue auf das silberne Ding in meiner Hand. Ich weiss es nicht, ich versuche gerade, das heraus zu finden.

Für eine Querflöte ist es zu eckig. Klobig auch. Auch hat es nur an einem Ende eine Öffnung. Und da, wo bei einer Flöte das Mundstück wäre, ist ein aufgesetztes Kästchen, dessen Klappe nur lose schließt. Theoretisch könnte man Tabak hinein füllen. Nur was nützt einem das, wenn die Verbindung zum Schaft verschlossen ist? Pfeife schließt also aus.

Es könnte ein Zepter für ein Laientheater sein. Die Verzierungen sind simpel, dunkel vom Staub. Das Ding ist jedenfalls so schwer, dass man damit würdevoll winken könnte: Kopf ab! Sind Zepter innen hohl, damit man darin wichtige Dokumente verstaut? Das würde zumindest erklären, warum die Öffnung oben nicht nur einen Deckel hat, sondern auch mit einem Kettchen gesichert ist.

Natürlich war das eine rhetorische Frage. Er will das Ding schließlich verkaufen. Seine Stimme klingt triumphierend: Es ist ein Reiseschreibset! Er muss den Satz heute schon oft gesagt haben, es ist das schönste Stück an seinem Stand. Und trotzdem ist er ganz aufgeregt. Schauen Sie, hier oben hat man die Federn hinein geschoben. Und an der Seite wurde die Tinte eingefüllt.

Hm, da muss ganz schön viel ausgelaufen sein, wenn man mit dem Ding im Gepäck so in der Kutsche durch die Landschaft holperte. Oder doch schon im Orientexpress?

Ich frage nicht nach dem Preis. Es gibt Dinge, die man haben möchte, ohne dass man sie haben möchte. Nicht ohne Bedauern lege ich es zurück. Als wir wegschlendern, fragen wir uns, wie sie das gemacht haben. Die Tinte in Fläschchen herum getragen, und erst im Hotel eingefüllt? Ein Pulver dabei gehabt, und es dann mit Wasser angerührt?

Ja, es ist aufregend. Eine verschwundene Kulturtechnik, nützlich und schön. Ich fühle mich, als hätte ich einen Gruß bekommen. Von einer verwandten Seele, aus einer anderen Zeit.

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Nachtrag: Wir lagen nicht ganz richtig und nicht ganz falsch. Tatsächlich sind diese Schreibsets osmanischen Ursprungs, es gab sie seit Mitte des 17 Jhs.  Kalligraphen benutzten sie, schrieben mit Rohrfedern und Tinte aus Lampenruß, auch farbiger oder goldener Tusche. Und sie trugen das Ganze am Gürtel. Ich stelle es mir beeindruckend vor, das Symbol eigenen Könnens so verziert und gewichtig in die Welt zu tragen. (Selbst wenn sie – anders als Smartphones – vermutlich tropften.) Diese Federn waren nicht schwach. Schwerter des Geistes, könnte man sagen..

es gibt kein foto, aber hier ein ähnliches modell, etwas schlichter aus messing: http://cdn04.trixum.de/upload2/113800/113714/3/30e3cf645aa0edd6fda2c085cf5aca069.jpg
und ein noch kostbareres, 19. Jh. (kaschmir): https://auctionata.com/de/o/55776/ornamental-getriebenes-reiseschreibset-aus-silber-19-jh

Ricarda de Haas: oral literal medial? Assoziationen zwischen Kiez und Welt

Winter im Süden

Mein tablet weigert sich, ein normales Foto zu machen. Wie immer ich es halte, welche Einstellungen ich auch ändere, das Bild steht auf dem Kopf. Vielleicht teilt mein Gerät die kindliche Vorstellung, dass auf der Südhalbkugel die Menschen kopfüber laufen und in Gefahr sind, in den Himmel zu fallen. Schließlich gebe ich auf und knipse mühsam upside down. Ich will dieses Bild, obwohl das Wichtigste darauf nicht zu sehen sein wird: dass es erst seit drei Minuten überhaupt etwas zu fotografieren gibt. Ich will den Moment einfangen, diese grandiose Überraschung, wenn plötzlich Schönheit auftaucht, wo vorher nur Nichts war.

