Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Unterrichten an der Uni Mannheim

Nächstes Wochenende werde ich an der Uni Mannheim die erste Hälfte meiner Übung „Von der Idee zum Text. Kreatives Schreiben für verschiedene Publikationsformen unterrichten.“ Ich werde die Textarten Blog, Essay, biografischer Text und Texte fürs Marketing behandeln.

17 Student*innen haben sich für die Übung angemeldet, und ich bin schon sehr gespannt. Ich erhoffe mir auch von den Student*innen Antworten darauf, wie sich unser Schreiben durch das Internet und die Digitalisierung verändert hat.

 

Das „uncreative writing“ von Kenneth Goldsmith

Im Vorfeld der Übung habe ich mich mit Kenneth Goldsmith beschäftigt, einem Autor, Künstler und Writing-Professor, der den Begriff des „uncreative writing“ prägte. Nach Goldsmith kann kein Schreiben mehr so tun, als ob es das Internet nicht gäbe. Uncreative writing bedeutet in Zeiten von Copy und Paste ein Remixen, eine Wiederverwertung von Texten, die es im Internet massenhaft gibt. Aber selbst das Abtippen macht eine Auswahlentscheidung erforderlich.

Goldsmith stellt die Frage, ob es Originalität überhaupt noch geben kann. Wurde nicht alles bereits schon einmal geschrieben. Wenn wir vorgeben originell zu sein, leiden wir dann an Selbstüberschätzung? Ein Plagiat sei nur dann ein Problem, wenn man den Diebstahl nicht offen lege. Goldsmith weist auch darauf hin, dass das Schreiben im Netz, das Warten auf Reaktionen nach der Veröffentlichung  körperliche Auswirkungen hat. Wir sind unruhig, verfolgen die Anzahl der Likes, haben eine Art direkte Verbindung mit unseren Followern.

 

Seminare im Abschreiben und Zeit verschwenden

Kenneth Goldsmith unterrichtet als Professor an der Uni. Er sagt im Deutschlandfunk über seine Seminare:

„Das eine Seminar trägt denselben Titel wie mein Buch: Unkreatives Schreiben. Darin zwinge ich die Studierenden, Texte zu plagiieren und ein ganzes Semester lang komplett unoriginell zu sein. Das andere heißt Zeit Verschwenden im Internet und wir sitzen zusammen im Hörsaal und verschwenden Zeit im Internet.”

Sein Anliegen ist, dass sich jede/r Schreibende mehr mit den Bedingungen beschäftigt, unter denen heute Texte entstehen. Kopieren ist einfach geworden und Teil unseres Schreibens. Bei der Recherche verlieren wir ständig Zeit im Netz, finden aber auch immer wieder Links, die unser Schreiben beeinflussen. Und die Kommentar- und Like-Funktion unter unseren Texten stellt eine Sofort-Verbindung mit unseren Lesern und Leserinnen her. Unser Schreiben ist ein anderes geworden.

 

Papier ist Altpapier

Als bildender Künstler hat Goldsmith versucht, das Internet auszudrucken. Das Foto von Goldsmith vor dem ausgedruckten Papier mit Texten aus dem Internet hat mich sehr berührt. Papier scheint lächerlich geworden zu sein. Meine Tochter hat sich über mich lustig gemacht, weil ich vor einigen Jahren noch einen papierenen Kalender geführt habe.

Papier hat den Ruf old–fashioned, unökologisch, unökonomisch und ineffizient geworden zu sein. In unseren Leben haben wir Massen von gedruckten Unterlagen angehäuft, in denen wir uns nicht mehr zurechtfinden, während wir mit Google in Sekundenschnelle Antworten auf Fragen bekommen, neueste Forschungsergebnisse in Texten, Bildern oder auf Video. Zwar bestimmt Google auch, was wir zuerst finden, und notiert, was wir suchen. Trotzdem kehren die wenigsten von uns aus Kritik an Google zu Meyers Lexikon zurück. Papier ist zu Müll geworden, wird heute viel schneller zu Altpapier als früher.

 

Papier-Melancholie

Vorgestern bin ich in der Unibibliothek gewesen. Sie war sehr leer, und ich kam mir merkwürdig vor, wie ich einsam durch die Reihen alter Bücher schritt, die Jahre 83 bis 86 abschritt, dann zu den neueren Jahrgängen hinaufstieg. So vieles aus dem Bibliothekskatalog kann ich heute online einsehen, dass der Besuch der Bibliothek, das Heraussuchen alter, überholter Bücher kaum noch lohnt. Es stimmte mich melancholisch durch die Reihen stählerner Regale zu schreiten. Durch das Fenster beobachtete ich die Baustelle auf der anderen Hofseite. Die Bibliothek wird umgebaut, den neuen Anforderungen der Lesenden angepasst.

Nach Hause zurück gekehrt stieg ich in melancholischer Stimmung in den Keller hinunter und öffnete den Karton mit meinen alten Kalendern, die gleichzeitig auch meine Notizbücher waren. Sie sind verschieden farbig, verschieden dick und groß. Sie sind privat, viel privater als alle online-Kalender, die ich jetzt führe. Und sie riechen ein wenig schlecht nach altem Papier. Ich werde sie nicht wegwerfen. Sie sind meine Papier-Melancholie, Teil meines alten papiernen Schreibens.

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