Archiv für den Monat Dezember 2016

Safe sein

Ricarda de Haas

Anfrage von südafrikanischen Freunden: bist du safe? Eine alltägliche Frage in Südafrika, nicht nur in Johannesburg. Ein typisches Thema in Gesprächen mit Fremden und Freunden. Es gibt unzählige Erlebnisse dazu, von knappem Entkommen, bewaffneten Einbrüchen bei Nachbarn, Straßenraub mit Verlust von Geld oder Smartphone. Geschichten erzählt beim Heimkommen, beim Essen, einem Glas Wein. Erzählt, um mit echtem Schrecken fertig zu werden. Es gibt Gedichte darüber, Kolumnen, Cartoons. Safe sein. Das Kostbarste, was es gibt.

Zu mir nach Berlin kam die Frage über Facebook. Sie ist ernst gemeint, einerseits: Warst du in der Nähe von dem Anschlag? Geht es dir gut? Mir geht es gut. Ich war am anderen Ende der Stadt. Die Sorge erscheint mir absurd.

Andererseits ist die Frage eine Reaktion auf einen Algorythmus. Ich selbst habe das nicht angeklickt. Facebook weiß nicht, wo ich wohne. Theoretisch. Praktisch fragt mich Facebook bei jeder Reise, während derer ich mich längere Zeit an einem Ort aufhalte, ob dort mein neuer Wohnsitz sei. Praktisch hat mich jetzt Facebook kritisiert, noch bevor irgendeine meiner Freundinnen schrieb. Man könne nicht sehen, ob ich safe sei in Berlin.

Manche Freundinnen schrieben persönlich. Ich merke, dass sie sich Gedanken machen. Andere klickten anscheinend den Safety Check an, der bei mir als standardisierte Aufforderung ankommt: deine Freundinnen x und y wollen wissen, ob du safe bist. Teile ihnen mit..

Und plötzlich teilen alle allen mit, dass sie safe seien. Als wäre das jetzt auch bei uns eine bedeutsame Kategorie. Wir debattieren beim Einkaufen über Attentäter, Waffen, Ideologie. Der Verkäufer lacht: wir werden alle zu Ermittlern. Eine Kundin verabschiedet sich nervös: na, hier drin im Bio-Laden ist die Welt wenigstens noch in Ordnung. Falsch, möchte ich sagen: Unsere Welt ist auch draußen überwiegend in Ordnung.

Für die Betroffenen und die ihnen Nahestehenden war es, nein: ist es schlimm. Wir anderen, alle, sind safe. Wie wir immer safe waren, hier in Berlin, einer Stadt, in der junge Frauen nachts um die Häuser ziehen können, ohne Angst haben zu müssen. So sehr ich Johannesburg schätze: dieser Verlust an alltäglicher Freiheit war schwer zu ertragen. Die ständige Wachsamkeit anstrengend, die unterschwellige Angst belastend.

Ich störe mich an dieser medialen, algorythmisch erzeugten Hysterie. Es erscheint mir zynisch: Eine Banalisierung des echten Leids der Anderen, Betroffenen. Hier und überall.

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Seitensprünge

Heute habe ich unser Bloghaus für die Weihnachtstage geschmückt:

dsc_2623Einen Adventsstern in den Papierkorb zu Anjas (und anderen) Notizen, einige Christbaumkugeln zu Marions Klein(ich)keiten auf dem Tisch. Die alte Kaffeetasse mit dem Seitensprung habe ich ausgetauscht durch eine Schneemanntasse (auch mit Sprung!).

Wie Ricardas Assoziationen weihnachtlich zu gestalten sind, wird sich noch ergeben.  Zu Claudia(B)s  Ausrufezeichen,  das sich in einem Stiefel  schlafen gelegt hat,  habe ich ein Tannenzweiglein gesteckt

und  an die Pinnwand  zu Carmens Postkarten  eine Winterkarte vom Brocken geheftet. p1000600

Für Claudia(S) liegt  eine starke Ersatzbrille bereit, falls ihre Brille beim Wechsel von der kalten Luft draußen in unser warmes Häuschen beschlägt. dsc_2625

 

 

 

 

Ich habe nämlich den alten Ofen kräftig geheizt und auch noch Holz danebengelegt,  damit es sich alle, die uns an den Feiertagen besuchen, gemütlich warm machen können.

Draußen hat es angefangen zu schneien, und meine Mütze liegt zu Hause im Kleiderschrank; ich muss mir Majas  Hut für heute ausborgen, bringe ihn morgen zurück, versprochen! p1000289

Bevor ich das Bloghaus verlasse,  stelle ich eine große Kerze ins Fenster, damit alle, die sich einsam fühlen, uns finden, die Tür ist nie verschlossen.  Hier könnt Ihr Euch in den alten Schaukelstuhl setzen und gute Bücher aus dem Regal http://www.alphabettinen.de ziehen :  Romane, Gedichtbände, Kurzgeschichten, Kinderbücher, Gartenbücher  …

Ich freu mich darauf, Euch an den Feiertagen in unserem Bloghaus zu begegnen.