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Man sitzt in einem Restaurant, redet über Poesie, und jemand sagt: wenn jetzt kein Nebel wäre, könnte man da draußen den Tafelberg sehen. Synchrones Seufzen.

Es ist der vierte Tag der Konferenz. Wir sind in einer der schönsten Gegenden der Welt, aber sitzen in fensterlosen Hörsälen (wer entwirft so was?). Wir frieren, weil in Südafrika „das Konzept von Heizungen nicht bekannt“ ist, wie eine Johannesburger Poetin formulierte. Jedes Jahr im Juli werden die Menschen davon überrascht, dass ihnen etwas Winterartiges zustößt. In dicke Jacken gehüllt retten sich die Wohlhabenden in Restaurants und Büros, die Armen versammeln sich um Feuertonnen auf der Straße. „Wenn wir Ende August nachdenken, ob sich etwas gegen die Kälte unternehmen lässt, geht der Frühling los, und die Sache hat sich erledigt“.

Literatur und Welt

Heute sind wir ausgebüxt und sitzen an der Waterfront, während die Kollegen tapfer eine Preisverleihung durchstehen. Doch da, wo Wale baden sollen, wirbelt ein weißes Nichts, aus dem das dumpfe Hupen der Nebelhörner tönt. Uns schwirrt der Kopf vom Reden, und doch können wir nicht aufhören damit. Als müssten wir jede Sekunde, die wir haben, für den Austausch nutzen: Über Literatur, über die Welt.

Es hat etwas seltsam Distanziertes, dieses Bezogensein auf Bücher und Diskurse. Diese Langsamkeit, Gründlichkeit. Jemand schreibt ein bis zwei Jahre an einem guten Roman über Flüchtlinge, Kindersoldaten oder den Alltag in einer Megapole. Jemand anderes verbringt zwei bis drei Forschungsjahre damit, diese Bücher zu analysieren. Nun sind die klugen Gedanken doppelt in der Welt, einmal als Literatur und einmal als Literaturkritik. Werden weiter getragen in den Köpfen der Zuhörenden, die mit diesen Gedanken in ihr Zuhause fliegen, in die Welt.

Transit

Diese Selbstverständlichkeit! Der erste Flug ein Abenteuer, der zweite noch großartig. Dann hat man sich eingerichtet – kämpft am Terminal um die letzte Steckdose zwischen fünfzehn Handys. Ist beim Transit in Istanbul erleichtert, dass keine Spuren der Anschläge zu sehen sind. Erschrickt nach dem Start, weil der Fensterplatz nach Maputo fliegt.. Not to worry, wir fliegen über Johannesburg nach Maputo. Ah-ja. Laptop, Essen, Video, Schlaf. Als gehörte dieses Zwischenreich der virtuellen Welt an, nur dass der transportierte Körper noch versorgt werden muss.

Realität und Theorie

Unsere theoretischen Konzepte sind von der tagesaktuellen Realität leicht erschüttert: Nizza, Istanbul, Dallas. Britische Kollegen thematisieren öffentlich ihr Entsetzen über den Brexit. Simbabwische Wissenschaftler sagen in letzter Minute ab, weil sie seit drei Monaten auf ihr Gehalt warten. Südafrikanische Studierende zeigen Videos ihrer Proteste: gegen (neo-)koloniale Denksysteme (‚Rhodes must fall!‘), gegen massive Anhebung der Studiengebühren (‚Fees must fall!‘). Amerikanische Konferenzteilnehmer nehmen die Sicherheitshinweise nicht ernst und schließen Bekanntschaft mit lokalen Kriminellen. Eine Künstlerin aus Kapstadt fragt Johannesburger Poeten, ob sie auch unter der Wasserknappheit litten. Letzeres scheint sich als Querschnittsthema zu etablieren: Ressourcenknappheit, der Anthropozän in der Literatur.

