Archiv für den Monat März 2016

Ricarda de Haas: Verborgenes ex-Leben

Schlendern über den Flohmarkt. Ein Bücherstand, privat, voll zerlesener Exemplare. Schöne Ausgaben, inzwischen alt und muffig. Sie könnten aus dem Nachlass einer literaturbesessenen Tante stammen. Dazwischen ein schmales Bändchen, fest verschweißt in glatter, heller Umhüllung. Kein noch so winziges Loch erlaubt einen Blick auf das Cover. Neugierig geworden löse ich die Plastikhülle, um den Titel dieses Stiefkindes zu erspähen: „Die Ungelesenen Briefe“.

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Ich schiebe den Band in die Hülle zurück. Später lässt es mir keine Ruhe. Ich will wissen, was es mit diesen Briefen auf sich hat. Den Namen des Autors habe ich vergessen. Eine erste Recherche zeigt ein erstaunliches Bild. Die Welt scheint voller Briefe, die niemand lesen will. Ungeöffnete Liebesbriefe, Fanpost, fairmail, Feldpost der Großväter, den Enkeln von der Elterngeneration hinterlassen.. Die menschliche Sehnsucht, einander mitzuteilen, wird auf eine asymmetrische Kommunikation reduziert: viele Sender, wenig Empfänger.

Wer ist Mostafa Hamad?
Endlich ein sinnvolles Ergebnis: Mostafa Hamad veröffentlichte 2010 ein Paperback mit diesem Titel. Das Erscheinungsjahr würde zumindest erklären, warum der bibliophilen Tante keine Zeit mehr blieb, es zu lesen. Das Buch ist nicht mehr lieferbar, Hinweise auf Verlag oder Ort fehlen. Wer ist Mostafa Hamad? Ich finde einen Chirurgen, einen Paläontologen, einen Informatiker und einen Fotografen. Alle haben publiziert, letzterer einen Band mit Fotos von 100 zeitgenössischen arabischen FotografInnen http://arabpx.com/book2015/. Keiner von ihnen schreibt auf deutsch, keiner listet Briefe unter seinen Publikationen.

Signed, Sealed, & Undelivered
Ich suche weiter. Und finde eine Schatztruhe. Von der Art und Größe, wie Piraten sie lässig auf der Schulter tragen. Nur dass diese hier eine Posttruhe ist. Sie wurde zwischen 1689-1707 von Simon und Marie de Brienne, die als Postmeister in Den Haag für alle Post aus Frankreich, Spanien und den Niederlanden zuständig waren, mit insgesamt 2600 unzustellbaren Briefen gefüllt. Der Schatz gelangte schon 1926 in den Besitz des
Museum voor Communicatie in The Hague, wird aber erst seit 2015 in dem Projekt Signed, Sealed, & Undelivered systematisch erforscht.

Ansehen
Ich stöbere, zunehmend fasziniert, auf der homepage des Projektes http://brienne.org. Neben den feinen Schnörkeln geübter SchreiberInnen, die den gesamten Brief wie mit einem kostbaren Muster überziehen, finden sich mit Flecken übersäte Schreiben, Rechnungen, dazugelegte Zeichnungen. Umschläge gab es damals nicht, sondern die Bögen wurden je nach Anlass und Kenntnis kompliziert gefaltet und rot, braun oder in einem warmen Goldtton versiegelt. Ein Teil des Projektes befasst sich nur mit dieser ‚letterlocking‘ genannten Falttechnik, und den darin eingeschriebenen Codes. Liebesbriefe wurden z.B. oft in Diamantform gefaltet.
https://www.youtube.com/channel/UCNPZ-f_IWDLz2S1hO027hRQ

Anhören
Die Schreiben sind in französisch, spanisch, italienisch, niederländisch und latein verfasst, teilweise lautsprachlich ohne Satzzeichen. Letzteres ist eine Besonderheit der Sammlung, da nicht nur Zeugnisse von Gebildeten überliefert sind, sondern aus allen Bevölkerungsschichten: reisende Künstler, Händler, Flüchtlinge, Spione oder Analphabeten, die ihre Briefe diktierten – sie schickten ein Lebenszeichen oder Liebesgrüße, baten um Geld, suchten Arbeit oder den Kindsvater, warnten vor gefährlichen Reiserouten oder Zwangsrekrutierung, wickelten Geschäfte ab. Manches kann man in Übersetzung anhören:
https://soundcloud.com/wnpr/letter-from-tours-in-tourraine-16-november-1698

Unzustellbar
Man kann es der Post nicht verdenken, wenn sie von manchen Adressen überfordert war: „To Monsieur Gauflet, instrumentalist in the Acting troupe of his Britannic Majesty in The Hague, or wherever they might be at the moment“. Oft waren die Empfänger auch verstorben, verzogen oder verweigerten die Annahme. Letzeres passierte häufig, denn im 17.Jh. zahlten die Briefschreiber nur bis zur Grenze. Den nach der Grenze anfallenden Anteil des Portos übernahmen die Empfänger, wenn sie konnten oder wollten. Allerdings wurden die meisten der Briefe zuerst geöffnet – offensichtlich war es möglich, einen Brief zu lesen und anschließend die Annahme zu verweigern oder zu vertagen. Die de Briennes nannten die Schatztruhe deshalb ihr spaarpotje.