Allen Bloggerinnen, allen alphabettínen, all unseren Leserinnen und Lesern wünsche ich ein fröhliches, auch besinnliches, vor allem aber friedliches Weihnachtsfest.

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Als ich auf der Weihnachtsfeier der alphabettínen eintreffe, begrüßen sie mich mit den Worten:“Du schreibst ja diese Woche unseren Blog, nicht wahr?“ Tatsächlich! Das hatte ich verdrängt. Während die erste Pizza verteilt wird, gehe ich online, logge mich ein und betrete den Blograum.

Manche, die mir am Tisch weihnachtsfeierlich gegenüber sitzen und ihr erstes Stück Pizza essen, sind gleichzeitig im Blograum anwesend. Anjas Notizen liegen im Papierkorb, Carmens Postkarten treffen immer wieder ein und Claudia lässt ihren kurzsichtigen Blick schweifen. Ich wandere durch die verschiedenen Kategorien, höre mir dabei Musik an und Geräusche, lasse mir etwas vorlesen und blättere durch die Fotos.

weihnacht_alphabett_2016

Am Tisch reden sie jetzt über die notwendige Verlinkung unseres Blogs in der Blogosphäre. Da ich mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs bin, sind meine Gedanken beim Blogschlendern langsamer geworden und ich kann der Unterhaltung bei der Weihnachtsfeier kaum noch folgen.

Mittlerweile bin ich so schnell geworden, dass ich bereits in der Zukunft angekommen bin. Mein Blogbeitrag ist schon erschienen, ohne dass ich mich erinnern könnte, ihn geschrieben und online gestellt zu haben. Ich füge noch einen Kommentar hinzu: „Entschuldigt bitte, dass ich so lange weg war.“ Dann kehre ich zur Weihnachtsfeier zurück. Die anderen verabschieden sich gerade. Ich darf mit zur U-Bahn laufen und bemühe mich, mit ihnen  Schritt zu halten. Die Gravitation macht mir hier unten zu schaffen, während mein Blogbeitrag seine Umlaufbahn erreicht.

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Flaschenpoetik

(Fs. zu „Aufmerksamkeiten“ vom 07.10.2016)

Da steht es, das Fläschchen, immer noch unberührt, ungeöffnet, beunruhigend unversehrt. Der Empfehlung, den Geist aus der Flasche zu lassen, bin ich also nicht gefolgt. Was wäre auch gewonnen, hätte ich es getan?

Das Fläschchen selbst ist ja völlig leidenschaftslos, ist einfach nur ein Fläschchen von vielen, verziert mit der berühmten Marien-Erscheinungs-Szene von Lourdes und angefüllt mit Weihwasser, vor dem ich dank meiner katholischen Jugend keine Berührungsängste habe. Hätte ich das Fläschchen geöffnet, wäre vermutlich nichts passiert und ich wäre nach wie vor beunruhigt. Denn die Beunruhigung geht von mir aus, sie spiegelt sich nur in den Dingen und Wesen um mich her.

Nehmen wir aber mal an, das Fläschchen wäre gar nicht so unschuldig, sondern würde tatsächlich eine Art Flaschengeist beherbergen, der entfleucht, sobald das Fläschchen geöffnet wird und mit ihm verschwände das Beunruhigende an der Existenz dieses Fläschchens. Dann wäre ich nicht länger beunruhigt – und wie beunruhigend ist das denn! Schließlich verdankt sich der Blogtext zu einem großen Teil dieser Beunruhigung, was bedeuten würde, dass mich mein Bedürfnis, dem Fläschchen auf den Grund zu gehen, meiner Inspiration berauben würde. Und die Beunruhigung darüber, meiner Beunruhigung verlustig zu gehen, hat nun diesen Folge-Text verursacht.

Deshalb glaube ich auch, dass die Gebrüder Grimm den Flaschengeist schön in der Flasche gelassen haben, um Geschichten erzählen zu können. Wer allem auf den Grund gehen will, alle Geheimnisse lüften will, der sollte in die Wissenschaft oder die Politik gehen, da ist das eine wichtige Sache.
Im Schreiben, in der Poesie lüfte ich das Geheimnis nicht, sondern lasse mich von ihm inspirieren und schnüffle mich wie ein junger Hund an der Flasche entlang, um ihr Wesen zu ergründen, ohne ihr Geheimnis zu zerstören, das ich lieber feiern will. Denn sie spiegelt mein Geheimnis und wehe all diesen Psycholog(-inn)en, die uns die dunklen Ecken unserer Seele ausleuchten wollen, die uns aufschrauben wollen und den Geist austreiben wollen, um nicht mehr von uns beunruhigt zu werden …