Archiv für den Monat Februar 2016

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Annäherungsweise verfehlt oder: grob gerechnet

Eines Abends, irgendwo in einer Bar am Prenzlauer Berg; an der Theke drei Kneipengäste im Gespräch, ein groß gewachsener, blonder Mann mit exaktem Haarschnitt, zwei im Vergleich dazu eher kleine Frauen mit unterschiedlicher, schwer zu definierender Haarfarbe und Frisur.
„Und, wie viele Kilometer sind es von dir zu Hause bis nach Berlin?“ fragt er die etwas Größere der beiden Freundinnen.
„ Ich fahre ungefähr eine gute Stunde.“
Er schüttelt verständnislos den Kopf. „Ich habe nach Kilometern gefragt.“
Sie zuckt bedauernd die Schultern.
„Na ja, das kann man ja ausrechnen. Wie viel Stundenkilometer fährst du im Schnitt?“
„Das kommt darauf an.“
„Das kommt darauf an!?“ Er dreht sich in hilfloser Verärgerung zur anderen um. „Bei einer klaren Fragestellung sollte man doch wohl eine klare Antwort erwarten können?“
„Ja, das ist sicher irgendwie unbefriedigend.“
Misstrauisch sieht er auf die blinzelnde Brillenträgerin herab, fragt dann aber doch, halb besänftigt durch ihr Lächeln: „Bist du auch mit dem Auto da?“
„Ich wohne nicht weit von hier.“ Sie nippt an ihrem Whisky.
Er starrt sie wortlos an. Dann greift er nach seinem Bier, dreht sich brüsk um und lässt die beiden Frauen stehen.

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Carmen Winter: Postkarte aus LISUM

Grüße aus Lisum. Hast du erst Elisium gelesen? Denkst du, das ist ein Tippfehler? Nein, das Spiel mit den Buchstaben spielt hier Marion. ich reise und schreibe virtuelle Postkarten. Heute aus dem LISUM, einer ehemaligen Landwirtschaftlichen Erziehungsanstalt. Heute hat der Denkmalschutz seine Hand auf das Gelände gelegt. Erzieher und Lehrer gehen hier immer noch ein und aus. Sie bilden sich, bilden sich weiter.

Mit den Wörtern könnte mal Eine spielen: Erziehen, lehren, bilden. Und dann auch: spielen, lernen. Auf einer Postkarte ist nicht genug Platz,  um sich Wortspielerisch auszzutoben. Außerdem habt ihr euch doch sowieso in der Geschichte des LISUM festgelesen, die sich hinterm Gelände verstecken, oder?

Frisch gefischt. Notizen aus dem Papierkorb.

neue seite, anderer tag, irgendwo: in der pampa, zwischen berlin und bielefeld, wintertag 2016

kühe halten ihre köpfe über schneebedecktes, gefrorenes gras gebeugt, das ist mir neu.

Ich weiß nicht, was das zu bedeuten hat. Was sie da tun.

Warum mir das rechtschreibprogramm je am satzanfang dazwischenfunkt, weiß ich auch nicht, hatte es gerade ausgeschaltet. Es – da! – besteht auf großschreibung, sehr korrekt, jetzt stört das meinen schreibfluss zwar nicht, aber die fließbewegung der augen, dieses stolpern immer über die unebenheit, ja das hindernis, das hinter jedem punkt lauert, muss das sein, das ist: überflüssig, ich will eine gleichmäßige, ununterbrochene bewegung des blicks und somit der gedanken, beim lesen wie beim schreiben, um möglichst gleichauf mit der denk- und wahrnehmunsbewegung zu sein. Nur – da! -, nur die kommas kann ich nicht weglassen, das luftholen, absetzen der gedankenschwere scheint in kurzen abständen nötig, unerlässlich, ein kleines strichlein dort unten am fußende der wörter hilft, kein stolperstein, sondern der taktstock, so bleibt auch der klang im spiel der wörter mit dem geist nicht nur erhalten, sondern auch zu sehen, das visuelle wird wie immer viel zu wenig bedacht – gerade in dieser bildgefluteten weltentrücktheit aller.

