Archiv für den Monat Juni 2016

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

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Europamassenschaft

Sie haben ihre Fahnen dabei. Gute Laune dabei. Sind ein Hoffen und Sehnen und Taumeln vor Glück. Einmal schreien. Noch mal schreien. Das ist schön nach all dem stillen Twittern und Posten. Gefällt ihnen. Gefällt ihnen sogar sehr.

Sie haben Farbe im Gesicht und kein Blut wie in Aleppo Istanbul Orlando.
Macht Macht Macht alles nichts.

Die Hymne singen. Kein falscher Ton. Kein Raum für Gedanken. Sie hüpfen und springen im Gleichtakt. Das Trikot wird zur Uniform. Es lebe die Nation. Kurve weiß oder blau oder gelb oder rot. Ein-Farben-Meer. Wir zuerst. Weg mit den anderen.

Großbritannien ist schon raus.
Böses Erwachen.

 

 

 

 

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Postkarte aus KASSEL

Nein, ich bin nicht zum Lachyoga in Kassel. Ich bin zum Schreiben hier. „Über Lachen zu schreiben macht gute Laune“, hat heute jemand geschrieben. Jetzt sitze ich am Friedrichsplatz, auf dem die Menschen sich bewegen wie auf einer großen Bühne, und lausche welche Arten von Lachen ich zu hören bekomme. Ansteckendes Lachen war noch nicht dabei. Aber Auslachen: als die laute junge Frau am Nebentisch beim Aufstehen einen Stuhl umstieß.

 

Anja Koemstedt: Notizen aus dem Papierkorb

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drawing by david shrigley (in: Süddeutsche Zeitung Magazin 15.11.13)

 

 

ausgesoffen

 

wo einst der reine abgrund    jetzt    ein skywalk gegen langeweile

du großer unnützer canyon du

 

wo heute st. petersburg noch bodennah bebaut wird eine gasflamme aus stahl

ein denkmal sein ein denkmal sein ein denkmal sein ein großkonzern

vierhundert höhenmeter weggebrannter himmel merkt kein mensch

 

wo morgen hier gesünder trinken an der türe steht und

drinnen junge frauen geruchsneutrale socken stricken bei

yogitee mit zuckerfrei und lightbeer-lemon-flavoured und

slipper-träger mit zartem vollbart gepflegt an ingwer-limonade nippen

 

passiert es auch einem lamm wie mir mitunter

dass ihm das messer im sack aufspringt

in die faust ihm (beinah) wandert

und (fast) hastenichtgesehn dem nächstbesten

den pulsschlag kappt

(hängt an seidenem faden ohnedem)

bis der rote saft nur so spritzt auf’s fell

aaaaaaahhh

 

jetzt dem ruf der stammkneipe folgen

(verraucht und gut besucht von anderen lämmern. auch von schafen)

um das leben einfach auszutrinken

 

dann geht’s schon wieder