Worte und Bilder

Und doch liefern all unsere Debatten nur neue Perspektiven, aber keine stringenten Analysen. Unsere Ratlosigkeit angesichts dessen, was gerade weltweit geschieht, ist augenfällig. Wir stecken mitten drin, wir hatten noch keine zwei bis drei Jahre Zeit zum Nachdenken. Unsere Worte ergeben zu wenig Sinn. Der kleine Junge, bei dessen Familie ich wohne, ruft lauthals „not speaking!“, wenn wir stundenlang diskutieren, statt mit ihm zu spielen. Jetzt, am Ende der Konferenz, möchte ich das auch rufen, einfach weil so viele Worte in so vielen Sprachen um mich sind.

Als die Kellnerin die Rechnung bringt, lichtet sich der Nebel. Erst sind Schiffe zu sehen, dann die Häuser, dann ragt eine dunkle Masse auf, und plötzlich ist er da, der Berg.

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Ricarda de Haas: oral literal medial? Assoziationen zwischen Kiez und Welt..

Bilderwelten

 

I     Schauen

Treffen mit freunden zum super food. Bunte gesunde säfte in gläsernen flaschen. Buntes gesundes essen auf schlichten tellern. Man sitzt auf schemeln, die fürs melken geschnitzt wurden und perfekt zu den flaschen passen. Überhaupt ist understatement hier groß geschrieben.

Die speisekarte liest sich englisch und liegt einsam am tresen. Wir rätseln, welche sprache die schwangere am nebentisch spricht. Portugiesisch? Rumänisch? Katalan? Als ihr essen kommt, zückt sie das handy. Arrangiert teller und gläser, lädt zufrieden das bild hoch.

Unser essen ist auch angekommen. Steht bunt und rund auf weißem quadrat. Man kann nicht anders, ein foto muss sein. Die freundin ist inkognito in der stadt. Wenn sie die bilder jetzt postet, kennt jeder ihren standort. Soll sie oder soll sie nicht?

Das essen ist köstlich. Der frischgepresste saft, überaus lecker, könnte als eigenständige mahlzeit durchgehen. Und alles so leicht im magen. Man fühlt sich beschwingt. Man möchte sofort auf ein fixie bike steigen und erfolgreich in eine zukunft streben.

Als die schwangere und ihre freundin gehen, setzt sich ein japanisches pärchen. Sie holt ihre kamera heraus. Die sieht schwarz aus und schwer wie eine alte spiegelreflex. Liegt aber leicht in ihrer hand. Er rückt die teller zurecht, sie nimmt sich zeit. Macht das foto. Wählt einen anderen winkel. Macht noch eins. Lädt es hoch.

Als teilten wir alle ein ritual. Ein kurzes innehalten vor dem essen. Foto und posten statt tischgebet und toasten.

Die gegenwart ruft. Wir brechen auf. Zu fuß, per bahn, ohne fixie.

 

II      Angeschaut werden

Ich sitze im büro und schaue aus dem fenster. Jeder zehnte bleibt stehen und fotografiert. Wie soll man denken können, wenn man dabei fotografiert wird? Natürlich fotografieren sie nicht mich, sie wollen das graffity nebenan. Ein bild vom bild sozusagen.

Ich bin irrititiert. Wenn ich von der tastatur hochschaue bin ich auf der suche nach klarheit oder inspiration. Will schauen ohne zu schauen. Es ist ein die-augen-stumm-wandern-lassen, während etwas in mir zu worten werden will. In diese verpuppung hinein zielen sie. Auf das haus, das doch die welt von mir fernhalten soll. Ich ganz ruhig hier drinnen und die anderen laut da draußen – so ist doch das konzept von häusern.

Auf der liste der meistfotografierten wohnbauten muss dieses einen platz unter den ersten fünfzig haben, hinter dem wiener hundertwasserhaus und vor dem geburtshaus einer mittleren berühmtheit, sagen wir else lasker-schüler.

Ich frage mich, warum alle von exakt derselben position aus exakt dasselbe motiv wählen. Es gibt doch noch mehr graffities in der stadt. Wollen sie ihren reiseführer reinszenieren? Das bild einsammeln, das ihnen versprochen wurde. Auf der suche nach etwas, das ihnen das gefühl gibt, dagewesen zu sein. In berlin!

