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Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Unterrichten an der Uni Mannheim

Nächstes Wochenende werde ich an der Uni Mannheim die erste Hälfte meiner Übung „Von der Idee zum Text. Kreatives Schreiben für verschiedene Publikationsformen unterrichten.“ Ich werde die Textarten Blog, Essay, biografischer Text und Texte fürs Marketing behandeln.

17 Student*innen haben sich für die Übung angemeldet, und ich bin schon sehr gespannt. Ich erhoffe mir auch von den Student*innen Antworten darauf, wie sich unser Schreiben durch das Internet und die Digitalisierung verändert hat.

 

Das „uncreative writing“ von Kenneth Goldsmith

Im Vorfeld der Übung habe ich mich mit Kenneth Goldsmith beschäftigt, einem Autor, Künstler und Writing-Professor, der den Begriff des „uncreative writing“ prägte. Nach Goldsmith kann kein Schreiben mehr so tun, als ob es das Internet nicht gäbe. Uncreative writing bedeutet in Zeiten von Copy und Paste ein Remixen, eine Wiederverwertung von Texten, die es im Internet massenhaft gibt. Aber selbst das Abtippen macht eine Auswahlentscheidung erforderlich. Maja Linthe: Bloggen mit Hut weiterlesen

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Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Kleine helle Nacht mit Schafen

Tagsüber fraßen die weißen Schafe grünes Gras. Jetzt kommt die helle Nacht. Das Gras wird grauer, aber die immer noch weißen Schafe lassen sich den Appetit nicht verderben.

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Helle Nacht in Norwegen

Und immer noch liegt der Widerschein der Sonne auf dem dunklen Fjord neben großen, vom Eis geschliffenen Steinen.

Ich mache ein Panoramafoto von der Nacht, darin bewegt sich das Licht. An und aus geht das Licht, an und aus, in kleinen Kreisen aus Zeit.

Schaum, Wolken und Schafe sind hell mit der Nacht. Am Horizont liegen Wolken auf felsigen Bergen wie Eis. Dort reiht die kleine helle Nacht mit Schafen sich ein in die Zyklen der Zeit.

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Remake für Mia in Berlin.

Élouise und ich warfen unsere Blicke durch den Zaun, strichen vorsichtig entlang am Stacheldraht. Die Verbote waren unübersehbar und schön anzuschauen. Der Himmel dahinter war zum Fliegen geöffnet, er zog uns an und ängstigte uns. Aber die Angst hielt uns nicht davon ab, durch die Zäune hindurch ans Fliegen zu denken.

Es begann leise zu regnen, vor und hinter dem Zaun, und in den Tropfen spiegelte sich ein Abbild des Himmels in Silber und Gold. Es kam uns nicht in den Sinn, den Zaun zu zerschneiden, ja, wir rüttelten nicht einmal daran. So standen wir vor dem rostigen Zaun und blickten hindurch auf die Tropfen, die dort vom Himmel gefallen waren.

Und wir öffneten hier den Mund, damit sie uns auf die Zunge fielen und wir erführen wie der Himmel schmeckte in Gold und in Silber. Wir spürten die Angst, aber sie störte uns nicht. Trotzig blickten wir in den geöffneten Himmel, seinen Geschmack auf der Zunge.

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(aus dem Blog: „On the road with Élouise“)

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Was bedeutet es, für ein Blog zu schreiben?

Hat es im Blog eine Bedeutung, dass ich Texte schreibe, die nie auf Papier erscheinen werden? Wie verändern sich Texte auf Papier? Oder wie verändert sich unser Schreiben, wenn wir die Texte gedruckt sehen möchten? Was bedeutet es, dass Leser*innen mir zurückschreiben können? Ähnelt das Blog einem Brief?

Was bedeutet es für ein Blog zu schreiben?

Ewig und schnelllebig

Texte, die online erscheinen, sind kurzlebiger, weil sie schneller verschwinden. Bei Snapchat z.B. verschwinden die Stories nach 24 Stunden. Aber ist das Internet nicht auch der Ort, an dem alles erhalten bleibt? Wird das Printbuch nicht schneller verramscht als das E-book und die gedruckte Zeitung schneller weggeschmissen als ihre Online-Version aus dem Netz verschwindet? Ich schreibe also in das Verschwinden und das Nie-Vergessen gleichzeitig hinein.