Wären ach wären maschinen autonome wesenheiten, oh wären sie doch.

Dann wäre die grenze klar.

Trennlinie. Demarkationslinie.

Hier mensch. Dort maschine.

Ich mensch. Du da, hinter dem bildschirm irgendwo, maschine.

Die so wir anders.

Die anders wir so.

Hallo maschinenautomatismen, muss es sein dass ihr immer denkt ihr würdet uns arbeit abnehmen indem ihr in eurer grenzenlosen fürsorglichkeit alles fortführt so wie wir zuletzt geendet haben stupid stumpf format beibehalten – so lange kein anderer befehl folgt. Bemutterungselektronik, sch… auf BBBBBBBemutterung, sch… auf GGGGGGroßschreibung am satzanfang. Macht meine bemutterungselektronik aber einfach. Hab ich schon immer gehasst, bemuttert zu werden.

Das wollte ich eigentlich sagen, statt eines statements zu mutterfragen:

Ich sollte woanders hinfahren, oder einfach weiter, länger jedenfalls, um den schreibfluss am leben zu erhalten, aber bielefeld naht, das außen greift wieder ein ins innere, nie ist ihm gänzlich zu entkommen, wir sind so jämmerlich bedingt trotz allen geistes. Es bleibt mir zu tippen mit kleinem kuh-K am anfang:

Kühe halten ihre köpfe über schneebedecktes, gefrorenes gras gebeugt, das ist mir neu.

oral literal medial? uns verbinden 26 zeichen…

ASDFJKLÖ
als das öl das köl das fass ja das ASDFJKLÖ

ja jetzt sitze ich im zug und lerne tippen und zwar blind das ist nicht leicht aber es geht und ohne zu viele tippfehler wahnsinn

Das da, das sass ja da, das da
das öl, ja das köl, ja das ölfass, ja das sass da ja..

meine rechte hand möchte über die tasten fliegen gganz ungeduldig, immer schnell interex, nein: unterwegs, dabei macht sie zeichn ausversehn, will doch nur schnell sein, schnell.. Aba-er, jetzt tippe ich blind udn schenll und bumms mache ich laeuter tippfelehr

krikel.krakel.krokel
ich habe einen vokel.

Na das da, das ja, das ist ein krea – tief, das ja..

Außerdem wollen meine finger jede taste mal drücken, sollen nicht immer nur dieselben finger die hübschen buchstaben abbekommen und plötzlich wird’s eng und wild auf der tastatur

Krokel.krakel.krikel
oweh mir fiel ein zikel
auf den kopf
klopf, klopf.

meine güte geht das langsam kein wunder dass denken so lange dauert wenn man dauernd sozusagen mit schönschrift beschäftigt ist das ist gar nicht wie schreiben das ist mehr ein stammeln

ASDFJKLÖ, asdfjklö
Alsö als das öl, das da, das fass da, alsö ja
Ja das kann ja, das kann köln ja, das fand das föllig, das fand das krass da, ja was söll das

meine rechte hand ist schnell interex nein unterwegs und ich bin auch interex aber nicht schnell denn jetzt hält der ICE wo sind wir

Ja, das kann, ja das kann köln, ja das kann köln köln sein

Hm vielleicht ist es leichter die satzzeichen wegzulassen weil die machen die sache ganz schön kompliziert

Ja das fass
alsö falls öl flöss
das öl ja als das fass
krass
lass das öl
lass das ja
da söll köln das öl ja
also falls das fass
ja also das läuft üba ja
das da

eine durchsage sie haben diebe hier in köln ich wundere mich so eine ansage habe ich noch nie gehört
Vorsicht vor taschendieben auf dem bahnhof Steigen sie vorsichtig aus Bitte

aber ja ja das kann köln ja das kann nur köln köln sein
krass ja