Archiv für den Monat April 2016

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Das Wort heißt ‚bemerkenswert‘. Was bemerke ich, was bemerken wir und was unterscheidet das Bemerkte von dem anderen, das nicht bemerkenswert, nicht ‚der Rede wert‘ ist. Natürlich es ist die Bedeutung. Insbesondere Medien- und Kulturschaffende müssten sich Tag für Tag neu die Frage stellen, von welchen Ereignissen sie möchten, dass ihre LeserInnen, HörerInnen, ZuschauerInnen davon erfahren. Das ist aber gar nicht so leicht, weil es mit der Bedeutung so ist wie mit der Henne und dem Ei. Was wir bemerkt haben im Laufe des Lebens, halten wir für bedeutsam und teilen es der Allgemeinheit mit, auf dass auch sie es (wieder und wieder) bemerke, auf dass es etwas erlange, das es in unseren Köpfen sowieso schon gehabt haben muss, weil wir sonst nicht darüber geredet, geschrieben, gemalt hätten: Relevanz. Wo bleibt in diesem Prozess aber das Schaffen der Kultur, wenn nur reproduziert wird, was schon da war, was schon bemerkt worden ist und daher wahrscheinlich auch wieder bemerkt würde, stellte man mehr davon bereit? SAMSUNG

Jetzt mach mal mehr davon, das geht weg wie geschnitten Brot!
Aber geschnitten Brot ist gleichförmig
und selten frisch.

Kreieren wir lieber Pfefferkuchen, Petit Fours und Rosinenbrötchen.
Oder Gugelhupf.
Oder was?

 

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Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Ich laufe das Ufer entlang, trotz „Frühling“ in dicker Winterjacke und obwohl ich friere, hole ich mir einen Sonnenbrand. Gerade will ich anfangen, mich darüber zu ärgern, als ich den Mann im Wasser entdecke. In Badehose, also halbnackt, und das bei dieser Kälte! Ein Held, fürwahr! Sozusagen die personifizierte Abhärtung und Disziplin und damit das Gegenteil von mir.

Er steht da ganz lässig, als würde nicht der eisige Wind um seinen halbnackten Körper pfeifen und blickt in meine Richtung. Ohne Brille kann ich den Grad seiner Attraktivität nicht abschätzen. Als ich sie endlich in meiner Tasche gefunden habe und aufsetze, werde ich enttäuscht: Der Mann im Wasser ist eine Schaufensterpuppe.

Mein Held ist also nur eine Illusion, die sich – wie nahezu alle meine Illusionen – wieder einmal nicht lange aufrechterhalten ließ. Mir sterben die Illusionen in den letzten Jahren weg wie die Fliegen! Ich beobachte neiderfüllt, wie andere sich aus ihren robusten Illusionen prächtige Puppenhäuser bauen, ja, ein ganzes Leben, und daraus Hoffnung ziehen, Mut und Tatkraft. Sie springen  vermutlich jeden Tag frisch und energiegeladen aus dem Bett, während sich bei mir schon morgens die Sinnlosigkeit wie eine Staubschicht aufs Gemüt legt und mich in Lethargie verfallen lässt.

Ich lasse den falschen Helden hinter mir und laufe desillusioniert gegen den eisigen Wind an. Er kann mich nicht aufhalten. Na also, sage ich mir und tröste mich mit dem Gedanken, dass meine Illusionslosigkeit womöglich ebenfalls eine Illusion ist, aus der doch immerhin ein Trotz erwächst, der mich durchs Leben bringt, irgendwie.

 

Postkarte aus POTSDAM

Hier lebte die Witwe Quandt und nach ihr lebte hier Prinz Oskar. Dann folgte ein Loch in der Geschichte ein zeitliches Loch von 1945 bis 1990. Im Keller ist etwas von diesem Loch zu sehen. Wie soll ich es Euch beschreiben?  Es ist etwa drei Meter tief und weiß gefliest. Es gehörte zu einer баня. Putin soll darin … na, das gehört vielleicht doch ins Reich der Legende.

Eine Etage höher saß heute, während ein Archivar uns durchs Haus führte, ein leibhaftiger Archivbenutzer. Wir konnten ihn bei der Arbeit beobachten.  Dann durften wir noch einen Blick durchs Sicherheitsglas werfen. Irgendwo dahinter soll Fontanes Dochtschere liegen.

Marion Boginski: Klein(ich)keiten

Kurz, kürzer, zu kurz

 

Kurz, kürzer, zu kurz

Gestern Abend an einer Currywurstbude, hinter mir eine Stimme.

Kommst du Kino?

Ich drehe mich nicht um, ich denke, da kommt noch was.

Da sagt eine andere Stimme: Nee, ich geh Bahnhof.

Gestern Abend an einer Currywurstbude spricht ein Mann in sein Handy.

Ich bin noch Büro.

Ich drehe mich nicht um, denke, da fehlt doch was.

Ich warte. Sage Curry mit Pommes.

Der Verkäufer fragt: Rot-weiß?

Ich nicke und denke, das sich gerade ausbreitende Kurzdeutsch geht noch kürzer.

Zahle, Nicke, Gehe.

Jede Menge Worte sind unterwegs, schwirren mir um die Ohren, landen im Kopf oder daneben. Fallen zu Boden, bleiben liegen, werden zertreten, aufgehoben, die Reste benutzt.

In mir eine Stimme: Gehe Bahn, fahre Hause, falle Bett.

Sammle im Traum Artikel und Präpositionen ein.