Archiv der Kategorie: Allgemein

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Bushaltestelle

Trüb der Himmel. Sprühregen und Nebel. Ich ziehe die Schultern hoch und den Schal bis über die Nase. Der Bus kommt. Hat nur noch fünfzig Meter bis zur Haltestelle so wie auch ich. Aber er fährt und kommt näher. Ich warte an der roten Ampel. Autos rauschen vorbei, viel zu viele, viel zu schnell.
Der Bus hat die Haltestelle beinahe erreicht. Ich sehe den Blinker, trete auf der Stelle. Die Ampel springt um.
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Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Zieht euch warm an, die Zeit der Windsbraut ist gekommen! Sturmzerzaust braust sie mit gewetzten Zähnen durch schwarzes Gewölk und wirbelt über finsteren Himmeln rasende Schönheit auf. Sie heult um die Ecken vermeintlich sicherer Häuser, in denen Frevel hausen, schreit bis die Fenster platzen und fegt durch schmutzige Stuben, tobt durch missbrauchte Betten, reißt und zerrt am Niederträchtigen bis es in Fetzen liegt …

 

Anja Koemstedt. Notizen aus dem Papierkorb

ruhig brauner

all die alternativen für deutschland

aldi alter nativ für deutschland und ein liedl auf den lippen

von völkern und freiheit und

geld macht geil

und endlos gleist das gebalke der donnermänner durch meinen gehörgang

„lasst uns unser land in ein land der pilze verwandeln!“

flüstert kim jong un aus tausend lautsprechern

(das träume ich, das flüstern; beinahe schon poetisch)

vorbildliche ordnung

thomas bernhard bleibt erstaunlich ruhig und schreibt: „ da ist ein nazi in der suppe“

ja, frau christa wolf, welch glückliche einrichtung, dass auf der stirn nicht zu lesen ist, was hinter ihr gedacht wird

das erledigt heutzutage unser täglich netz

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Wählen gehen!

Es einfach tun. Keine Ausreden. Kein Wenn und Aber.

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Eine Schlange von den Tischen bis zur Tür.
Sich die Zeit vertreiben, die Wartenden studieren. Was die wohl …?
Der Alte vorn führt seinen Dackel aus, schaut kurz im Rathaus vorbei. Einmal wie immer, bitte. Dem Hund ist’s egal.
Die Frau im Schlabberlook hat die Lippen fest aufeinandergepresst. Drängelt und schubst und schiebt sich vorwärts. Will endlich heimzahlen. Oder ist bloß sauer, weil ihr Lover sich das Frühstück aus den Zahnzwischenräumen pult.
Muss ihr Lover sein, tätschelt nun ihren Hintern. Blickt sich um. Alles neu für ihn. Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen weiterlesen

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Denk/mal schräg

Beim absichtslosen Schlendern in einem verwilderten Schlosspark entdeckte ich diesen verlassenen Sockel; als sei die jeweilige Göttin, Königin oder Philosophin herabgestiegen und mal kurz auf Reisen gegangen. Bei näherem Hinsehen hielt ich es allerdings für wahrscheinlicher, dass die jeweilige Göttin, Königin oder Philosophin sich auf dem schrägen Sockel nicht halten konnte, herabstürzte und im Vergessen entsorgt wurde wie viele andere gebrochene Frauen.

Nun, was auch immer geschehen war, der Platz war frei und ich Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen weiterlesen

Dreiländereck

Grenzland ohne Grenzen. Wilde Wege durch wuchernden Wald. Bergauf, bergab. Die Federgabel arbeitet, die Knie auch. Knirschende Reifen, Keuchen. Ansonsten Stille. Grünes Laub, rote Beeren. Licht und Schatten.

Pling – eine sms, die einen im Ausland begrüßt, über Tarife in Europa informiert. Man hat wohl eine Grenze überquert. Pling – man ist wieder eingereist. Rechte Biege – pling, linke Biege – pling. Abends zählt man Nachrichten und weiß, wie oft man im Ausland war. Andere Nachrichten kriegt man nicht. Notrufe, ja – normale Rufe, nein. Im Wald sind Sendemasten rar.

Im Dorf ist der Empfang kaum besser. Doch das Quartier soll Internet haben. Es läuft über eine alte Überlandleitung zum Haus. Und gibt tatsächlich ein Signal. Wenn man den Hocker unters Dachfenster schiebt. Sich darauf stellt. Das Handy aus dem Fenster streckt. Wir lachen, als wir auf Nachrichtenfang gehen. Du die Emails, ich die Zeitung. Zum Umblättern muss wieder eine auf den Hocker klettern.

Bei Gewitter gibt es kein Netz. Der Blitz hat schon vier Geräte geschmolzen. Der Gastgeber hütet das fünfte, schaltet bei Regen ab. Bei Regen? Sie nennen Regen, was bei uns Unwetter heisst. Blitze tanzen um den Berg, Donner kracht, Wege verschwinden: Es gießt von oben, spritzt von unten, gurgelt, wirbelt, flutet ins Tal. Wir suchen Schutz unter Bäumen.

Zwei Einwohner spazieren gemütlich vorbei, suchen Pilze. Ein Hund tobt ausgelassen, schüttelt sich. Tropfen stieben aus seinem Fell, neue fallen von oben nach.

Am nächsten Tag scheint die Sonne. Wir frühstücken auf dem Balkon. Plaudern. Schauen. Schweigen. Der Gastgeber schickt das fünfte Gerät zur Reparatur. Abends braten wir Pilze.

