Archiv für den Monat Oktober 2016

Seitensprünge

Als es noch keine Headsets gab, noch nicht mal Walkmans, CDs, MCs, … hörten wir an langen Winterabenden von Vinyl. Auch unsere Kinder. Saßen still im Sessel und lauschten. Rotkäppchen zum Beispiel.  „Großmutter, warum hast du so große Ohren? Ohren? Ohren? Ohren? Ohren? …“ Wir sprangen auf, hoben vorsichtig die Nadel über den Sprung, setzten uns wieder, um wenige Minuten später erneut aufzuspringen, Seitenwechsel, Platte umgedreht, Nadel aufgelegt, für die Kleinen, deren Feinmotorik noch nicht ausreichte. Neue Seite, ohne Sprung, kleine Pause vorm nächsten Aufspringen, Plattenwechsel …  Wir brauchten noch kein Fitnessstudio.

torstrasse1Heute haben die Platten nur noch eine Seite, ohne Sprung, und werden bestenfalls automatisch gewechselt, wir können stundenlang sitzen und hören. wintergaesteDafür aber ins Fitnessstudio gehen und laufen und strampeln mit Stöpseln im Ohr, zum Genießen guter Literatur. Zum Beispiel die Hörbücher von Sybil Volks.

 

 

 

Und unsere Enkel hören statt vom Furcht erregenden Großmutterwolf geisteromamit Seitensprung etwas über die Geisteroma aus dem Hörbuch von Lisa-Marie Dickreiter.

wilde

 

 

 

Und wenn wir noch genauer hinhören möchten (Großmutter, warum hast du so große Ohren?), dann nicht aus der Konserve sondern direkt von der Autorin. Dazu gab es in dieser Woche zwei herausragende Möglichkeiten:

  • die Lesung von Grit Poppe am vergangenen Donnerstag aus ihren Jugendromanen „Weggesperrt“ und „Abgehauen“, ein bewegender Abend im Museum in Lichtenberg

weggesperrt

abgehauen

 

 

  • die Lesung von Kathrin Schmidt am vergangenem Dienstag aus ihrem neu erschienenen Romankapok „Kapoks Schwestern“, ein wundervoller Abend im Literaturforum des Brechthauses

 

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Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Meine Tochter ist diese Woche 18 Jahre alt geworden.

Grund genug  für mich, ihr Kinderleben in Büchern zu überdenken. Und so habe ich noch einmal einen Blick hinein geworfen in ihre alten, ihr viele, viele Male vorgelesenen Bilderbücher und sie zur Feier ihres Geburtstages für sie noch einmal angelesen. Ihr könnt das hören, wenn ihr das jeweilige Buch anklickt.
Herzlichen Glückwunsch! Die Bilderbücher leben hoch!

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momoko

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traurig

bennys_hut

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zilly_die_zauberin

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Ist das eigentlich ein Vorbote des Alters, dass ich mich neuerdings immer mal wieder bei sentimentaler Rückschau ertappe und Sehnsucht verspüre nach den kleinen Dingen, die irgendwann einmal passiert sind, im richtigen Leben und nicht virtuell? Gestern erinnerte ich mich daran, wie ich als Kind gemeinsam mit meiner besten Freundin einen am Rand des Gehwegs aufgetürmten Berg aus verharschtem Schnee und zusammengekehrtem Granulat zerhackte, mit voller Wucht und mit viel Lachen, immer hinein mit der Stiefelspitze, bis die Kristalle spritzten und das Ungetüm kleiner wurde, bis es verschwand. Das war keine Achtsamkeitsübung und war es doch, weil wir in unserem Tun völlig aufgingen und in diesem Moment nichts anderes existierte.

