Archiv für den Monat August 2016

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Skizze vom Blograum

 

Foto von Andreas Blumenthal

Wir knipsen das Licht an, das uns bläulich ins Gesicht scheint, und durchschreiben den Raum des Blogs, Wort für Wort. Wir beschreiben die Wände, den Boden, die Decke des Raums, in dem wir uns treffen, laden Gäste ein, uns etwas zu schreiben. Mittels eines geheimen Codes können wir den Blograum betreten, wann immer wir wollen. Um uns darin zu treffen, schreiben wir den Raum, egal wo wir sind, sind eigentlich woanders und doch alle hier.

Wir bewegen uns schreibend darin, lesend, antwortend, uns aufeinander beziehend. Hin- und her klickend wechseln wir die Richtung. Hier im Blograum sind wir jemand anders, weil wir leichter sind und auch leichter schreiben. Unsere Texte sind luftig und offen für Kommentare, erscheinen nicht zwischen Buchdeckeln, weil sie löschbar sind, genau wie unser Raum und wir, die wir uns in ihm aufhalten.

Wir betreten diesen Raum mit dem Wissen, dass er nur vorübergehend existiert. Nicht nur wir könnten den Blog endgültig verlassen. Wir könnten das Licht löschen und den Raum mit ihm.

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Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Wir haben es ja schon immer gewusst, dass da außer uns noch andere sind. Nicht im Universum, nicht hinter dem Mond, nein, genau hier, in den Straßen und Parks, auf Plätzen und in Museen, sogar auf Friedhöfen und in Gedenkstätten treiben sie sich herum, toben sich aus und rauben uns den Verstand. Wir werden sie einfangen und hegen und pflegen. Und, darauf kommt es schließlich an, sie in den Kampf schicken. Sie (wir?) können mächtig werden in der Arena, sie (wir?) können verletzt werden oder sterben. Aber zumindest sie lassen sich wiederbeleben, alles kein Problem in der virtuellen Welt.

Frisbee

Die Menschheit ist mal wieder auf der Suche. Nicht mehr nach dem Sinn des Lebens,
o nein, was bis zum heutigen Tage niemand gefunden hat, kann getrost vernachlässigt werden. Viel interessanter sind die bislang unsichtbaren Wesen, die gewöhnlichen und die seltenen und auch jene, die so einzigartig sind, dass kaum jemand sie zu Gesicht bekommt. Wir schicken sie in die Schlacht und werden belohnt mit Bonbons und Sternenstaub.
Bonbons.
Und Sternenstaub.
Wer hätte das nicht immer schon gewollt?

So wächst eine Generation heran, welche die Illusion als so mächtig erlebt, wie Freud sie längst beschrieben hat. Aber nicht mehr im Kopf oder in der Seele spuken die Monster herum und piesacken uns, sondern sie sind Form geworden. Die Kinder lernen von ihren Eltern, dass es normal ist, dorthin zu gehen, wohin das Smartphone, die Industrie, der Betreiber einer App sie schickt. Um zu jagen. Um zu töten.
Just for fun!

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

P1050699Undurchschaubares Kompott

In den Weiten des finsteren Havellandes lauert versteckt zwischen Bäumen dieses geheimnisumwitterte Bauwerk, um das sich Geschichten ranken, die man mir zuraunte, nicht ohne sich dabei mehrmals vorsichtig umzublicken.

Eine kleinformatige, gut gepolsterte Frau aus der Gegend versicherte mir beispielsweise, dass es sich um die Weltzentrale der Pygmäen handele – ein kleinwüchsiger, geheimer Volksstamm, bekannt bereits aus der Antike und im Volksmund Schlumperzwerge genannt. Daran gäbe es keinen Zweifel, da die Form des Gebäudes einer überdimensionierten Schlumperzwergzipfelmütz nachempfunden sei. Und man solle sich nur nicht täuschen lassen von der murkeligen Erscheinung der Schlumperzwerge – sie seien hochgefährlich! Befände sich doch unter diesem Schlumperzwergzipfelmützturm ein gigantischer unterirdischer Komplex, der von den Zwergen militärisch genutzt würde und in dem sie sich in beängstigender Zahl fortpflanzten. Sie hätten es auf die Weltherrschaft abgesehen und ihre barbarischen Kriegspläne seien bereits weit gediehen. Namhafte Politiker steckten mit ihnen unter einer Decke, es handele sich hier um ein „undurchschaubares Kompott“.

