Archiv für den Monat November 2016

Postkarte aus SYRAKUS

Blauer Himmel, Sonne, Ortigia, Steinbrüche, das griechische Theater, essen im Il Blu, der Markt, das Meer und viel Espresso, das ist Syrakus. Syrakus am Mittelmeer, unweit von Lampedusa. Ich las Johann Gottfried Seumes Spaziergang nach Syrakus. „Sobald Gerechtigkeit sein wird, wird Friede sein und Glück: sie ist die einzige Tugend, die uns fehlt. Wir haben Billigkeit, Großmut, Menschenliebe, Gnade und Erbarmung genug im Einzelnen, bloß weil wir im Allgemeinen keine Gerechtigkeit haben.“ Das schrieb er 1802.

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Maja Linthe: Bloggen mit Hut (Zwischenspiel)

Women and Song: Sing along!

Sie betrat den Blograum mit dem Hut auf dem Kopf, den sie immer beim Bloggen trug. Im Schneidersitz setzte sie sich auf den Boden, nahm den Hut vom Kopf und stellte ihn sich vor die gekreuzten Beine. Nur wenige Menschen kamen vorbei und beachteten sie kaum.

Sie legte sich die Gitarre quer über die Oberschenkel und begann die Seiten zu zupfen. Der Polly Jean Sticker, den sie trug, zwinkerte ihr zu und machte ihr Mut. Zumindest glaubte sie das.

Dann sang sie ihr Lied, so gut sie es eben konnte.

Als sie geendet hatte und Gitarre und Hut wieder einpacken wollte, fand sie einige klimpernde Münzen im Hut.

 

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Marion Boginski – Klein(ich)keiten

Faulpelz

Wer oder was ist das?

Ein Pelztier, das faul herumliegt? Ein Bär oder Faultier … oder Mensch.

Nur wo ist dessen Pelz hin?

Evolutionsverloren. Schutzverloren. Haar um Haar.

Was oder wer ist ein Faulpelz?

Ein Faulenzer, Nichtstuer, Müßiggänger, Nichtsnutz, Taugenichts …

Liegt auf fauler Haut, versunken in Gedanken, versunken in sich selbst, die Welt um sich vergessend.

Wäre das nicht eine Idee, so zu sein, weltvergessen?

Sie/er/ich würden es gern genießen dieses Faulpelzsein.

Aber bitte ohne grünen oder weißen Schimmel anzusetzen!

Grünen wie beim Faultier, das hängend an den Ästen das Moos der Bäume annimmt.

Auch keinen weißen oder grünlichen, wenn Brot/Käse/Früchte zu lange herumliegen.

Im 17. Jahrhundert kam ein Worterfindermensch daher und sagte: Brot, du Faulpelz! Liegst und liegst und bekommst einen pelzigen Belag.

Bekommen sie/er/ich auch einen Belag wenn wir zu lange herumliegen, uns eine Auszeit gönnen. Bekommen sie/er/ich einen Freizeitbelag?

Nein, diese Worterfindung ist nicht überlebenstauglich, vielleicht, Schlafhaut, Ausruh- oder Erholungspelz?

Viele können gar nicht mehr Faulpelz sein. Stecken fest zwischen dem, was sie tun sollen/müssen/möchten/wollen. So eilen sie/er/ich hastend, ohne zu verweilen.

Bitte melden, wer gern einmal Faulpelz sein möchte und es sich nicht gönnt. Dafür ständig daran denkt.

Heute mal Faulpelz sein oder morgen oder und morgen.

Auf der faulen Haut liegen und nichts tun.

Überhaupt nichts.

Dabei unsichtbaren Schimmel ansetzen.

Der die Welt abperlen lässt.

Nichts berührt sie/ihn/mich. Nichts erreicht sie/ihn/mich. Nichts setzt in Bewegung, auch nicht in gedankliche. Einfach nur

F

A

U

L

sein.

N

I

C

H

T

S

T

U

N

Sie/er/ich versuchen es gerade …

Herzliche Grüße aus Las Palmas!

Geisterhaft

Ricarda de Haas

Ich sitze im Dunkeln, nur der Bildschirm leuchtet. Maskierte Kinder laufen unter meinem Fenster durch nächtliche Straßen. Die Automatenstimme hat einen dezenten Hall. Der Freund ist nicht erreichbar. Eine Intervention der Gespenster? Oder doch nur Schloss Solitude im Funkloch? Es hat sich schon herum gesprochen: der schöne Rückzugsort für Künstler verharrt – bewusst oder zufällig – in einer partiell prädigitalen Postmoderne. Zum Glück gibt es das kabelgebundene Web. Ich lausche dem Skype-Ruf, der immer so klingt, als würde man unter Wasser funken: bub-bub-bub-blib, bub-bub-bub-blib..

Mein Bildschirm wird schwarz. Der Freund hat abgehoben. Hallo, sage ich. Statt einer Antwort verzerrte Geräusche. Richtig schlechte Verbindung, denke ich. Ich will schon auflegen, da taucht kurz ein Gesicht auf, eine Hand. Dann wieder Schatten. Ein Lichtreflex auf verkabelten Geräten.

Harsche Töne, schräg, verzerrt. Und doch: da ist ein Muster im Geräusch. Hm, diese Geister klingen sehr zeitgenössisch. Das ist Noise! Ich bin wohl mitten in eine Probe geraten. Ich rufe laut Hallo? Als Antwort eine Kaskade von schrillen Tönen. Darunter ein Klangteppich, dunkel, rund, fast sphärisch. Ich lehne mich zurück und lausche. Lausche. Da proben zwei und wissen nicht, dass jemand sie hört. Anscheinend hat nur das Handy entschieden, meinen Ruf anzunehmen. Ich bin Zaungast aus 600km Entfernung. Ich empfinde eine merkwürdige Dankbarkeit gegenüber dem Gerät.

Die Geräusche in meiner Hand klingen ziemlich verrückt. Aber sie sind Musik. Ich sitze, umhüllt von Dunkelheit und Klang. Lasse mich entführen in eine andere Welt, schrill und schräg und schön. Mitten in diesem Ungebändigten finde ich Harmonie. Mein Bildschirm bleibt schwarz. Ab und zu blitzt ein Neonstrahl darin auf. Noch nie war Halloween so magisch.