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Ich kann diesen Augenblick abrufen wie einen Film, nicht einmal unscharf sind die Bilder, vielleicht hat etwas in mir sie im Laufe der Jahre aufgearbeitet, digital und emotional, vielleicht war es gar nicht so schön, wie es mir inzwischen erscheint, vielleicht fror ich und war wütend und wollte deshalb gegen irgendetwas treten. Davon weiß ich heute nichts mehr, aber ich frage mich, ob es überhaupt Schnee geben wird im kommenden Winter trotz des Klimawandels, ob ich mir die Zeit nehmen werde, das Haus zu verlassen, wenn er fällt, um durch die Straßen zu schlendern, ob ich dann nichts wissen will von Nässe und von Rutschgefahr, ob ich Anlauf nehmen und über eine Eisbahn schlittern werde ohne Furcht vor dem Fallen, während um mich her die Flocken niedersegeln und die Welt in Stille versinkt.

Es ist ein wehmütiges Fragen und ein Mäkeln an der Gegenwart, aber zu viele schon sind rückwärtsgewandt auf dieser Seite des Teiches und auf der anderen, erliegen dem mächtigen irrationalen Eindruck, dass alles einmal besser war. Ich spüre die Gefahr und richte den Blick nach vorn und fort vom Schnee von gestern, der nächste Winter kann kommen.
Wenn er nur keine Eiszeit bringt.

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Aufmerksamkeiten

Ich sitze in meiner Küche und sehe mich um. Mein Blick fällt auf Gegenstände, die mich irritieren; weil ich sie lange übersehen und dabei vergessen habe und nun feststelle, dass sie noch existieren; weil ich nicht mehr weiß, woher ich sie habe;  oder weil ich mich eben nur zu gut daran erinnere, wie sie in meinen Besitz gelangt sind.

Dieses Fläschchen beispielsweise, das das Tageslicht nutzt, um sowohl Schatten als auch ein Leuchten an die Wand zu werfen, hat mir eine ehemalige Freundin aus Lourdes mitgebracht. Es ist bis zum Anschlag gefüllt mit geweihtem Wasser und trotzdem liegt wohl eine Art Fluch darauf. Denn die Schenkende ist mir mittlerweile nicht mehr wohlgesinnt.

Das Bild, das eine andere Freundin mir einst schenkte, ist kurz vor dem Entschlafen unserer Freundschaft von der Wand gefallen und zerbrochen. Die drei Kakteen, ein Geschenk meiner drei Freundinnen aus Teenagertagen, sind damals gleichzeitig mit unserer Freundschaft eingegangen, so auch die Pflanze einer weiteren Ex-Freundin.  Und dann ist da noch die Tasse, die ein enger Freund mir getöpfert hat und die um die Zeit seines Todes plötzlich einen Sprung bekam.

Manche Geschenke sind  mehr als Dinge, sie sind Aufmerksamkeiten und gelegentlich selbst mehr als Aufmerksamkeiten. Und dann nehmen sie das Enden von Liebe, Freundschaft und Respekt persönlich und fallen von Wänden und Fenstersimsen, ersticken unter Mehltau, bekommen Risse und brechen auseinander.

Nur dieses Fläschchen ist noch nicht zerbrochen, obwohl es doch allen Grund dazu hätte. Und das beunruhigt mich.

Postkarte aus HAMELN

Ich habe in Hameln geblättert wie in einem Poesiealbum. An den Häusern stehen Sprüche, für die Ewigkeit eingemeißelt in die Holzbalken. „Ungerechtigkeit verwüstet alle Lande und böses Leben stürzt die Stütze der Gewaltigen“ las ich. „Kleinigkeiten sind die Baustelle zur Vollendung aber die Vollendung ist keine Kleinigkeit“, „Neid sieht nur das Blumenbeet, aber nicht den Spaten“, „DO TVNDE WI HIR VAN WATERS HAVEN  HIR IN GROTER FAR VOR SOLCKEM ALLEM QVADEM BEHOIDE VNS GODT DE HERE MIT SINER GOTTLIKEN GNADE“ Auch das unvermeidliche „Wir waren hier“ habe ich gesehen, „Himmel und Hölle“ und „geiler Popo“.

Ich kenne einen, der schrieb in Hameln eine Geschichte über eine Frau und einen Mann. Eine der Weserbrücken kommt darin vor und die Kormorane. Ich werde davon erzählen, wenn wir uns wiedersehen.

Ach ja, der Rattenfänger – den sah ich auch und unzählige Ratten.