Und ja, ich bin mir beim Schreiben bewusst, dass ich für einen kurzen, kurzlebigen Blog schreibe. Kurzlebig deshalb, weil es schon nach einer Woche des Herunterscrollens bedarf, um ihn hinter den darauffolgenden Blogbeiträgen aufzuspüren. Andererseits weiß ich auch, dass jeder, der mich unter meinem Namen sucht, unter Umständen immer diesen einen Blogbeitrag finden wird.

Spontan

Ist mein Schreiben im Blog spontaner, lehnt sich also eher an das automatische Schreiben, die Improvisation z.B. der Beatniks an?

Meine Freundin Dane hat einmal gesagt, sie sei nicht fürs ständige Optimieren gemacht, sie sei mehr für Rock’n Roll. Und ich finde, das ist auch eine gute Beschreibung des Blogs. Ein Blog ist eher Rock’n Roll, sich etwas trauen, ohne es lange auszuprobieren, Mut beweisen zur Spontanität, sich in Texten zeigen, ohne ewig darüber zu reflektieren, wie sie denn auf andere wirken könnten, welches Bild sie von mir als Autorin geben.

Multimedial

Das Blog bietet multimediale Möglichkeiten, die vom reinen Text ablenken, ihn bereichern können. Dies erfordert auch von mir andere Fähigkeiten als nur das Schreiben, wie z.B. die Bildbearbeitung. Ich musste mir einiges an technischem Know-How aneignen, um ein Blog führen zu können.

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Für meinen eigenen Blog habe ich eine für mich neue Blogart zu schreiben entwickelt, kleine Texte, die sich auf die Fotos beziehen, die wiederum Teil der Geschichte sind. Selbst die Hauptfigur ist einem Graffiti, einem Foto entsprungen. Hier im alphabettinenblog experimentiere ich z.B. mit Audios und mit Kommentaren, die ich selbst zum Bestandteil meiner Blogtexte mache. Solche Texte könnte ich auf Papier nie schreiben und sie könnten nur schwer gedruckt werden.

Vernetzt

Als Blogschreiberin schreibe ich gleichzeitig bei mir in der Poetinnenstube als einsame Poetin, als ich mich auch wie bei einer Lesung auf einer Bühne präsentiere. Über die Links und SEO-Möglichkeiten des Blogs bin ich ganz nah dran an der Vernetzung, aber auch am Marketing.

Auf Augenhöhe

Als Schreiberin eines Blogs reagiere ich direkt auf Kommentare. Vielleicht ist eine Blogschreiberin am ehesten mit einer Stadtschreiberin in einer kleinen Stadt vergleichbar, deren Bewohner sie besuchen kommen, während sie schreibt, Besucher, die die Schreiberin nach ihren Texten fragen und von ihr Antworten erhalten. In diesem Sinne ist das Blog eine Möglichkeit, seinen Leser*innen, aber auch anderen Blogger*innen auf Augenhöhe zu begegnen.

 Gemeinsam

Unser alphabettinenblog ist ein gemeinsames Projekt. Zwar schreibe ich in einer eigenen Kategorie, nämlich „Bloggen mit Hut“, aber dennoch erscheinen unsere Texte hintereinander und gemeinsam hier im Blog, wie in einer Blogparade. Manchmal beziehen wir uns aufeinander und kommentieren uns.

 Blograum – Schreibraum

Das Blog scheint mir nicht nur ein Text sondern auch ein Raum zu sein, ein Raum, in dem ich privat schreibend sitze, ein Raum in dem ich veröffentliche, ein Raum, in dem mich andere besuchen kommen, ein Treffpunkt, ein Textraum, ein Klangraum, eine Galerie.

