Archiv für den Monat Mai 2016

Marion Boginski – Klein(ich)keiten

Keine Kleinigkeit

Keine Kleinigkeit, weil eine Hetzschrift von vor 81 Jahren.

Keine Kleinigkeit, weil am Ende ein schreckliches Ende für Millionen.

Keine Kleinigkeit in Zeiten von Pegida und AfD.

Weshalb lesen er/sie oder wer auch immer die Hetzschrift „Mein Kampf“?

Kritisch kommentierte 2000 Seiten mit 3700 Fußnoten.

Die Historiker sind sich uneins über die Notwenigkeit und Richtigkeit und Wichtigkeit.

Und gibt es über 55 000 Historiker, die zu Forschungszwecken Schreckliches neu entdecken?

Lesen mehr als 55 000 überhaupt die Kommentare?

Weshalb wird dieses Geschreibe zu einem Bestseller?

Weshalb ist diese Hetzschrift nicht auf dem Index gelandet?

Weshalb ist es vorgesehen zur Lehrplanaufnahme an den Schulen?

Gibt es nichts Besseres zu lesen?

Zum Beispiel „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ von Gert Schramm. Letzten Monat in Eberswalde im Alter von 87 Jahren verstorben. Hat viele Jahre vorher er an den Schulen von seiner KZ-haft berichtet.

Zum Beispiel Svenja Flaßpöhler oder Siegfried König oder Richard David Precht oder Sven Böttcher, die das Leben für sie/ihn/mich versuchen zu erklären?

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Fragen über Fragen.

Aber wer gibt ihr/ihm/mir Antworten?

Wohin mit der Sorge, dass aus dieser Hetzschrift ein Geist erwacht, den keiner mehr überwacht? Überwachen kann, der sich selbständig macht? Und Macht hat.

Plötzlich und unerwartet.

Plötzlich und nicht beachtet.

„Die ich rief die Geister, werd ich nun nicht los“, meinte Goethes Zauberlehrling.

Wir haben nichts mitbekommen, haben ihre/seine/meine Großeltern hinterher gesagt.

Wir haben nichts gewusst, haben ihre/seine/meine Großeltern hinterher gesagt.

Und was sagen sie/er/ich – später?

Hoffentlich wird nichts zu rechtfertigen sein!

 

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Ricarda de Haas: oral literal medial? Assoziationen zwischen Kiez und Welt..

Bilderwelten

 

I     Schauen

Treffen mit freunden zum super food. Bunte gesunde säfte in gläsernen flaschen. Buntes gesundes essen auf schlichten tellern. Man sitzt auf schemeln, die fürs melken geschnitzt wurden und perfekt zu den flaschen passen. Überhaupt ist understatement hier groß geschrieben.

Die speisekarte liest sich englisch und liegt einsam am tresen. Wir rätseln, welche sprache die schwangere am nebentisch spricht. Portugiesisch? Rumänisch? Katalan? Als ihr essen kommt, zückt sie das handy. Arrangiert teller und gläser, lädt zufrieden das bild hoch.

Unser essen ist auch angekommen. Steht bunt und rund auf weißem quadrat. Man kann nicht anders, ein foto muss sein. Die freundin ist inkognito in der stadt. Wenn sie die bilder jetzt postet, kennt jeder ihren standort. Soll sie oder soll sie nicht?

Das essen ist köstlich. Der frischgepresste saft, überaus lecker, könnte als eigenständige mahlzeit durchgehen. Und alles so leicht im magen. Man fühlt sich beschwingt. Man möchte sofort auf ein fixie bike steigen und erfolgreich in eine zukunft streben.

Als die schwangere und ihre freundin gehen, setzt sich ein japanisches pärchen. Sie holt ihre kamera heraus. Die sieht schwarz aus und schwer wie eine alte spiegelreflex. Liegt aber leicht in ihrer hand. Er rückt die teller zurecht, sie nimmt sich zeit. Macht das foto. Wählt einen anderen winkel. Macht noch eins. Lädt es hoch.

Als teilten wir alle ein ritual. Ein kurzes innehalten vor dem essen. Foto und posten statt tischgebet und toasten.

Die gegenwart ruft. Wir brechen auf. Zu fuß, per bahn, ohne fixie.

 

II      Angeschaut werden

Ich sitze im büro und schaue aus dem fenster. Jeder zehnte bleibt stehen und fotografiert. Wie soll man denken können, wenn man dabei fotografiert wird? Natürlich fotografieren sie nicht mich, sie wollen das graffity nebenan. Ein bild vom bild sozusagen.

