Archiv für den Monat Juli 2016

Anja Koemstedt: Frisch gefischt. Notizen aus dem Papierkorb

 

ShrigleySpider

 

 

vollkornmond

 

ich esse weißmehl seit ich denken kann°

ich sterbe lieber einen ungesunden tod°

das erscheint mir wesentlich natürlicher°

 

am himmel lacht keine biosonne°

unter der brücke fließt kein ökostrom°

im stall picken hühner nicht auf vollkorn herum°

oder° wer weiß sowas° verdammt bin ich verstädtert°

 

dagegen dionysisch zu rauschen mitten im zeitenfluss dem hier das jetzt zu entreißen°

ist meine kunst°

ist keine kunst die gilt unter veganem vollkornmond°

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Marion Boginski – Klein(ich)keiten

blogleichtsinnig

Leichtsinnigerweise leichtsinnig gesagt

Werden Sie nicht leichtsinnig, haben sie/er/ich leichtsinnigerweise gesagt.

Und sind nach dem Aussprechen sofort geholpert, gestolpert, gefallen.

Direkt hinein in das Wort. In die Wortsinnfrage.

L E I C H T S I N N I G

Jemand, der sich keine Gedanken darüber macht, was er tut.

Jemand, der keine allzu großen moralischen Skrupel hat.

Jemand, der fahrlässig, gewagt, riskant, sorglos, verantwortungslos handelt.

Das ist die Bedeutung heute, eine abwertende.

Jemand, der leichten Sinnes ist, der froh ist.

Das war die Bedeutung früher.

L E I C H T S I N N I G

Was für ein wunderbares Wort!

Leichten Sinnes durch die Welt spazieren, gehen, laufen, rennen, springen.

Frohen Mutes sein.

So ein schwebendes, so ein luftiges, so ein beschwingtes Wort!

Aber wo bitte ist der leichte Sinn hin?

Wiesoweshalbwarum ändert sich mit den Zeiten auch die Wortbedeutung?

Im 17. Jahrhundert soll der Sinn des Wortes umgeschlagen sein. Leichtsinnig ist von da an

der nicht Überlegende, Mangel an ernst Zeigende, steht im Grimmschen Wörterbuch.

Leichten Sinnes sein. Würden sie/er/ich gern wollen, sehr gern sogar.

Nicht schweren Mutes, sondern leichten Sinnes.

Was ist der Sinn, wenn die Wortbedeutung sich vom Positiven zum Negativen ändert?

Un-Sinn?

Sie/er/ich möchten den leichten Sinn zurück, möchten das Wort leichtsinnig zurück in

seiner ursprünglichem Bedeutung!

Möchten dieses wunderschöne Wort sinngemäß verwenden.

Leichtsinnig. Leichtsinniger. Am Leichtsinnigsten.

Lasst sie/ihn/mich leichten Sinnes leichtsinnig sein!

Jetzt! Sogleich! Sofort!

 

Ricarda de Haas: oral literal medial? Assoziationen zwischen Kiez und Welt

Winter im Süden

Mein tablet weigert sich, ein normales Foto zu machen. Wie immer ich es halte, welche Einstellungen ich auch ändere, das Bild steht auf dem Kopf. Vielleicht teilt mein Gerät die kindliche Vorstellung, dass auf der Südhalbkugel die Menschen kopfüber laufen und in Gefahr sind, in den Himmel zu fallen. Schließlich gebe ich auf und knipse mühsam upside down. Ich will dieses Bild, obwohl das Wichtigste darauf nicht zu sehen sein wird: dass es erst seit drei Minuten überhaupt etwas zu fotografieren gibt. Ich will den Moment einfangen, diese grandiose Überraschung, wenn plötzlich Schönheit auftaucht, wo vorher nur Nichts war.

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Man sitzt in einem Restaurant, redet über Poesie, und jemand sagt: wenn jetzt kein Nebel wäre, könnte man da draußen den Tafelberg sehen. Synchrones Seufzen.

Es ist der vierte Tag der Konferenz. Wir sind in einer der schönsten Gegenden der Welt, aber sitzen in fensterlosen Hörsälen (wer entwirft so was?). Wir frieren, weil in Südafrika „das Konzept von Heizungen nicht bekannt“ ist, wie eine Johannesburger Poetin formulierte. Jedes Jahr im Juli werden die Menschen davon überrascht, dass ihnen etwas Winterartiges zustößt. In dicke Jacken gehüllt retten sich die Wohlhabenden in Restaurants und Büros, die Armen versammeln sich um Feuertonnen auf der Straße. „Wenn wir Ende August nachdenken, ob sich etwas gegen die Kälte unternehmen lässt, geht der Frühling los, und die Sache hat sich erledigt“.

