Marion Boginski: Klein(ich)keiten

Gesucht wird …

Ich verliere oder verlege überaus selten etwas. Vielleicht in zehn Jahren ein Mal.

Aber dann! Aber jetzt!

Vor ein paar Tagen habe ich die blaue Pappmappe im Flur auf dem Schränkchen, später auf dem Schreibtisch gesehen. Aber wo ist sie jetzt?

Ich suche. Ich suche intensiv. Ich räume den Schreibtisch auf und daneben und alle Fächer im Beistellschrank. Nehme Ordner aus dem Regal in die Hand. Alle Ordner. Sicherheitshalber. Vielleicht hat das Unterbewusstsein unbewusst die blaue Mappe in die Sicherheit der Ordner geräumt.

Das Unterbewusstsein hat nicht! Ich frage: Wer hat … 

Kopfschütteln um mich herum.

Da beginnt mir der Schweiß auszubrechen.

Was, wenn …

Der Inhalt der blauen Mappe ist nicht mein Inhalt. Sind die Unterlagen für die Steuererklärung von meinem Schwiegersohn. Sind nur zwei bedruckte Blätter. Aber! Braucht das Finanzamt. Also wichtig, sehr wichtig. Ich glaube mich zu erinnern, dass sie den Vermerk tragen, bei Verlust kein Ersatz.

Ich suche erneut. In Gedanken. Versuche jeder meiner Handlungs- und Laufschritte der letzten zwei Wochen nachzuvollziehen. Das Haus rappelvoll, Enkelkinder laufen und rufen und greifen. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich die blaue Mappe von rechts nach links und sicherheitshalber weggelegt habe. Nur wohin? So sicher weggelegt, dass ich sie selbst nicht finde?

Vielleicht ist sie im Kinderdurcheinander in den Papiermüll gewandert.

So nehme ich mir die Papiertonne vor. Ist auch blau. Vielleicht liegt die blaue Mappe in blauer Tonne.

Die Tonne ist vierwochenrandvoll. Ich kippe sie auf den Rasen. Nehme jedes Blatt in die Hand. Werbung, Werbung, Werbung, Zeitungen. Gedrucktes. Ah, etwas Blaues!

Zerrissenes Bastelpapier.

Beim Wiedereinräumen nehme ich noch einmal jedes Blatt in die Hand. Als die Tonne wieder voll ist, wird mir übel. Ein wenig nur, aber übel.

Wo ist die blaue Mappe! Ich habe sie vor Augen! Ich schließe sie. Sehe sie. Schränkchen. Schreibtisch. ?

Beginne zu fluchen. Ich fluche überaus selten. Ein Mal in zehn Jahren vielleicht. Aber jetzt! Aber dann!

Sch… verdammte! Wer um Himmels willen hat …?

Und fange noch einmal von vorn an. Schreibtisch. Daneben. Schubladen. Ordner. Alle Ordner. Basteltüte der Enkelkinder. Spiele der Enkelkinder. Vieles in Blau nur keine Mappe. Ich ziehe alle Schubladen aus dem Beistellschränkchen. Vielleicht habe ich sie hineingelegt und sie ist nach hinten gerutscht. Hängt jetzt zwischen zwei Fächern fest. Und finde! Eine rote Mappe. Jedoch leer.

Bevor mir noch schlechter wird, rufe ich meinen Schwiegersohn an. Ob er eventuell die blaue Mappe mit den Steuerunterlagen, die er mitgebracht hat, wieder eingepackt hat. Welche blaue Mappe, sagt er. Die Unterlagen sind in einer grünen! Und nein. Mitgenommen hat er sie nicht wieder, weil ja ich sie brauche. Oder besser das Finanzamt.

Grün?! Wirklich grün? Die Farbe konnte ich noch nie leiden, sage ich.

Grüne Mappe auf Schränkchen und Schreibtisch? Diese Sehvorstellung klappt nicht.

Ein Plan muss her. Ein Suchplan. Beginne am Schreibtisch von vorn mit neuer Farbe. Grün, denke ich, hoffnungsgrün, hoffentlich finde ich sie wieder!

Ansonsten muss ich beim Finanzamt eine Verlängerung der Verlängerung beantragen wegen verschwundener Unterlagen. Und was, wenn bei Verlust kein Ersatz, wirklich kein Ersatz bei Verlust bedeutet?

Im Kopf habe ich grün, sehe aber rot. IMG_20160803_094153 2.Bild quer

Dazu ist es heiß im Arbeitszimmer. Fünfzig Grad mindestens. Etwas läuft an mir herunter. Hals. Rücken. Po.

Ich dehne die Suche auf alle Räume aus. Auch Küche, Keller, Klo.

Und frage erneut: Wer hat …

Gut, sagt mein Mann, ich weiß, ich habe sie nicht, aber ich suche.

Mir wird etwas besser. Ich bin mir sicher, er hat sie als seine Mappe angesehen. Besitzt jede Menge davon, in jeder Menge Farben, mit jeder Menge Infos.

Die Suche ist eine kurze Suche. Ich habe nicht, sagt er.

Du musst, sage ich. Wo soll sie sonst sein!

Dann suche du, sagt er. Ich suche zwischen seinen Sachen. Blätter, Mappen, Ordner. Er hat nicht. Niemand hat.

Wo sie ist, bleibt ein Geheimnis. Noch kein Steuergeheimnis, erst ein Verschwindegeheimnis. Oder ein Steuerverschwindegeheimnis.

Es gibt Dinge, die muss man nicht verstehen. Oder?

 

Heute ist Sonntag. Morgen kann ich anrufen und anrufen und erklären und erklären und versuchen, eine Lösung zu finden. Besser noch ich finde die Mappe.

Für zweckdienliche Hinweise bin ich dankbar! Sehr sogar!

 

 

 

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3 Gedanken zu “Marion Boginski: Klein(ich)keiten

  1. Erfahrungsgemäß finden sich verschwundene grüne Mappen mit steuerrelevanten Inhalten in der Speisekammer unter der Kiste mit den Zwiebeln, welche sich im Regal über den Kartoffeln befindet.

    Gefällt 1 Person

  2. Ich hoffe, diese grüne Mappe hat sich nur versteckt, um Dir das sonnige Wochenende nicht mit Steuerkram zu verleiden. Einfach hinlegen, Mappe visualisieren, einschlafen. Und beim Aufwachen wissen, wo sie ist. Viel Glück!

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  3. Die Auflösung des Steuerverschwindegeheimnises:
    Herzlichen Dank für eure Hinweise!
    In der Speisekammer unter der Kiste mit den Zwiebeln – über dem Regal mit den Kartoffeln – leider nichts!
    Visualisieren hat auch nicht geklappt.
    Aber zwei Tage vor dem Abgabetermin ist die Mappe wieder aufgetaucht. Mein Schwiegersohn hat sie wieder mit nach Hause genommen.

    Gefällt 1 Person

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