Verborgene Geheimnisse..
600 Briefe wurden im Lauf der letzten 300 Jahre nie geöffnet. Um sie in geschlossenem Zustand zu erhalten, werden sie mit einer sonst in der Zahntechnik verwendeten hochauflösenden 3-D-Röntgentechnologie durchleuchtet und anschließend am Computer zusammengesetzt. Möglich ist das, weil die Tinte damals eisenhaltig war, was bis heute für klare Konturen sorgt. Und ihr diesen zauberhaften dunkelbraunen Ton verleiht.

..gelüftet
Ihr Briefgeheimnis wird trotzdem nicht gewahrt. Der erste ungeöffnete Brief wird am 13. April 2016 der Öffentlichkeit präsentiert, wer will kann dabei sein, es sind noch Plätze frei: http://libcal.mit.edu/event/2309079 Das Credo „das Internet vergisst nichts“ scheint plötzlich sehr relativ. Denn es sieht ganz so aus, als gäbe es eine Menge bibliophile Tanten, denen ungelesene Briefe keine Ruhe lassen. Geschriebenes will gelesen werden, selbst wenn es 300 Jahre dauert. Vielleicht müssen sich Mostafa Hamads Ungelesene Briefe noch ein wenig gedulden.

weiterlesen
http://musicologynow.ams-net.org/2016/03/on-letters-discovery-and-cooperation.html
http://www.theguardian.com/world/2015/nov/08/undelivered-letters-17th-century-dutch-society
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/historische-briefe-ungeoeffnete-post-aus-17-jahrhundert-entdeckt-a-1067959.html
http://www.spektrum.de/news/forscher-wollen-versiegelte-post-aus-dem-17-jahrhundert-lesen/1378810
http://www.cbc.ca/radio/asithappens/as-it-happens-tuesday-edition-1.3312388

 

 

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Seitensprünge

die da sprangen – linke Seite – rechte Seite – Schulter – Becken – Hand;

die da sangen im Chor oder Solo, so jung, so schön,   bild1

die da tanzten klassisch oder modern, im T-Shirt oder Schulter frei;   die da trommelten mit Kopftuch;   die da schrieben und lasen – englisch, deutsch, arabisch;   die da musizierten mit- und füreinander;   die da applaudierten im Potsdamer Nikolaisaal – sitzend, stehend, jubelnd …

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… hatten sich zu Hunderten für Stunden von Stöpseln im Ohr getrennt von ihren Smartphones, aus ihren Netzen befreit, aus ihren Klassenräumen und Sofaecken, aus ihren Schubläden …

… haben einander zugehört und zugesehen und verstanden – haben Mut gemacht und Hoffnung

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Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Im Kasten

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Keiner kennt mich. Selbst mir ist es herunter gefallen vom Kopf, wer ich bin. Ich verstecke mich im Kasten hinter der Scheibe, in diesem Licht, das angeht und aus, an und aus. Da sind Blicke, die suchen nach Haut und schlüpfen mir unter die Kleidung. Wenn es dunkel ist, kann ich mich selbst nicht erkennen. Der Kasten ist leer bis auf mich, die nicht weiß, worin denn der Kasten steckt. Draußen haben sie Sprechapparate, so winzig klein als wären es keine. Sie bewegen die Lippen als äßen sie Luft, schauen finster dabei, so als schmecke sie nicht. Manchmal klopfe ich an die Scheibe. Sie hören mich nicht. Ich rede wirklich mit mir, schreibe für mich hier im Kasten.

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Was ist denn jetzt mit den Geschichten?

Warum fragt das niemand?
Wo die Kinder herkommen, wollen die Kinder wissen, aber dass die Geschichten da sind, nehmen sie einfach hin, brauchen keinen Klapperstorch dafür. Schlagen die Bücher auf und sehen die Bilder an, lassen sich vorlesen und lesen selbst, später, wenn der Klapperstorch schon fortgeflogen ist aus ihren Köpfen, dem anderen gewichen, dieser Realität, von der die Wissenschaft nicht weiß, ob sie Teilchen ist oder Welle.

Na, Teilchen ja wohl, jedenfalls wenn man sie anfassen kann. Geiles Teil, sagen die Kinder, wenn sie keine Kinder mehr sind und das neue neueste allerneueste Smartphone haben wollen, geiles Teil und nicht geile Welle. Und dann laden sie sich die Geschichten herunter, am besten für lau, und noch immer fragen sie nicht, wo kommen sie denn her, die Helden und die Lieblinge, die Männer und Frauen und Kobolde, mit denen sie fiebern, die Monster und Geister und Psychopathen. Oder Psychopathinnen, o ja, die gibt es auch.

Jedenfalls lesen sie weiter, blättern um und können ES nicht aus der Hand legen, das Buch. Oder sie wischen auf dem Teil und werden dabei geil, und das kann folgen haben, je nach Konstellation. So lesen sie bald den eigenen Kindern vor, bald den Enkeln, stellen mit den Jahren die Schrift größer und größer und fragen noch immer nicht, wo kommen sie her, die Geschichten.

Buchen eine Flatrate in der Bibliothek oder in diesem Netz, in dem sie sich längst verfangen haben, lesen nur noch Anfänge. Ende ist eh nicht so toll, aufs Ende marschieren sie selber zu, und kurz bevor es so weit ist, liest ihnen hoffentlich wieder jemand vor an ihrem Bett aus einem Buch. Alles andere wird vergessen, nur die Geschichten nicht. Schließlich ist es vorbei und sie legen das geile Teil aus der Hand und werden Welle.

Nehmen die Geschichten mit.
Und niemand weiß, wohin.