Literatur und Welt

Heute sind wir ausgebüxt und sitzen an der Waterfront, während die Kollegen tapfer eine Preisverleihung durchstehen. Doch da, wo Wale baden sollen, wirbelt ein weißes Nichts, aus dem das dumpfe Hupen der Nebelhörner tönt. Uns schwirrt der Kopf vom Reden, und doch können wir nicht aufhören damit. Als müssten wir jede Sekunde, die wir haben, für den Austausch nutzen: Über Literatur, über die Welt.

Es hat etwas seltsam Distanziertes, dieses Bezogensein auf Bücher und Diskurse. Diese Langsamkeit, Gründlichkeit. Jemand schreibt ein bis zwei Jahre an einem guten Roman über Flüchtlinge, Kindersoldaten oder den Alltag in einer Megapole. Jemand anderes verbringt zwei bis drei Forschungsjahre damit, diese Bücher zu analysieren. Nun sind die klugen Gedanken doppelt in der Welt, einmal als Literatur und einmal als Literaturkritik. Werden weiter getragen in den Köpfen der Zuhörenden, die mit diesen Gedanken in ihr Zuhause fliegen, in die Welt.

Transit

Diese Selbstverständlichkeit! Der erste Flug ein Abenteuer, der zweite noch großartig. Dann hat man sich eingerichtet – kämpft am Terminal um die letzte Steckdose zwischen fünfzehn Handys. Ist beim Transit in Istanbul erleichtert, dass keine Spuren der Anschläge zu sehen sind. Erschrickt nach dem Start, weil der Fensterplatz nach Maputo fliegt.. Not to worry, wir fliegen über Johannesburg nach Maputo. Ah-ja. Laptop, Essen, Video, Schlaf. Als gehörte dieses Zwischenreich der virtuellen Welt an, nur dass der transportierte Körper noch versorgt werden muss.

Realität und Theorie

Unsere theoretischen Konzepte sind von der tagesaktuellen Realität leicht erschüttert: Nizza, Istanbul, Dallas. Britische Kollegen thematisieren öffentlich ihr Entsetzen über den Brexit. Simbabwische Wissenschaftler sagen in letzter Minute ab, weil sie seit drei Monaten auf ihr Gehalt warten. Südafrikanische Studierende zeigen Videos ihrer Proteste: gegen (neo-)koloniale Denksysteme (‚Rhodes must fall!‘), gegen massive Anhebung der Studiengebühren (‚Fees must fall!‘). Amerikanische Konferenzteilnehmer nehmen die Sicherheitshinweise nicht ernst und schließen Bekanntschaft mit lokalen Kriminellen. Eine Künstlerin aus Kapstadt fragt Johannesburger Poeten, ob sie auch unter der Wasserknappheit litten. Letzeres scheint sich als Querschnittsthema zu etablieren: Ressourcenknappheit, der Anthropozän in der Literatur.

Worte und Bilder

Und doch liefern all unsere Debatten nur neue Perspektiven, aber keine stringenten Analysen. Unsere Ratlosigkeit angesichts dessen, was gerade weltweit geschieht, ist augenfällig. Wir stecken mitten drin, wir hatten noch keine zwei bis drei Jahre Zeit zum Nachdenken. Unsere Worte ergeben zu wenig Sinn. Der kleine Junge, bei dessen Familie ich wohne, ruft lauthals „not speaking!“, wenn wir stundenlang diskutieren, statt mit ihm zu spielen. Jetzt, am Ende der Konferenz, möchte ich das auch rufen, einfach weil so viele Worte in so vielen Sprachen um mich sind.

Als die Kellnerin die Rechnung bringt, lichtet sich der Nebel. Erst sind Schiffe zu sehen, dann die Häuser, dann ragt eine dunkle Masse auf, und plötzlich ist er da, der Berg.

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Seitensprünge

Heute ein Seitensprung, wie er im Buche steht, gedruckt, auf Papier, dort in Version 1.

Aber hier im Netz, im Blog, bereits ein Update, Update 003 des Gedichtes. Weitere Updates  sind willkommen, denn vollkommen ist er längst noch nicht, der Seitensprung, nicht mal vollzogen. Also, liebe Fangemeinde: updatet!  Ab Version 0xy gebe ich gern die Autorinnenschaft ab, im Netz, an xy.

Tausend und eine Null

An einem schönen Sommertag,
wie ihn so kein Computer mag,
wird es im Mikrochip zu heiß;
die Null erfrischt sich mit viel Eis,

sie leckt und schleckt sich kugelrund.
Der Eins ist das zu ungesund:
»Ich schmelze, werde immer weicher«
knurrt sie aus dem heißen Speicher.