Manche sehen so aus, als brauchten sie dieses graffity. Eine bestätigung, dass es woanders leute mit ähnlichen ideen, ähnlichen visionen gibt. Sie wollen teil von etwas sein, sich verbunden fühlen. Andere wirken, als würde ihr erlebnis zur erinnerung noch während sie mitten darin sind. Als könnten sie das original gar nicht wahrnehmen, weil sie sich gleich auf das das abbild konzentrieren.

 

III     Sein

Ich kehre heim. Berliner sommerabend. Auf der strasse flanieren touristen. Menschen, die gesehen werden wollen. Meine nachbarn sitzen vorm haus. Eine winzige insel der ruhe. Ich habe einen plötzlichen hunger nach realität. Setze mich dazu. Esse wurstbrot und trinke bier. Wir überlegen, wann die bäume gepflanzt wurden, die jetzt blühen. Was die kinder mal werden wollen, später. Kiezgefühl. Von der eigenen treppenstufe aus fügen sich clubber, flaschensammler und touris im dunkeln harmonisch ins bild. Und niemand, wirklich niemand macht ein foto davon.

Ricarda de Haas: Verborgenes ex-Leben

Schlendern über den Flohmarkt. Ein Bücherstand, privat, voll zerlesener Exemplare. Schöne Ausgaben, inzwischen alt und muffig. Sie könnten aus dem Nachlass einer literaturbesessenen Tante stammen. Dazwischen ein schmales Bändchen, fest verschweißt in glatter, heller Umhüllung. Kein noch so winziges Loch erlaubt einen Blick auf das Cover. Neugierig geworden löse ich die Plastikhülle, um den Titel dieses Stiefkindes zu erspähen: „Die Ungelesenen Briefe“.

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Ich schiebe den Band in die Hülle zurück. Später lässt es mir keine Ruhe. Ich will wissen, was es mit diesen Briefen auf sich hat. Den Namen des Autors habe ich vergessen. Eine erste Recherche zeigt ein erstaunliches Bild. Die Welt scheint voller Briefe, die niemand lesen will. Ungeöffnete Liebesbriefe, Fanpost, fairmail, Feldpost der Großväter, den Enkeln von der Elterngeneration hinterlassen.. Die menschliche Sehnsucht, einander mitzuteilen, wird auf eine asymmetrische Kommunikation reduziert: viele Sender, wenig Empfänger.

Wer ist Mostafa Hamad?
Endlich ein sinnvolles Ergebnis: Mostafa Hamad veröffentlichte 2010 ein Paperback mit diesem Titel. Das Erscheinungsjahr würde zumindest erklären, warum der bibliophilen Tante keine Zeit mehr blieb, es zu lesen. Das Buch ist nicht mehr lieferbar, Hinweise auf Verlag oder Ort fehlen. Wer ist Mostafa Hamad? Ich finde einen Chirurgen, einen Paläontologen, einen Informatiker und einen Fotografen. Alle haben publiziert, letzterer einen Band mit Fotos von 100 zeitgenössischen arabischen FotografInnen http://arabpx.com/book2015/. Keiner von ihnen schreibt auf deutsch, keiner listet Briefe unter seinen Publikationen.

Signed, Sealed, & Undelivered
Ich suche weiter. Und finde eine Schatztruhe. Von der Art und Größe, wie Piraten sie lässig auf der Schulter tragen. Nur dass diese hier eine Posttruhe ist. Sie wurde zwischen 1689-1707 von Simon und Marie de Brienne, die als Postmeister in Den Haag für alle Post aus Frankreich, Spanien und den Niederlanden zuständig waren, mit insgesamt 2600 unzustellbaren Briefen gefüllt. Der Schatz gelangte schon 1926 in den Besitz des
Museum voor Communicatie in The Hague, wird aber erst seit 2015 in dem Projekt Signed, Sealed, & Undelivered systematisch erforscht.

