Archiv der Kategorie: Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Nachtgespenst

… es verläuft sich von einer Straßenlampe zur nächsten
und rettet sich so vor dem Dunkel in trostspendendes Licht;
flieht dann aber doch in heilige Umnachtung zurück …

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Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Liebesgedicht an einen Seelenverwandten

Ich sah dich stehen
unter anderen finsteren Gestalten
warst du der Finsterste und
ich habe dich sofort geliebt dafür.
Jedes Mal
wenn ich an dir vorüberging,
wenn ich in deine garst‘ge Fratze sah,
wenn ich vergeblich
deinen Grimm
auf mich zu lenken suchte, Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen weiterlesen

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Der Fussel-Index

Im Laufe des letzten Jahres wurde ich mit einem Problem konfrontiert, das sich mir in dieser Härte noch nie gestellt hatte. Es handelt sich um Fusseln, Fädchen, Flusen oder auch Wuzerl, wobei  Letzteres eine Verniedlichung darstellt, die dem niederträchtigen Charakter dieser Erscheinung nicht gerecht wird.

Es fing an mit dieser schicken Strickjacke. Nach ein paar Stunden bereits hatte sie mithilfe einer Invasion von Fusseln Besitz ergriffen von meiner schwarzen Hose,  eine aggressive Landnahme sozusagen. Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass diese Strickjacke in der Türkei produziert worden ist und da Erdogan Deutschland offenbar für eine widerständige türkische Kolonie hält, sehe ich hier einen tieferen Zusammenhang.
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Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Flaschenpoetik

(Fs. zu „Aufmerksamkeiten“ vom 07.10.2016)

Da steht es, das Fläschchen, immer noch unberührt, ungeöffnet, beunruhigend unversehrt. Der Empfehlung, den Geist aus der Flasche zu lassen, bin ich also nicht gefolgt. Was wäre auch gewonnen, hätte ich es getan?

Das Fläschchen selbst ist ja völlig leidenschaftslos, ist einfach nur ein Fläschchen von vielen, verziert mit der berühmten Marien-Erscheinungs-Szene von Lourdes und angefüllt mit Weihwasser, vor dem ich dank meiner katholischen Jugend keine Berührungsängste habe. Hätte ich das Fläschchen geöffnet, wäre vermutlich nichts passiert und ich wäre nach wie vor beunruhigt. Denn die Beunruhigung geht von mir aus, sie spiegelt sich nur in den Dingen und Wesen um mich her.

Nehmen wir aber mal an, das Fläschchen wäre gar nicht so unschuldig, sondern würde tatsächlich eine Art Flaschengeist beherbergen, der entfleucht, sobald das Fläschchen geöffnet wird und mit ihm verschwände das Beunruhigende an der Existenz dieses Fläschchens. Dann wäre ich nicht länger beunruhigt – und wie beunruhigend ist das denn! Schließlich verdankt sich der Blogtext zu einem großen Teil dieser Beunruhigung, was bedeuten würde, dass mich mein Bedürfnis, dem Fläschchen auf den Grund zu gehen, meiner Inspiration berauben würde. Und die Beunruhigung darüber, meiner Beunruhigung verlustig zu gehen, hat nun diesen Folge-Text verursacht.

Deshalb glaube ich auch, dass die Gebrüder Grimm den Flaschengeist schön in der Flasche gelassen haben, um Geschichten erzählen zu können. Wer allem auf den Grund gehen will, alle Geheimnisse lüften will, der sollte in die Wissenschaft oder die Politik gehen, da ist das eine wichtige Sache.
Im Schreiben, in der Poesie lüfte ich das Geheimnis nicht, sondern lasse mich von ihm inspirieren und schnüffle mich wie ein junger Hund an der Flasche entlang, um ihr Wesen zu ergründen, ohne ihr Geheimnis zu zerstören, das ich lieber feiern will. Denn sie spiegelt mein Geheimnis und wehe all diesen Psycholog(-inn)en, die uns die dunklen Ecken unserer Seele ausleuchten wollen, die uns aufschrauben wollen und den Geist austreiben wollen, um nicht mehr von uns beunruhigt zu werden …