Von diesem Schauspiel unberührt
hat Herr Groß Frau Klein verführt
mit einer E-Mail gegen zehn:
»Woll’n wir heut Abend online geh’n?«

»Oh ja, im Chatroom Wolke Sieben,
da kann man sich so zärtlich lieben!«
Alsbald erlaubt sie ihrem Mann,
dass er zum Skatspiel gehen kann.

Gewitterschwüle zieht herauf,
die Nullen hält nun nichts mehr auf,
und schmerzt der Bauch auch noch so sehr,
muss noch ein Eis und noch eins her.

Die Einsen hören lautes Schmatzen:
»Oh weh, die Nullen werden platzen!«
Es qualmt der Laptop von Herrn Groß,
er fühlt sich klein computerlos.

Zur Liebsten kann er nicht gelangen:
Jede Null kaputt gegangen!
Kein Mann, kein Chat, kein Flirt online,
einsam bleibt heut Nacht Frau Klein.

Ach so, wo eigentlich gibt es die Originalversion? In einem Büchlein:  „Tage wie Weiber warm“,  unter http://www.alphabettinen.de/lyrik.html   – nach etwas stöbern zu finden.


 

 

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Self-Publishing und eBook: Ich veröffentliche mich selbst

 

Rhein LU 02 2014 024

eBook veröffentlichen

Wenn ich ein eBook selbst veröffentlichen will, kann ich es bei einem der verschiedenen Anbieter im passenden Format hochladen und, sagen wir für 2,99€, zum Kauf anbieten. Ein eBook zu einem günstigen Preis von 0,99 bis 2,99 € ist schneller in den virtuellen Einkaufskorb gesteckt. Ich überzeuge meine LeserInnen mit der Inhaltsangabe, dem Cover und natürlich mit mir selbst, meiner Biografie, meinem Foto, also meiner Autorinnenschaft, die ich frei entwerfen kann, wenn ich will auch mit multimedialem Pseudonym. Ich kann das Geschlecht wechseln, das Alter, Haarfarbe sowieso. Nur zum Buch sollte es passen und eine Adresse haben für das Impressum. Neulich lernte ich eine Autorin kennen, die unter vier verschiedenen Autorinnennamen veröffentlichte. Einmal sei ein Handwerker gekommen, so erzählte sie, und habe auf all die Namen auf ihrem Klingelschild gedeutet: „Und so viele Leut wohnen in des kleine Häusle?“

Sich veränderndes eBook

Wenn ich mein Ebook auch nach der Erstveröffentlichung weiterschreibe, hat jeder Käufer, der ein älteres Exemplar gekauft hat, automatisch das Anrecht auf ein Update erworben. Denkbar wäre es also, einen Roman zu schreiben, in dem ich beständig die Figuren, die Handlung, den Anfang, das Ende ändere. Das war sicher nicht so gedacht, wäre aber eine Möglichkeit. Jedes Mal, wenn Leser_innen sich bei ihrem eBook-Anbieter anmelden, würde der Inhalt meines Buches verändert. Der Leser oder die Leserin wüsste dann nie genau, wo er oder sie sich im Buch befindet. Selbst das, was er oder sie bereits gelesen hat, könnte schon wieder umgeschrieben worden sein. Genauso könnte das ursprüngliche Ende, das die Leser_innen mit dem Buch gekauft hat, bereits vier Mal geändert worden sein, wenn sie am Ende angelangt sind.

eBook-Autor_innen

Erfolgreiche eBook-Autor_innen haben häufig nicht nur eine Leser_innenschaft sondern vielmehr eine Fangemeinde. Diese Fangemeinde trifft die Autorin oder der Autor auf Facebook, YouTube, Snapchat, Instagram oder aber wird auf Buchmessen von ihr umringt. Die eigene Figur als Autorin oder Autor zu entwerfen und in den sozialen Medien zu vermarkten, gehört zum Geschäft, ist zum Begleittext geworden. So kann man den Heiratsantrag des Freundes auf YouTube senden, antwortet den Fans auf Facebook oder signiert eBook-Reader-Hüllen. Mittlerweile lassen sich eBooks auch mit einem digitalen Unterschriftdienst signieren. Wie die Telefonhörertaste auf dem Handy ist das eine wie das andere ein Relikt aus der Vergangenheit, das es nur noch als Symbol in die Neuen Medien hinübergeschafft hat.

Multimediale Autor_innen

Während das eBook also in der Regel nicht den Inhalt der Bücher verändert oder gar revolutioniert hat, sind zumindest die Autorinnen multimedial geworden. Dadurch ist es viel wichtiger geworden, dass die Autorin als Figur auch zum Buch passt. Wie das Buch zum Film gibt es jetzt die Autorin zum Buch. Sollte ich also als Autorin partout nicht zum Buch passen, kann ich mir ja eine mieten.