„Das ist natürlich Unsinn“, erklärte mir leise ein hagerer, nahezu fleischloser Veganer. Die Dame habe wohl zu viel Tolkien gelesen. Nicht umsonst nenne man dieses Gebäude den Zuckerhut, weil von dort aus der raffinierte Zuckerbaron regiere. Er wisse aus zuverlässiger Quelle, dass der Zuckerbaron überall seine klebrigen Finger drin habe und er und seine Zuckermafia hätten die Weltherrschaft bereits inne! Die Leute merkten gar nicht, dass sie zuckersüchtig und damit abhängig vom Zuckerbaron seien. Selbst die Verächter von Süßigkeiten seien auf Droge, vor allem auch dank der so genannten Chemtrails, die in Wirklichkeit Sugartrails seien, Wolkenbahnen aus feinstem Puderzuckermehl, das durch die Atemwege in den Körper gelange und dort sein zerstörerisches Werk tue! Die Zuckerkristalle lagerten sich nämlich schon bald in den Gehirngängen ab und ich könne mir wohl vorstellen, was das bedeuten würde: eine zunehmend verblödete, willenlose Weltbevölkerung!

„Das ist natürlich Unsinn und typisch Ökospinner!“, meinte ein strammer Reiter in Loden, dessen blonde Frau neben dem Pferd her trabte. Sie blieben stehen und sahen sich nach allen Seiten um, bevor der Mann fortfuhr, begleitet vom rhythmischen Nicken seiner Frau. Diese Mär vom bösen Zuckerbaron erzähle man doch nur kleinen Kindern, um sie von Schokolade und Bonbons fern zu halten. Tatsache sei vielmehr, dass im Inneren dieses granatbusenförmigen Turms Hexen und Succubi ihr Unwesen trieben, will sagen: wild gewordene Feministinnen! Sie experimentierten mit Gedankenmanipulationen und hätten damit zum großen Schaden der Menschheit bereits Erfolge erzielt. Man denke nur an die Vorfälle an Silvester 2016 in Köln! Die Männer seien von diesen schamlosen Weibern gedanklich manipuliert worden zu dem Zweck, endlich die Verschärfung des Sexualstrafrechtes durchzusetzen, um unschuldige Männer noch leichter hinter Gitter zu bringen! „Warten sie noch ein paar Jahre und auf harmloses Busendatscheln steht die Todesstrafe, jawoll!“¹

¹Wir möchten die Leser*innen hiermit darauf hinweisen, dass die Autorin dieses Textes verdächtigt wird, der Geheimorganisation Elfenbeinturm anzugehören, die in oben abgebildetem, fensterlosem Gebäude residiert. Verschiedenes weist darauf hin, dass es das Ziel der Elfenbeinturm-Loge ist, mit Hilfe abstruser Verschwörungstheorien und völlig realitätsfernen Geschichten die Bevölkerung tief gehend zu verunsichern und in die Paranoia zu treiben. Jede*r Leser*in liest diese Geschichte auf eigene Gefahr – wir übernehmen keinerlei Haftung für etwaige geistig-psychische Schäden, die aus der Lektüre entstehen und distanzieren uns vom Inhalt dieses Textes.

 

Postkarte aus BEZ GRANIC

BEZ GRANIC – ohne Grenze. Ein Fluss, ein Grenzfluss, er fließt zwischen zwei Ländern. In den beiden Ländern werden verschiedene Sprachen gesprochen. Eine Fähre – Prom trägt mich und mein kleines rotes Auto von einem Ufer zum anderen. Der Boden unter meinen Füßen und unter den Rädern meines Autos schwankt ein wenig. Ich habe weiche Knie auf BEZ GRANIC zwischen den Ufern, schaue nach Norden und schaue nach Süden: der Fluss fließt grenzenlos. Nur die Ufer im Osten und Westen grenzen ihn ein.
Dann legt die Fähre an. Ich muss einsteigen und weiterfahren. Es ist ganz angenehm, festen Boden unter den Füßen und Rädern zu haben.