Archiv für den Monat September 2016

Anja Koemstedt: Frisch gefischt. Notizen aus dem Papierkorb.

 

shrigleydonenothing

 

 

 

 

 

Mein geheimes Krokodil

Mit Weinerlichkeit hat mein Problem nichts zu tun.

Vielmehr: Ich bin sehr müde, immer eigentlich, gähne daher mehr als andere Menschen. Weitaus mehr, fast im Minutentakt. Und dabei fließen Gähntränen (aus den äußeren Augenwinkeln wohlgemerkt). Die weint nicht jeder.

Ich verliere aufgrund der vielen Gähntränen täglich mehr Flüssigkeit, als der durchschnittliche Mensch im Monat verweint.

Obendrein bin ich unendlich gelangweilt, von allem, was ich tue genauso wie von allem, was ich nicht tue.

Was die anderen Menschen treiben, davon rede ich erst gar nicht. Weite Ödnis, allerorten, und zappelten sie sich noch so wild durch ihre kleinen Leben.

Ach, und selbst im Schlaf scheine ich mich zu langweilen. Von meinen endlos faden Träumen wache ich, gleichsam aus Selbstschutz, zigmal des Nächtens auf. Ich schlafe schlecht, seit ich denken kann. Mein Kissen ist jeden Morgen links wie rechts außen durchfeuchtet.

So muss denn mein privater Wahnsinn, dieser Krokodilsmann, der mir ständig die Tränen aus den Augenwinkeln treibt, schlicht ein plumper Weltverächter sein, der gerne auch mal laut polternd dicht an meinem Tisch vorbei zum Kühlschrank schlurft, sich dort ein Bier rausangelt, plopp, und nach dem ersten großen Schluck, laut rülpsend, sich zu mir setzt, um mir dann mit seinem vor Malz und Hopfen triefenden Atem Avancen zu machen – als könnte ich ihn jemals…

Was bildet er sich eigentlich ein, der Kerl. Verschroben, dass es weh tut.

Ich schaue ihn an, er kratzt sich am Sack, sein Hosenstall steht offen, die Fingernägel abgekaut, und denke unwillkürlich, sicher hat er zentimeterdicke Hornhaut an den Füßen.

Und doch fesselt mich seine Gegenwart. Ich habe ihn noch nie hinausgeworfen.

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Marion Boginski: Klein(ich)keiten

Strandnachlese

Die Ferienwohnung ist dieses Mal richtig gut.

Viel zu windig, aber wenigstens scheint die Sonne.

Die Sonnencreme nehme ich nicht, da sehe ich aus wie eine Leiche.

Quallen gehören ins Meer, nicht in den Eimer!

Du hast drei Spritzkuchen gegessen, du kannst keinen Hunger mehr haben!

Ich schließe einfach meine Augen und träume mich ans Mittelmeer.

Gerade ist ein roter Bikini vorbeigeflogen!

Hast du etwa in die Ostsee gepinkelt?

Wenn die Kinder groß sind, reisen wir jedes Jahr in ein anderes Land.

Lass die Sandburg deiner Schwester in Ruhe!

Ob Klara daran denkt, die Schildkröte zu füttern?

Ständig klingelt dein Handy. Du hast Urlaub!

Reich mir mal ein Handtuch rüber, nicht das, das blaue.

Warum fragst du jede Stunde, wie spät es ist.

Was macht die hier? Das reicht, wenn ich die jeden Tag im Büro sehe!

Hier ist es lauter als auf der Arbeit. Wir hätten doch in die Berge fahren sollen!

Kannst du mir mal sagen, wo mein zweiter Bikini hin ist?

Ih, wer hat die Quallen in die Strandtasche gepackt?

Ich hatte vier Spritzkuchen gekauft, oder?

Manche sehen aber auch weiß aus!

Oh Gott, ich habe vergessen Klara den Schlüssel zu geben!

Ich hole mir ein Eis, möchtest du auch etwas?

Wenn ich den Mund aufmache, fliegt sofort Sand rein.

Ach, hallo Mandy, du auch hier!

Du kannst nicht einfach den Bikini einpacken, auch wenn er herrenlos ist!

Super, das kalte Bier!

Er ist frauenlos!

Ah!!!!!!!!!!

Entschuldigung, der Wind hat den Ball abgetrieben.

Endlich Sonne und Meer.