Ansehen
Ich stöbere, zunehmend fasziniert, auf der homepage des Projektes http://brienne.org. Neben den feinen Schnörkeln geübter SchreiberInnen, die den gesamten Brief wie mit einem kostbaren Muster überziehen, finden sich mit Flecken übersäte Schreiben, Rechnungen, dazugelegte Zeichnungen. Umschläge gab es damals nicht, sondern die Bögen wurden je nach Anlass und Kenntnis kompliziert gefaltet und rot, braun oder in einem warmen Goldtton versiegelt. Ein Teil des Projektes befasst sich nur mit dieser ‚letterlocking‘ genannten Falttechnik, und den darin eingeschriebenen Codes. Liebesbriefe wurden z.B. oft in Diamantform gefaltet.
https://www.youtube.com/channel/UCNPZ-f_IWDLz2S1hO027hRQ

Anhören
Die Schreiben sind in französisch, spanisch, italienisch, niederländisch und latein verfasst, teilweise lautsprachlich ohne Satzzeichen. Letzteres ist eine Besonderheit der Sammlung, da nicht nur Zeugnisse von Gebildeten überliefert sind, sondern aus allen Bevölkerungsschichten: reisende Künstler, Händler, Flüchtlinge, Spione oder Analphabeten, die ihre Briefe diktierten – sie schickten ein Lebenszeichen oder Liebesgrüße, baten um Geld, suchten Arbeit oder den Kindsvater, warnten vor gefährlichen Reiserouten oder Zwangsrekrutierung, wickelten Geschäfte ab. Manches kann man in Übersetzung anhören:
https://soundcloud.com/wnpr/letter-from-tours-in-tourraine-16-november-1698

Unzustellbar
Man kann es der Post nicht verdenken, wenn sie von manchen Adressen überfordert war: „To Monsieur Gauflet, instrumentalist in the Acting troupe of his Britannic Majesty in The Hague, or wherever they might be at the moment“. Oft waren die Empfänger auch verstorben, verzogen oder verweigerten die Annahme. Letzeres passierte häufig, denn im 17.Jh. zahlten die Briefschreiber nur bis zur Grenze. Den nach der Grenze anfallenden Anteil des Portos übernahmen die Empfänger, wenn sie konnten oder wollten. Allerdings wurden die meisten der Briefe zuerst geöffnet – offensichtlich war es möglich, einen Brief zu lesen und anschließend die Annahme zu verweigern oder zu vertagen. Die de Briennes nannten die Schatztruhe deshalb ihr spaarpotje.

Verborgene Geheimnisse..
600 Briefe wurden im Lauf der letzten 300 Jahre nie geöffnet. Um sie in geschlossenem Zustand zu erhalten, werden sie mit einer sonst in der Zahntechnik verwendeten hochauflösenden 3-D-Röntgentechnologie durchleuchtet und anschließend am Computer zusammengesetzt. Möglich ist das, weil die Tinte damals eisenhaltig war, was bis heute für klare Konturen sorgt. Und ihr diesen zauberhaften dunkelbraunen Ton verleiht.

..gelüftet
Ihr Briefgeheimnis wird trotzdem nicht gewahrt. Der erste ungeöffnete Brief wird am 13. April 2016 der Öffentlichkeit präsentiert, wer will kann dabei sein, es sind noch Plätze frei: http://libcal.mit.edu/event/2309079 Das Credo „das Internet vergisst nichts“ scheint plötzlich sehr relativ. Denn es sieht ganz so aus, als gäbe es eine Menge bibliophile Tanten, denen ungelesene Briefe keine Ruhe lassen. Geschriebenes will gelesen werden, selbst wenn es 300 Jahre dauert. Vielleicht müssen sich Mostafa Hamads Ungelesene Briefe noch ein wenig gedulden.

weiterlesen
http://musicologynow.ams-net.org/2016/03/on-letters-discovery-and-cooperation.html
http://www.theguardian.com/world/2015/nov/08/undelivered-letters-17th-century-dutch-society
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/historische-briefe-ungeoeffnete-post-aus-17-jahrhundert-entdeckt-a-1067959.html
http://www.spektrum.de/news/forscher-wollen-versiegelte-post-aus-dem-17-jahrhundert-lesen/1378810
http://www.cbc.ca/radio/asithappens/as-it-happens-tuesday-edition-1.3312388