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Aufmerksamkeiten

Ich sitze in meiner Küche und sehe mich um. Mein Blick fällt auf Gegenstände, die mich irritieren; weil ich sie lange übersehen und dabei vergessen habe und nun feststelle, dass sie noch existieren; weil ich nicht mehr weiß, woher ich sie habe;  oder weil ich mich eben nur zu gut daran erinnere, wie sie in meinen Besitz gelangt sind.

Dieses Fläschchen beispielsweise, das das Tageslicht nutzt, um sowohl Schatten als auch ein Leuchten an die Wand zu werfen, hat mir eine ehemalige Freundin aus Lourdes mitgebracht. Es ist bis zum Anschlag gefüllt mit geweihtem Wasser und trotzdem liegt wohl eine Art Fluch darauf. Denn die Schenkende ist mir mittlerweile nicht mehr wohlgesinnt.

Das Bild, das eine andere Freundin mir einst schenkte, ist kurz vor dem Entschlafen unserer Freundschaft von der Wand gefallen und zerbrochen. Die drei Kakteen, ein Geschenk meiner drei Freundinnen aus Teenagertagen, sind damals gleichzeitig mit unserer Freundschaft eingegangen, so auch die Pflanze einer weiteren Ex-Freundin.  Und dann ist da noch die Tasse, die ein enger Freund mir getöpfert hat und die um die Zeit seines Todes plötzlich einen Sprung bekam.

Manche Geschenke sind  mehr als Dinge, sie sind Aufmerksamkeiten und gelegentlich selbst mehr als Aufmerksamkeiten. Und dann nehmen sie das Enden von Liebe, Freundschaft und Respekt persönlich und fallen von Wänden und Fenstersimsen, ersticken unter Mehltau, bekommen Risse und brechen auseinander.

Nur dieses Fläschchen ist noch nicht zerbrochen, obwohl es doch allen Grund dazu hätte. Und das beunruhigt mich.

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

P1050699Undurchschaubares Kompott

In den Weiten des finsteren Havellandes lauert versteckt zwischen Bäumen dieses geheimnisumwitterte Bauwerk, um das sich Geschichten ranken, die man mir zuraunte, nicht ohne sich dabei mehrmals vorsichtig umzublicken.

Eine kleinformatige, gut gepolsterte Frau aus der Gegend versicherte mir beispielsweise, dass es sich um die Weltzentrale der Pygmäen handele – ein kleinwüchsiger, geheimer Volksstamm, bekannt bereits aus der Antike und im Volksmund Schlumperzwerge genannt. Daran gäbe es keinen Zweifel, da die Form des Gebäudes einer überdimensionierten Schlumperzwergzipfelmütz nachempfunden sei. Und man solle sich nur nicht täuschen lassen von der murkeligen Erscheinung der Schlumperzwerge – sie seien hochgefährlich! Befände sich doch unter diesem Schlumperzwergzipfelmützturm ein gigantischer unterirdischer Komplex, der von den Zwergen militärisch genutzt würde und in dem sie sich in beängstigender Zahl fortpflanzten. Sie hätten es auf die Weltherrschaft abgesehen und ihre barbarischen Kriegspläne seien bereits weit gediehen. Namhafte Politiker steckten mit ihnen unter einer Decke, es handele sich hier um ein „undurchschaubares Kompott“.