Ich bin irrititiert. Wenn ich von der tastatur hochschaue bin ich auf der suche nach klarheit oder inspiration. Will schauen ohne zu schauen. Es ist ein die-augen-stumm-wandern-lassen, während etwas in mir zu worten werden will. In diese verpuppung hinein zielen sie. Auf das haus, das doch die welt von mir fernhalten soll. Ich ganz ruhig hier drinnen und die anderen laut da draußen – so ist doch das konzept von häusern.

Auf der liste der meistfotografierten wohnbauten muss dieses einen platz unter den ersten fünfzig haben, hinter dem wiener hundertwasserhaus und vor dem geburtshaus einer mittleren berühmtheit, sagen wir else lasker-schüler.

Ich frage mich, warum alle von exakt derselben position aus exakt dasselbe motiv wählen. Es gibt doch noch mehr graffities in der stadt. Wollen sie ihren reiseführer reinszenieren? Das bild einsammeln, das ihnen versprochen wurde. Auf der suche nach etwas, das ihnen das gefühl gibt, dagewesen zu sein. In berlin!

Manche sehen so aus, als brauchten sie dieses graffity. Eine bestätigung, dass es woanders leute mit ähnlichen ideen, ähnlichen visionen gibt. Sie wollen teil von etwas sein, sich verbunden fühlen. Andere wirken, als würde ihr erlebnis zur erinnerung noch während sie mitten darin sind. Als könnten sie das original gar nicht wahrnehmen, weil sie sich gleich auf das das abbild konzentrieren.

 

III     Sein

Ich kehre heim. Berliner sommerabend. Auf der strasse flanieren touristen. Menschen, die gesehen werden wollen. Meine nachbarn sitzen vorm haus. Eine winzige insel der ruhe. Ich habe einen plötzlichen hunger nach realität. Setze mich dazu. Esse wurstbrot und trinke bier. Wir überlegen, wann die bäume gepflanzt wurden, die jetzt blühen. Was die kinder mal werden wollen, später. Kiezgefühl. Von der eigenen treppenstufe aus fügen sich clubber, flaschensammler und touris im dunkeln harmonisch ins bild. Und niemand, wirklich niemand macht ein foto davon.

Seitensprünge

 

Ein Albtraum hat mir die Nacht versaut. Ich will ihn aufschreiben, das soll helfen, habe ich gehört. Also klappe ich mein Laptop auf – und werde von ihm schief angesehen. Das muss an dem Albtraum liegen, ich blicke schief zurück und klappe das Teil wieder zu. Aus der hintersten Ecke der Schreibtischschublade krame ich einen Füllfederhalter hervor und ziehe mir aus dem Drucker ein Stück weißes Papier. Mit einem spöttischen Lächeln zum Laptop hin beginne ich, auf Papier zu schreiben, mit Tinte. Tinte, das ist eine (meist blaue) wasserlösliche Flüssigkeit die aus einem Füllfederhalter fließt, wenn man diesen zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger presst und mit etwas Druck auf das Papier setzt. Druck ausüben – ich bin wieder bei meinem Albtraum, und der ging so:

Irgendetwas wollte ich auf einer Internetseite recherchieren. Auf einer Seite, die mir sehr, sehr vertraut war, wollte ich mich von Link zu Link klicken. Doch kein Link funktionierte. Da ich auch am Laptop gern mit Maus arbeite, traktierte ich das arme Tier, mit dem Zeigefinger, dem Mittelfinger, dem …, mit zunehmendem Druck. Dann Faust, dann Ferse. Der Link verlinkte mich nicht, aber die Maus zersprang. Also musste der Touchscreen ran, Zeigefinger, Mittelfinger, zunehmender Druck, Faust, Ferse – und mein Laptop hatte einen Sprung, und nochmal Ferse und noch ein Sprung, und … ich sprang aus dem Bett. Aufschreiben, aufschreiben und loswerden.

 

kaffeepotIch koche mir einen Kaffee und denke nach, und habe das Gefühl, der Albtraum ging noch irgendwie anders. War da nicht noch etwas? Versonnen drehe ich meinen alten Lieblingkaffeepot in der Hand, starre ihn an. Der hat ja einen Sprung! An der Seite mit der Kuh! Erschrocken stelle ich den alten Lieblingkaffeepot auf das mit meinem Albtraum beschriebene Blatt. Und beobachte, wie aus dem Seitensprung der Kaffee sickert, sich mit der Tinte mischt, die ja wasserlöslich ist und mein Kaffee wohl doch zu dünn. Oder dünn genug, dass der Albtraum Wort für Wort in einer blaubraunen Lache ertrinken kann.

