Archiv für den Monat März 2017

Postkarte aus ASCHAFFENBURG

Auch wenn es in Aschaffenburg ums Ende der Privatheit ging, hatte ich ein Zimmer für mich allein mit Blick auf den Hotelparkplatz. Privatsphäre. Nur die Stimmen derer, die nachts über den Hof gingen, drangen ein in meine Privatsphäre. Und mein Handy hing im Netz; es zappelte und ließ mich manches wissen über die Privatsphären der anderen. An irgend einen Knoten im Netz schickte es meine Koordinaten. Mein verräterisches Handy kommunizierte von Aschaffenburg aus mit der halben Welt – weil ich es ihm erlaubte.

Aber etwas, was ich in Aschaffenburg tat, weiß mein Handy nicht, obwohl es dabei war. Ich schreibe es jetzt auf diese Postkarte und schicke es in die Welt hinaus: Ich kaufte auf dem Markt vier Äpfel und einen halben Liter griechisches Olivenöl und meine Augen sahen sich satt an den Farben von Karotten, Paprika, Gurken, Primeln und Tulpen.

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Anja Koemstedt. Notizen aus dem Papierkorb

 

 

 

ODER „vielleicht lese ich das falsche?“

werschinin in „die drei schwestern“

 

ODER „ich lüg’ gans gern, wenn ich zeit hab’:
die wahrheit iss so was gewöhnliches, nich?“

arno schmidt, irgendwo

 

ODER „da is der wurm drin, da is der wurm drin“

bayerisches gstanzl aus’m radio in den 70ern

und ich sang laut mit: „meister wurmring meister wurmring“

rätselhaftester text meiner kindheit

 

ODER alles fiktion einfach alles

fiktion alternative fakten fake

 

ODER allein im kino nichts anschauen

Im Park

schauen

ein kleinkind tappst stolz seine ersten schritte. ein hipster mit zwei hunden wirft stöckchen. ein mann mit kinderwagen krault seine freundin unter dem kinn. eine band schleppt fröhlich equipment.

das kind plumpst glücklich in den matsch. die hunde fressen die stöckchen auf. die frau lässt ihr haar fliegen. die band öffnet das erste bier.

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die hunde sehen nach D.I.Y. aus, designed mit einer app, die noch nicht läuft: große blauäugige husky-köpfe auf krummen stummelbeinen, mit schleppendem schweif à la waldfuchs.

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die frau sieht aus, als würde sie ihm gern mal erklären, wie mann eine frau berührt, verschiebe das aber, weil sie froh ist, dass er das mit dem kinderwagen jetzt macht.

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gehen

ich nehme den schmalen weg. er verschwindet in einer pfütze. dicht am bauzaun liegt ein brett. wie alle vor mir balanciere ich darüber, eine hand im zaun. es wackelt, wasser drückt hoch. einer von der band kommt mir entgegen, unter dem linken arm ein verstärker, rechts ein kasten bier. ich frage mich, wie er über das brett kommen will.

ich gehe zu dem eck, das rosengarten heisst. eine treppe führt hinunter. treppe, das heisst: keine hunde, keine kinderwagen, keine fahrräder. heute ist sie gesperrt. ich schaue, ob der andere eingang auch verschlossen ist. ist er. trotzdem sind die bänke besetzt. sie müssen über die absperrung geklettert sein. lauter einzeltäter, jede und jeder mit einem buch in der hand. ich folge ihrem beispiel, setze mich auf die letzte freie  bank.

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sein

letzten sommer hat sich hier ein lesesaal etabliert, zwischen rosen und statuen. jetzt finden sich die nutzer_innen wieder ein, sitzen zwischen struppigen ranken und leeren podesten, tanken die frühe sonne.

es ist ein anachronistisches bild. keine aufgeklappten bildschirme. kein vom smartphone fahl beleuchtetes gesicht. kein herumnesteln, tippen, scrollen. statt dessen stille. natürlich ist die stadt um uns laut. verkehrslärm. baustellen. und dennoch dieses gefühl von oase. lesende sind stille menschen. tauchen ein in ihre welt, vergessen alles um sich herum.

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ich möchte wie der engel sein aus himmel über berlin, der den lesenden still die hand auf die schulter legte, und so hören konnte, in welcher welt sie grade weilten. in welcher zeit.

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als ich gehe, sind auch die podeste mit lesenden besetzt. auf dem rückweg höre ich die band proben.