„Das ist natürlich Unsinn“, erklärte mir leise ein hagerer, nahezu fleischloser Veganer. Die Dame habe wohl zu viel Tolkien gelesen. Nicht umsonst nenne man dieses Gebäude den Zuckerhut, weil von dort aus der raffinierte Zuckerbaron regiere. Er wisse aus zuverlässiger Quelle, dass der Zuckerbaron überall seine klebrigen Finger drin habe und er und seine Zuckermafia hätten die Weltherrschaft bereits inne! Die Leute merkten gar nicht, dass sie zuckersüchtig und damit abhängig vom Zuckerbaron seien. Selbst die Verächter von Süßigkeiten seien auf Droge, vor allem auch dank der so genannten Chemtrails, die in Wirklichkeit Sugartrails seien, Wolkenbahnen aus feinstem Puderzuckermehl, das durch die Atemwege in den Körper gelange und dort sein zerstörerisches Werk tue! Die Zuckerkristalle lagerten sich nämlich schon bald in den Gehirngängen ab und ich könne mir wohl vorstellen, was das bedeuten würde: eine zunehmend verblödete, willenlose Weltbevölkerung!

„Das ist natürlich Unsinn und typisch Ökospinner!“, meinte ein strammer Reiter in Loden, dessen blonde Frau neben dem Pferd her trabte. Sie blieben stehen und sahen sich nach allen Seiten um, bevor der Mann fortfuhr, begleitet vom rhythmischen Nicken seiner Frau. Diese Mär vom bösen Zuckerbaron erzähle man doch nur kleinen Kindern, um sie von Schokolade und Bonbons fern zu halten. Tatsache sei vielmehr, dass im Inneren dieses granatbusenförmigen Turms Hexen und Succubi ihr Unwesen trieben, will sagen: wild gewordene Feministinnen! Sie experimentierten mit Gedankenmanipulationen und hätten damit zum großen Schaden der Menschheit bereits Erfolge erzielt. Man denke nur an die Vorfälle an Silvester 2016 in Köln! Die Männer seien von diesen schamlosen Weibern gedanklich manipuliert worden zu dem Zweck, endlich die Verschärfung des Sexualstrafrechtes durchzusetzen, um unschuldige Männer noch leichter hinter Gitter zu bringen! „Warten sie noch ein paar Jahre und auf harmloses Busendatscheln steht die Todesstrafe, jawoll!“¹

¹Wir möchten die Leser*innen hiermit darauf hinweisen, dass die Autorin dieses Textes verdächtigt wird, der Geheimorganisation Elfenbeinturm anzugehören, die in oben abgebildetem, fensterlosem Gebäude residiert. Verschiedenes weist darauf hin, dass es das Ziel der Elfenbeinturm-Loge ist, mit Hilfe abstruser Verschwörungstheorien und völlig realitätsfernen Geschichten die Bevölkerung tief gehend zu verunsichern und in die Paranoia zu treiben. Jede*r Leser*in liest diese Geschichte auf eigene Gefahr – wir übernehmen keinerlei Haftung für etwaige geistig-psychische Schäden, die aus der Lektüre entstehen und distanzieren uns vom Inhalt dieses Textes.

 

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Ich laufe das Ufer entlang, trotz „Frühling“ in dicker Winterjacke und obwohl ich friere, hole ich mir einen Sonnenbrand. Gerade will ich anfangen, mich darüber zu ärgern, als ich den Mann im Wasser entdecke. In Badehose, also halbnackt, und das bei dieser Kälte! Ein Held, fürwahr! Sozusagen die personifizierte Abhärtung und Disziplin und damit das Gegenteil von mir.

Er steht da ganz lässig, als würde nicht der eisige Wind um seinen halbnackten Körper pfeifen und blickt in meine Richtung. Ohne Brille kann ich den Grad seiner Attraktivität nicht abschätzen. Als ich sie endlich in meiner Tasche gefunden habe und aufsetze, werde ich enttäuscht: Der Mann im Wasser ist eine Schaufensterpuppe.