Wir alphabettinen, die bloggen, gehen hinein in den Blograum, treffen uns dort, wissen, wen von uns wir dort als Schreibende antreffen, wir, die wir sonst an verschiedenen Orten wohnen, in Frankfurt/Oder, Heidelberg, Berlin und Halle. Das Blog schafft den Schreibenden einen Raum, keinen Rückzugsraum sondern einen Raum, in dem wir schreiben, den Text bearbeiten, ihn hineinstellen, öffentlich schalten, ihn kommentieren und dazu Kommentare beantworten, einen Ort, an dem wir andere Blogger*innen treffen. Das Blog ist ein Ort und ein Text, Schreibort und Schreiben zugleich. Es liegt an uns, ihn auch als solchen zu gestalten.

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Als ich auf der Weihnachtsfeier der alphabettínen eintreffe, begrüßen sie mich mit den Worten:“Du schreibst ja diese Woche unseren Blog, nicht wahr?“ Tatsächlich! Das hatte ich verdrängt. Während die erste Pizza verteilt wird, gehe ich online, logge mich ein und betrete den Blograum.

Manche, die mir am Tisch weihnachtsfeierlich gegenüber sitzen und ihr erstes Stück Pizza essen, sind gleichzeitig im Blograum anwesend. Anjas Notizen liegen im Papierkorb, Carmens Postkarten treffen immer wieder ein und Claudia lässt ihren kurzsichtigen Blick schweifen. Ich wandere durch die verschiedenen Kategorien, höre mir dabei Musik an und Geräusche, lasse mir etwas vorlesen und blättere durch die Fotos.

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Am Tisch reden sie jetzt über die notwendige Verlinkung unseres Blogs in der Blogosphäre. Da ich mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs bin, sind meine Gedanken beim Blogschlendern langsamer geworden und ich kann der Unterhaltung bei der Weihnachtsfeier kaum noch folgen.

Mittlerweile bin ich so schnell geworden, dass ich bereits in der Zukunft angekommen bin. Mein Blogbeitrag ist schon erschienen, ohne dass ich mich erinnern könnte, ihn geschrieben und online gestellt zu haben. Ich füge noch einen Kommentar hinzu: „Entschuldigt bitte, dass ich so lange weg war.“ Dann kehre ich zur Weihnachtsfeier zurück. Die anderen verabschieden sich gerade. Ich darf mit zur U-Bahn laufen und bemühe mich, mit ihnen  Schritt zu halten. Die Gravitation macht mir hier unten zu schaffen, während mein Blogbeitrag seine Umlaufbahn erreicht.

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Meine Tochter ist diese Woche 18 Jahre alt geworden.

Grund genug  für mich, ihr Kinderleben in Büchern zu überdenken. Und so habe ich noch einmal einen Blick hinein geworfen in ihre alten, ihr viele, viele Male vorgelesenen Bilderbücher und sie zur Feier ihres Geburtstages für sie noch einmal angelesen. Ihr könnt das hören, wenn ihr das jeweilige Buch anklickt.
Herzlichen Glückwunsch! Die Bilderbücher leben hoch!

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momoko

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Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Self-Publishing und eBook: Ich veröffentliche mich selbst

 

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eBook veröffentlichen

Wenn ich ein eBook selbst veröffentlichen will, kann ich es bei einem der verschiedenen Anbieter im passenden Format hochladen und, sagen wir für 2,99€, zum Kauf anbieten. Ein eBook zu einem günstigen Preis von 0,99 bis 2,99 € ist schneller in den virtuellen Einkaufskorb gesteckt. Ich überzeuge meine LeserInnen mit der Inhaltsangabe, dem Cover und natürlich mit mir selbst, meiner Biografie, meinem Foto, also meiner Autorinnenschaft, die ich frei entwerfen kann, wenn ich will auch mit multimedialem Pseudonym. Ich kann das Geschlecht wechseln, das Alter, Haarfarbe sowieso. Nur zum Buch sollte es passen und eine Adresse haben für das Impressum. Neulich lernte ich eine Autorin kennen, die unter vier verschiedenen Autorinnennamen veröffentlichte. Einmal sei ein Handwerker gekommen, so erzählte sie, und habe auf all die Namen auf ihrem Klingelschild gedeutet: „Und so viele Leut wohnen in des kleine Häusle?“