 

Mit einem Seitenblick spähe ich zu meinem Laptop hinüber, es gafft immer noch beleidigt zurück. Also schnappe ich mir Papier und Füllhalter und gehe zur Bibliothek. Recherchieren kann man ja auch in Büchern, so von Seite zu Seite …

 

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Rolfs Schreibwerkstatt:

Maja schreibt auch

Birgit schreibt. Sie ist ein fröhlicher Mensch. Birgit hat auch Down Syndrom. Aber darüber schreibt sie nicht. Sie schreibt am liebsten übers Essen: Schokolade, Käsekuchen, Vanillepudding, Gummibärchen und Kekse.

Rolf ist Sozialarbeiter in Rente und veranstaltet einmal im Monat eine Schreibwerkstatt für Menschen mit Behinderungen in den Praunheimer Werkstätten in Frankfurt am Main. Er tut das ehrenamtlich. Er ist auch der Bruder meines Freundes. Neulich hat er auf einem Familientreffen so leuchtend von seiner Schreibwerkstatt erzählt, dass ich sofort Lust bekam, sie zu besuchen. Es ist schön über Menschen zu schreiben, die das lieben, was sie tun.

„Das ist Maja Linthe“, sagt Rolf zu den anderen, „sie schreibt auch. Ich habe gerade eine Kurzgeschichte von ihr gelesen.“ Das reicht. Alle nicken anerkennend. Sie schreiben ja auch und wissen, wie schwierig das ist.

Birgit legt ihren Text aus der Hand und reicht sie mir. Sie spiele gerne Fußball, auf dem Sommerfest hier in den Werkstätten habe sie gewonnen. Ich erzähle ihr, dass mein Sohn ebenfalls zum Fußball gehe. Ja, ihrer auch, erwidert sie, hält kurz inne und verbessert sich – ihr Bruder!

Über Prominente schreiben, ist gefährlich

„Über prominente Leute schreiben, ist gefährlich“, sagt Rolf gerade, „das sieht man ja an dem Kohl“. Die anderen nicken, gehen wohl in Gedanken ihre Texte nach Prominenten durch. In einer Geschichte kommt nämlich Angela Merkel vor, in einem gläsernen Schiff. Gemeinsam mit einer Teilnehmerin beugt sich Rolf jetzt über deren Blatt: „Was heißt denn das? Das konnte ich nicht entziffern.“ Sie rätseln gemeinsam, kommen aber zu keinem Ergebnis. „Das ist Original-Katharina“, sagt Rolf dann anerkennend zu ihr über den Text, „das gibt es nirgendwo sonst.“ Katharina kichert erfreut und alle setzen sich wieder auf ihre Plätze. Die Stühle sind bunt, der Raum ist es nicht, eine Behindertenwerkstatt, die nicht mehr behindertengerecht ist. Der Neubau soll schon bald bezogen werden. Aber soweit ist es noch nicht.

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Die Lesung

Rolf blickt sich freundlich in der Runde um. Es habe ja beim letzten Mal den Wunsch gegeben, eine Lesung zu machen.

„Kann ich was vorlesen?“, ruft einer rein.

„Ich habe von jedem eine Geschichte mitgebracht. Wer will, kann, wer nicht will, muss nicht vorlesen. Hier ist heute `ne Lesung und wer schwätzt, wird rausgeschmissen.“

„Aber du bist doch nett, wie kannst du mich denn rausschmeißen?“

Birgit ist als erste dran. Sie zwängt sich zwischen den Stühlen hindurch nach vorne, denn die, die liest, soll vorne sitzen, damit es eine richtige Lesung ist. Sie hält den Text mit beiden Händen, die Brille auf der Stirn, Rolf hilft ihr beim Entziffern. Sie liest aus ihrem Text: „Heute hat der Alexander geweint. Ich weiß nicht warum. Er ist ja mein Freund.“ Als sie geendet hat, klatschen alle. „Gut gelesen!“, sagt Rolf. „Ja“, sagt Birgit und setzt sich wieder auf ihren Platz.

Urheberschaft

Es ist unruhig geworden. Letztes Mal war „Sommer“ das Thema, und dazu haben zwei der Teilnehmer gemeinsam einen Text geschrieben, den sie jetzt lesen wollen. Sie sind sich nicht einig über die Urheberschaft. Aber es gibt keinen Streit. Er habe bei den ausländischen Wörtern geholfen, sagt der eine schließlich, und der andere nickt.