 

 

 

 

 

Ricarda de Haas: Artefakt

Wissen Sie denn, was das ist?

Ich schaue auf das silberne Ding in meiner Hand. Ich weiss es nicht, ich versuche gerade, das heraus zu finden.

Für eine Querflöte ist es zu eckig. Klobig auch. Auch hat es nur an einem Ende eine Öffnung. Und da, wo bei einer Flöte das Mundstück wäre, ist ein aufgesetztes Kästchen, dessen Klappe nur lose schließt. Theoretisch könnte man Tabak hinein füllen. Nur was nützt einem das, wenn die Verbindung zum Schaft verschlossen ist? Pfeife schließt also aus.

Es könnte ein Zepter für ein Laientheater sein. Die Verzierungen sind simpel, dunkel vom Staub. Das Ding ist jedenfalls so schwer, dass man damit würdevoll winken könnte: Kopf ab! Sind Zepter innen hohl, damit man darin wichtige Dokumente verstaut? Das würde zumindest erklären, warum die Öffnung oben nicht nur einen Deckel hat, sondern auch mit einem Kettchen gesichert ist.

Natürlich war das eine rhetorische Frage. Er will das Ding schließlich verkaufen. Seine Stimme klingt triumphierend: Es ist ein Reiseschreibset! Er muss den Satz heute schon oft gesagt haben, es ist das schönste Stück an seinem Stand. Und trotzdem ist er ganz aufgeregt. Schauen Sie, hier oben hat man die Federn hinein geschoben. Und an der Seite wurde die Tinte eingefüllt.

Hm, da muss ganz schön viel ausgelaufen sein, wenn man mit dem Ding im Gepäck so in der Kutsche durch die Landschaft holperte. Oder doch schon im Orientexpress?

Ich frage nicht nach dem Preis. Es gibt Dinge, die man haben möchte, ohne dass man sie haben möchte. Nicht ohne Bedauern lege ich es zurück. Als wir wegschlendern, fragen wir uns, wie sie das gemacht haben. Die Tinte in Fläschchen herum getragen, und erst im Hotel eingefüllt? Ein Pulver dabei gehabt, und es dann mit Wasser angerührt?

Ja, es ist aufregend. Eine verschwundene Kulturtechnik, nützlich und schön. Ich fühle mich, als hätte ich einen Gruß bekommen. Von einer verwandten Seele, aus einer anderen Zeit.

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Nachtrag: Wir lagen nicht ganz richtig und nicht ganz falsch. Tatsächlich sind diese Schreibsets osmanischen Ursprungs, es gab sie seit Mitte des 17 Jhs.  Kalligraphen benutzten sie, schrieben mit Rohrfedern und Tinte aus Lampenruß, auch farbiger oder goldener Tusche. Und sie trugen das Ganze am Gürtel. Ich stelle es mir beeindruckend vor, das Symbol eigenen Könnens so verziert und gewichtig in die Welt zu tragen. (Selbst wenn sie – anders als Smartphones – vermutlich tropften.) Diese Federn waren nicht schwach. Schwerter des Geistes, könnte man sagen..

es gibt kein foto, aber hier ein ähnliches modell, etwas schlichter aus messing: http://cdn04.trixum.de/upload2/113800/113714/3/30e3cf645aa0edd6fda2c085cf5aca069.jpg
und ein noch kostbareres, 19. Jh. (kaschmir): https://auctionata.com/de/o/55776/ornamental-getriebenes-reiseschreibset-aus-silber-19-jh

Seitensprünge

1.September. Sie springen wieder. Die Sommerpause ist vorbei. 57 Außenminister mitten in Potsdam – Konferenz und Sightseeing. Und Scharfschützen auf Dächern. Weltfriedenstag. Sie sind nicht alle gekommen? Die Polizisten sind alle da, mehr als tausend an der Zahl. Schwerbewaffnet. Weltfriedenstag. Hubschrauber. Straßensperrungen. Alles ZU da draußen. Ich komme nicht weit.

Wie gut, dass es unser Bloghaus gibt, hierhin ziehe ich mich zurück. Sicher, ganz ohne Polizei. Hier kann ich springen von Seite zu Seite.

1.September, Weltfriedenstag. Sommerpause vorbei. Sommerpause? Wir haben unsere Bücher versandt http://www.autorenhelfen.org

Wir haben unsere Bücher geschrieben und veröffentlicht http://www.alphabettinen.de

umstaendekapok