Sich veränderndes eBook

Wenn ich mein Ebook auch nach der Erstveröffentlichung weiterschreibe, hat jeder Käufer, der ein älteres Exemplar gekauft hat, automatisch das Anrecht auf ein Update erworben. Denkbar wäre es also, einen Roman zu schreiben, in dem ich beständig die Figuren, die Handlung, den Anfang, das Ende ändere. Das war sicher nicht so gedacht, wäre aber eine Möglichkeit. Jedes Mal, wenn Leser_innen sich bei ihrem eBook-Anbieter anmelden, würde der Inhalt meines Buches verändert. Der Leser oder die Leserin wüsste dann nie genau, wo er oder sie sich im Buch befindet. Selbst das, was er oder sie bereits gelesen hat, könnte schon wieder umgeschrieben worden sein. Genauso könnte das ursprüngliche Ende, das die Leser_innen mit dem Buch gekauft hat, bereits vier Mal geändert worden sein, wenn sie am Ende angelangt sind.

eBook-Autor_innen

Erfolgreiche eBook-Autor_innen haben häufig nicht nur eine Leser_innenschaft sondern vielmehr eine Fangemeinde. Diese Fangemeinde trifft die Autorin oder der Autor auf Facebook, YouTube, Snapchat, Instagram oder aber wird auf Buchmessen von ihr umringt. Die eigene Figur als Autorin oder Autor zu entwerfen und in den sozialen Medien zu vermarkten, gehört zum Geschäft, ist zum Begleittext geworden. So kann man den Heiratsantrag des Freundes auf YouTube senden, antwortet den Fans auf Facebook oder signiert eBook-Reader-Hüllen. Mittlerweile lassen sich eBooks auch mit einem digitalen Unterschriftdienst signieren. Wie die Telefonhörertaste auf dem Handy ist das eine wie das andere ein Relikt aus der Vergangenheit, das es nur noch als Symbol in die Neuen Medien hinübergeschafft hat.

Multimediale Autor_innen

Während das eBook also in der Regel nicht den Inhalt der Bücher verändert oder gar revolutioniert hat, sind zumindest die Autorinnen multimedial geworden. Dadurch ist es viel wichtiger geworden, dass die Autorin als Figur auch zum Buch passt. Wie das Buch zum Film gibt es jetzt die Autorin zum Buch. Sollte ich also als Autorin partout nicht zum Buch passen, kann ich mir ja eine mieten.

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Rolfs Schreibwerkstatt:

Maja schreibt auch

Birgit schreibt. Sie ist ein fröhlicher Mensch. Birgit hat auch Down Syndrom. Aber darüber schreibt sie nicht. Sie schreibt am liebsten übers Essen: Schokolade, Käsekuchen, Vanillepudding, Gummibärchen und Kekse.

Rolf ist Sozialarbeiter in Rente und veranstaltet einmal im Monat eine Schreibwerkstatt für Menschen mit Behinderungen in den Praunheimer Werkstätten in Frankfurt am Main. Er tut das ehrenamtlich. Er ist auch der Bruder meines Freundes. Neulich hat er auf einem Familientreffen so leuchtend von seiner Schreibwerkstatt erzählt, dass ich sofort Lust bekam, sie zu besuchen. Es ist schön über Menschen zu schreiben, die das lieben, was sie tun.

„Das ist Maja Linthe“, sagt Rolf zu den anderen, „sie schreibt auch. Ich habe gerade eine Kurzgeschichte von ihr gelesen.“ Das reicht. Alle nicken anerkennend. Sie schreiben ja auch und wissen, wie schwierig das ist.

Birgit legt ihren Text aus der Hand und reicht sie mir. Sie spiele gerne Fußball, auf dem Sommerfest hier in den Werkstätten habe sie gewonnen. Ich erzähle ihr, dass mein Sohn ebenfalls zum Fußball gehe. Ja, ihrer auch, erwidert sie, hält kurz inne und verbessert sich – ihr Bruder!