Der erste ist schüchtern. „Kommst du her zu mir?“ Rolf deutet auf den Stuhl für die Lesung. „Nee, nee.“ „Feigling. Das hier ist die Überschrift.“ Rolf zeigt sie ihm. „Weiß ich nicht.“ „Soll ich`s vorlesen?“ Schließlich einigen sie sich, dass der andere den Text vorträgt. Der geht stolz nach vorne, setzt sich, liest die Überschrift und fügt hinzu: „Von mir.“

Shooterspiel mit Aliens

Es folgt eine Pause. „Also, das ist ein Shooterspiel mit Aliens.“ Er blickt bei der Erklärung kurz in die Runde, mehrere Zuhörer schlafen bereits. Er liest weiter: „Es gibt viele schöne Frauen hier. Porno im Puff.“ Alle, die wach sind, lachen. Als sein Ich-Erzähler eine Straße entlang geht, ruft der Autor in seinen eigenen Text hinein: „Das war ich natürlich.“ Am Ende klatschen alle und wecken die, die eingeschlafen sind, wieder auf. „Das war’s jetzt schon? Ich will weiterlesen.“ Widerstrebend geht der Autor zurück an seinen Platz und fragt seinen schüchternen Nachbarn: „Wie war ich?“ Der schlägt ihm anerkennend auf die Schulter.

Rolf mischt sich ein. Wenn das nur abgeschrieben sei vom Computerspiel, dann müsse er das rausnehmen, das sei ja nicht fair. Er will auch den Einwand der beiden ungleichen Autoren nicht gelten lassen, dass das ja eh nicht öffentlich gemacht werde. Die beste Möglichkeit sei immer noch, eigene Figuren zu erfinden, da habe man keinen Ärger.

Der nächste Text ist ein Songtext. Der Autor möchte nicht nach vorne kommen. „Können Sie`s lesen?“, fragt Rolf. „Schwierig“, sagt der. Schließlich findet sich ein anderer bereit, den Songtext zu rappen. Die Zuhörer wippen und wiegen sich im Takt. Es macht nichts, dass nur wenig vom Text zu verstehen ist. Als dann wirklich alle gelesen haben, sagt Rolf: „Das war das Ende der Lesung.“
„Was, fertig? Noch weitermachen!“

Der Krimi

Rolf will, dass alle noch ein wenig schreiben, vielleicht Geschichten für die Weihnachtsfeier. Das Thema sei egal, nur keine Tötung am laufenden Band. Pablo schlägt vor, an einem Termin seinen ganzen Roman vorzulesen. Rolf wiegt den Kopf hin und her: „Das könnte lang werden. Vielleicht, wenn nur ganz wenige da sind.“

Aber Pablo gibt nicht auf, er möchte Rolf noch den Rest seines Romans diktieren. Die beiden gehen in einen kleinen Nebenraum, und Pablo nimmt die Karteikarte mit seinen Figurennamen zur Hand. Rolf schreibt mit der Hand auf, was Pablo diktiert. Es ist ein Krimi: „Todesursache: Verkehrsunfall!“ Rolf schreibt und fragt: „Wer tippt denn das ab in den Computer?“ „Überleg ich noch!“

Das Ende

Pablo diktiert weiter das, was Rolf einen komplizierten Kriminalfall nennt, und der mahnt auch an, dass es an der Zeit sei, den langen Krimi zu Ende zu bringen. Schließlich verkündet Pablo den letzten Satz: „Und er wurde zum Gott einer neuen Welt.“ Rolf wiederholt und schreibt das auf.

„Ende“, sagt Pablo, „ja, das Wort „Ende“ – es ist vorbei.“

„Wer tippt das jetzt ab?“, fragt Rolf und Pablo erwidert: „Wie wär’s mit Sie?“ Beide lachen.

„Soll ich was sagen? Ich hab‘ am Schluss nicht mehr richtig kapiert, was passiert“, wendet Rolf ein. Pablo nickt und sagt: „Aber ich find` gut, dass die Geschichte zu Ende ist. Was sagen Sie?“

Er kündigt eine neue Geschichte an, von einem Cyborg, der unheimlich stark ist, aber aussieht wie eine hübsche Blondine. Die Geschichte werde schneller gehen, verspricht Pablo mit Blick auf den ungeduldigen Rolf. Er habe sich vorgenommen, eine Art Serie aufzubauen.

Birgit geht an der Tür vorbei. Sie hat einer anderen Ehrenamtlichen ihren Text diktiert. Sie winkt mir zum Abschied. „Ich wollt` mal, dass du was anderes schreibst“, sagt Rolf gerade zu Pablo. „Es gefällt mir aber!“ „Okay“, seufzt Rolf, „ich geb mich geschlagen“. Wir packen zusammen und gehen gemeinsam die Treppe hinunter. Unten halte ich Ausschau nach Birgit, aber die ist schon weg. Sie malt nämlich auch.