Mein Held ist also nur eine Illusion, die sich – wie nahezu alle meine Illusionen – wieder einmal nicht lange aufrechterhalten ließ. Mir sterben die Illusionen in den letzten Jahren weg wie die Fliegen! Ich beobachte neiderfüllt, wie andere sich aus ihren robusten Illusionen prächtige Puppenhäuser bauen, ja, ein ganzes Leben, und daraus Hoffnung ziehen, Mut und Tatkraft. Sie springen  vermutlich jeden Tag frisch und energiegeladen aus dem Bett, während sich bei mir schon morgens die Sinnlosigkeit wie eine Staubschicht aufs Gemüt legt und mich in Lethargie verfallen lässt.

Ich lasse den falschen Helden hinter mir und laufe desillusioniert gegen den eisigen Wind an. Er kann mich nicht aufhalten. Na also, sage ich mir und tröste mich mit dem Gedanken, dass meine Illusionslosigkeit womöglich ebenfalls eine Illusion ist, aus der doch immerhin ein Trotz erwächst, der mich durchs Leben bringt, irgendwie.

 

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Annäherungsweise verfehlt oder: grob gerechnet

Eines Abends, irgendwo in einer Bar am Prenzlauer Berg; an der Theke drei Kneipengäste im Gespräch, ein groß gewachsener, blonder Mann mit exaktem Haarschnitt, zwei im Vergleich dazu eher kleine Frauen mit unterschiedlicher, schwer zu definierender Haarfarbe und Frisur.
„Und, wie viele Kilometer sind es von dir zu Hause bis nach Berlin?“ fragt er die etwas Größere der beiden Freundinnen.
„ Ich fahre ungefähr eine gute Stunde.“
Er schüttelt verständnislos den Kopf. „Ich habe nach Kilometern gefragt.“
Sie zuckt bedauernd die Schultern.
„Na ja, das kann man ja ausrechnen. Wie viel Stundenkilometer fährst du im Schnitt?“
„Das kommt darauf an.“
„Das kommt darauf an!?“ Er dreht sich in hilfloser Verärgerung zur anderen um. „Bei einer klaren Fragestellung sollte man doch wohl eine klare Antwort erwarten können?“
„Ja, das ist sicher irgendwie unbefriedigend.“
Misstrauisch sieht er auf die blinzelnde Brillenträgerin herab, fragt dann aber doch, halb besänftigt durch ihr Lächeln: „Bist du auch mit dem Auto da?“
„Ich wohne nicht weit von hier.“ Sie nippt an ihrem Whisky.
Er starrt sie wortlos an. Dann greift er nach seinem Bier, dreht sich brüsk um und lässt die beiden Frauen stehen.

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

SCHNEE VON HEUTE

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Offenbar Hunderte von Männern arabischer/nordafrikanischer Herkunft, die sich an Silvester mitten in Köln zusammenrotten, Frauen und Mädchen bedrohen, sexuell bedrängen, bestehlen. Ich versuche vergeblich, die in mir aufkommenden, wütenden  Gewaltphantasien in den Griff zu kriegen. Es gelingt mir erst, als ich aus dem Fenster sehe: Der erste Schnee!

Jedes Jahr hat er die gleiche Wirkung auf mich: Ich werde völlig ruhig und lächle, egal wie genervt oder wütend ich gerade eben noch gewesen sein mag. Und dann erinnere mich daran, wie ich als Kind in den Himmel gesehen habe. Die Schneeflocken flogen auf mich zu wie Botschaften aus der Zeitlosigkeit und ich konnte mich nicht satt sehen, sah so lange in den Himmel bis ich alles um mich herum vergessen hatte. Deshalb reagiere ich wohl auf die ersten Schneeflocken wie ein Pawlowscher Welpe: Ich freue mich, freu mich so, laufe auf die Straße, setze meine Brille ab und tapse, ganz Hanna Guck-in-die-Luft, durch die tanzenden Eiskristalle.

Als die gefühlt letzte Schneeflocke gefallen ist, setze ich – immer noch lächelnd – meine Brille wieder auf, betrete den Laden an der Ecke und kaufe mir ein scharfes Klappmesser, das angenehm in der Hand liegt.