Über Prominente schreiben, ist gefährlich

„Über prominente Leute schreiben, ist gefährlich“, sagt Rolf gerade, „das sieht man ja an dem Kohl“. Die anderen nicken, gehen wohl in Gedanken ihre Texte nach Prominenten durch. In einer Geschichte kommt nämlich Angela Merkel vor, in einem gläsernen Schiff. Gemeinsam mit einer Teilnehmerin beugt sich Rolf jetzt über deren Blatt: „Was heißt denn das? Das konnte ich nicht entziffern.“ Sie rätseln gemeinsam, kommen aber zu keinem Ergebnis. „Das ist Original-Katharina“, sagt Rolf dann anerkennend zu ihr über den Text, „das gibt es nirgendwo sonst.“ Katharina kichert erfreut und alle setzen sich wieder auf ihre Plätze. Die Stühle sind bunt, der Raum ist es nicht, eine Behindertenwerkstatt, die nicht mehr behindertengerecht ist. Der Neubau soll schon bald bezogen werden. Aber soweit ist es noch nicht.

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Die Lesung

Rolf blickt sich freundlich in der Runde um. Es habe ja beim letzten Mal den Wunsch gegeben, eine Lesung zu machen.

„Kann ich was vorlesen?“, ruft einer rein.

„Ich habe von jedem eine Geschichte mitgebracht. Wer will, kann, wer nicht will, muss nicht vorlesen. Hier ist heute `ne Lesung und wer schwätzt, wird rausgeschmissen.“

„Aber du bist doch nett, wie kannst du mich denn rausschmeißen?“

Birgit ist als erste dran. Sie zwängt sich zwischen den Stühlen hindurch nach vorne, denn die, die liest, soll vorne sitzen, damit es eine richtige Lesung ist. Sie hält den Text mit beiden Händen, die Brille auf der Stirn, Rolf hilft ihr beim Entziffern. Sie liest aus ihrem Text: „Heute hat der Alexander geweint. Ich weiß nicht warum. Er ist ja mein Freund.“ Als sie geendet hat, klatschen alle. „Gut gelesen!“, sagt Rolf. „Ja“, sagt Birgit und setzt sich wieder auf ihren Platz.

Urheberschaft

Es ist unruhig geworden. Letztes Mal war „Sommer“ das Thema, und dazu haben zwei der Teilnehmer gemeinsam einen Text geschrieben, den sie jetzt lesen wollen. Sie sind sich nicht einig über die Urheberschaft. Aber es gibt keinen Streit. Er habe bei den ausländischen Wörtern geholfen, sagt der eine schließlich, und der andere nickt.

Der erste ist schüchtern. „Kommst du her zu mir?“ Rolf deutet auf den Stuhl für die Lesung. „Nee, nee.“ „Feigling. Das hier ist die Überschrift.“ Rolf zeigt sie ihm. „Weiß ich nicht.“ „Soll ich`s vorlesen?“ Schließlich einigen sie sich, dass der andere den Text vorträgt. Der geht stolz nach vorne, setzt sich, liest die Überschrift und fügt hinzu: „Von mir.“

Shooterspiel mit Aliens

Es folgt eine Pause. „Also, das ist ein Shooterspiel mit Aliens.“ Er blickt bei der Erklärung kurz in die Runde, mehrere Zuhörer schlafen bereits. Er liest weiter: „Es gibt viele schöne Frauen hier. Porno im Puff.“ Alle, die wach sind, lachen. Als sein Ich-Erzähler eine Straße entlang geht, ruft der Autor in seinen eigenen Text hinein: „Das war ich natürlich.“ Am Ende klatschen alle und wecken die, die eingeschlafen sind, wieder auf. „Das war’s jetzt schon? Ich will weiterlesen.“ Widerstrebend geht der Autor zurück an seinen Platz und fragt seinen schüchternen Nachbarn: „Wie war ich?“ Der schlägt ihm anerkennend auf die Schulter.

Rolf mischt sich ein. Wenn das nur abgeschrieben sei vom Computerspiel, dann müsse er das rausnehmen, das sei ja nicht fair. Er will auch den Einwand der beiden ungleichen Autoren nicht gelten lassen, dass das ja eh nicht öffentlich gemacht werde. Die beste Möglichkeit sei immer noch, eigene Figuren zu erfinden, da habe man keinen Ärger.