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Nachtschicht

Sie musste wach bleiben, den Blick auf die Formel richten, P1010165adie noch immer nicht stimmte. Sie gähnte. Rieb sich die Augen. Gähnte erneut. Den ganzen Tag lang das Grübeln und Verwerfen für nichts. Eine neue Berechnung. Der nächste Versuch. Papierkorb, real und digital. Weg damit.
Es arbeitete weiter und immer weiter in ihrem Hirn, obwohl längst das Mondlicht hell auf ihren Schreibtisch fiel. Etwas war falsch falsch falsch.
Die Glieder wie Steine so schwer. Sie ließ die Schultern kreisen und spürte keine Besserung. Vielleicht sollte sie kurz den Kopf auf die Arme sinken lassen. Und die Augen schließen. Nur für … ein paar … Minuten. Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen weiterlesen

Anja Koemstedt. Notizen aus dem Papierkorb

schlafes schwester lullaby

 

sprache spricht auch wenn wir schlafen wispert uns zu raunt ungehörtes

musssoseinsagtsie

noch durch die vergessensten gehirngänge

windet sie sich

ichwilldasnicht

wo doch der mond

unerbittlich hell go to hell so hell

ich würde gerne schschschsch ich darf nicht ich muss

nur nichts als immer

sprache

sprache

verwaist beinahe

unterwegs in engen gassen unerhört

drückt sich in hauseingänge schleicht

durch flure tröpfelt an vorzimmertüren entlang lungert

herum im wartebereich leckt

plastikstühle ab aus langeweile

schmeckt reste weiblicher sitzfeuchte

atmet ———————– durch meinen in meinen

nachtschwarzen saustall hinein
(zwingt mich zu: nacht + schwarz)

(siehe auch: zu: mond + hell go to hell)

also: durch den nachtschwarzen saustall meiner wüsten bilder schießen da

plötzlich < verboteneswort <ichwilldasnicht!

kataraktartig versatzstücke aus wortbruchbaustellen und

übernehmen kurzerhand die bildregie

furchen bahnwitzig zwischen adverbiallosen acryllacken und hirnlosen lösungsmitteln herum (lösung!

los-er-end-, ja, was nun, lösung? mittel? bist du eins? hast du eins? zur lösung?)

 

ich würde gerne schschschsch ich darf nicht ich muss

nur nichts als immer

sprache

schlafdurchlöchert wachliegend ich

spricht sie mich un ent wegt an

 

(mögliches happy end ((eine erfindung von ausgeschlafenen)):

den pinsel getränkt IN BLACK

weg ist der mond)

Fahren fahren durch die nacht..

Licht innen, schwärze hinter dem fenster. Nachts in bewegung sein. Sanftes schaukeln. Ein besonderes gefühl von geborgenheit. Bei sich sein und doch die welt durchstreifen. Eine stimmung, die jeder form nächtlichen reisens zu eigen ist.

Im fluss sein während draußen alles schläft. Die gedanken folgen sich selbst. Sie scheinen eigene Ideen zu haben, wohin sie möchten. Die Korrekturinstanz ist ausgeschaltet. Schreiben als bloßes aufzeichnen. Sichtbar machen, was schon da ist.

Die bewegung im kopf ein sanftes gleiten, passend zur bewegung des zuges über gleise. Stationen als störungen im gedankenfluss.

Dann plötzlich gestrandet. Unser lokführer geht nach hause. Die ablösung ist noch nicht da. Vierzig minuten warten. Auf jemanden, von dem es heisst, er sei noch auf der strecke. Vierzig minuten gedankenstau.

Einzige erkenntnis: Nächte auf schlafenden bahnhöfen gehören zu den langweiligsten erfahrungen seit der erfindung des künstlichen lichts. (Möchte man wirklich die erfahrung machen, nachts auf einem bahnhof ohne künstliches licht zu sein?)

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Warum ist es unangenehm, in einem stehenden zug an einem tisch zu sitzen und zu schreiben, während man dieselbe bewegungslosigkeit an einem tisch im café geniesst?

Stecken geblieben. Das ist die erfahrung. Und das ist auch das gefühl beim schreiben. Nicht vom fleck zu kommen.

Eine stunde später ein einfahrender zug. Hoffnung, dass wir dessen lokführer ausborgen können. Da kommt er. Bleibt stehen. Allein, mitten auf dem bahnsteig, raucht. Muss das sein? Immer diese süchtigen! Wir wollen endlich weg hier.. Ok, ok. Der mann hat seine pause verdient. Rauche, bitte, in ruhe. Und fahr uns dann, entspannt, sicher, nach hause.

Eine zweite erkenntnis: Abhängig sein macht schlechte laune. Und eine delle in die kreativität.

Wir rollen wieder. Korrekter: Wir rumpeln. Liegt es an den gleisen oder an der wahrnehmung? Es dauert – lange – bis dieses gefühl von freiheit, leichtigkeit, zurück kommt.

In sich ruhend durch die welt fahren, nachts..

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Schnell die Zähne putzen. Und duschen. Etwas trinken to go. Flugs noch Geld holen. Und ausgeben. Die Zeitung überfliegen. Oder den Äquator. Die Welt bereisen. Und ein Selfie schießen. Vielleicht auch den Vogel ab. Mal eben die Arbeitszeit hinter sich bringen in der Werkstatt, im Labor, in der Praxis, im Büro. Ein Callcenter in der Leitung. Der Anruf kostet Sie. Pro Minute. Fix was essen. Rasch ein Kind zeugen. Rush Hour, um Himmels Willen, so lange dauert das nicht. Kurz das Kind füttern. Und den Opa auch. Ihn beerdigen. Eilends trauern. Blick nach vorn. Licht am Ende des Tunnels. Weit weg.