Der nächste Text ist ein Songtext. Der Autor möchte nicht nach vorne kommen. „Können Sie`s lesen?“, fragt Rolf. „Schwierig“, sagt der. Schließlich findet sich ein anderer bereit, den Songtext zu rappen. Die Zuhörer wippen und wiegen sich im Takt. Es macht nichts, dass nur wenig vom Text zu verstehen ist. Als dann wirklich alle gelesen haben, sagt Rolf: „Das war das Ende der Lesung.“
„Was, fertig? Noch weitermachen!“

Der Krimi

Rolf will, dass alle noch ein wenig schreiben, vielleicht Geschichten für die Weihnachtsfeier. Das Thema sei egal, nur keine Tötung am laufenden Band. Pablo schlägt vor, an einem Termin seinen ganzen Roman vorzulesen. Rolf wiegt den Kopf hin und her: „Das könnte lang werden. Vielleicht, wenn nur ganz wenige da sind.“

Aber Pablo gibt nicht auf, er möchte Rolf noch den Rest seines Romans diktieren. Die beiden gehen in einen kleinen Nebenraum, und Pablo nimmt die Karteikarte mit seinen Figurennamen zur Hand. Rolf schreibt mit der Hand auf, was Pablo diktiert. Es ist ein Krimi: „Todesursache: Verkehrsunfall!“ Rolf schreibt und fragt: „Wer tippt denn das ab in den Computer?“ „Überleg ich noch!“

Das Ende

Pablo diktiert weiter das, was Rolf einen komplizierten Kriminalfall nennt, und der mahnt auch an, dass es an der Zeit sei, den langen Krimi zu Ende zu bringen. Schließlich verkündet Pablo den letzten Satz: „Und er wurde zum Gott einer neuen Welt.“ Rolf wiederholt und schreibt das auf.

„Ende“, sagt Pablo, „ja, das Wort „Ende“ – es ist vorbei.“

„Wer tippt das jetzt ab?“, fragt Rolf und Pablo erwidert: „Wie wär’s mit Sie?“ Beide lachen.

„Soll ich was sagen? Ich hab‘ am Schluss nicht mehr richtig kapiert, was passiert“, wendet Rolf ein. Pablo nickt und sagt: „Aber ich find` gut, dass die Geschichte zu Ende ist. Was sagen Sie?“

Er kündigt eine neue Geschichte an, von einem Cyborg, der unheimlich stark ist, aber aussieht wie eine hübsche Blondine. Die Geschichte werde schneller gehen, verspricht Pablo mit Blick auf den ungeduldigen Rolf. Er habe sich vorgenommen, eine Art Serie aufzubauen.

Birgit geht an der Tür vorbei. Sie hat einer anderen Ehrenamtlichen ihren Text diktiert. Sie winkt mir zum Abschied. „Ich wollt` mal, dass du was anderes schreibst“, sagt Rolf gerade zu Pablo. „Es gefällt mir aber!“ „Okay“, seufzt Rolf, „ich geb mich geschlagen“. Wir packen zusammen und gehen gemeinsam die Treppe hinunter. Unten halte ich Ausschau nach Birgit, aber die ist schon weg. Sie malt nämlich auch.

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Im Kasten

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Keiner kennt mich. Selbst mir ist es herunter gefallen vom Kopf, wer ich bin. Ich verstecke mich im Kasten hinter der Scheibe, in diesem Licht, das angeht und aus, an und aus. Da sind Blicke, die suchen nach Haut und schlüpfen mir unter die Kleidung. Wenn es dunkel ist, kann ich mich selbst nicht erkennen. Der Kasten ist leer bis auf mich, die nicht weiß, worin denn der Kasten steckt. Draußen haben sie Sprechapparate, so winzig klein als wären es keine. Sie bewegen die Lippen als äßen sie Luft, schauen finster dabei, so als schmecke sie nicht. Manchmal klopfe ich an die Scheibe. Sie hören mich nicht. Ich rede wirklich mit mir, schreibe für mich hier im Kasten.