Archiv für den Monat Januar 2016

Marion Boginski: Klein(ich)keiten

Buchen Sie jetzt!

Nur wohin? In die Wärme, in die Kälte, oder egal, weil das Paradies immer woanders ist, da wo sie/er/ich gerade nicht oder nur kurz sind, aber hinwollen, unbedingt, um es zu suchen, zu besuchen. Das Meer zehennah, die Sonne brennnah, unser Geist paradiesnah. Nicht denken brauchen, müssen, wollen, nur genießen, atmen, trinken, jede Sekunde gebrannt auf der langen Seite unseres Gedächtnisses. Türoffen, kammerlos, weithin sichtbar. Ein Paket, gekennzeichnet mit dem Wort Urlaub, in signalrot. Der Gedankenweg dorthin nicht Trampelpfad sondern Autobahn.

Nur weshalb? Ist ihr/Ihm/mir das Ziel eine Nebensache, nur das Unterwegsein wichtig? Das Wegsein? Goethe war weg und Monet und Gaugin und Humboldt und Rilke und Böll und Macke und Mozart … Italien, London, Südsee, Südamerika, Frankreich, Irland, Tunesien, Prag …

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen, drum nahm ich meinen Stock und Hut und tät das Reisen wählen, so sprach Matthias Claudius. Wollen alle, die reisen, sich künstlerisch inspirieren lassen und hinterher erzählen, malen, komponieren? Oder ist Reisen für sie/ihn/mich wie Trophäen sammeln? Zum Bewundern, zum Selbstwundern oder weil die Erinnerung wunderbar ist?

Eine Reise, ein vortreffliches Heilmittel für verworrene Zustände, so Grillparzer. Sind sie/er/ich verworren, weil wir reisen wollen? Weg aus dem Alltag, weil ihr/ihm/mir die Probleme hinterherlaufen und wir des Weglaufens müde sind und nun selbst weglaufen? Die meisten laufen in die ferne Sonne. Haben vorher Fernweh und träumen und planen und hoffen und buchen. Haben hinterher Fernweh und erinnern sich und träumen und warten und pflegen ihr Weh.

War der Arbeitskollege, Freund, Nachbar weiter weg als sie/er/ich? Weshalb, warum, wieso kann der sich leisten, was sie/er/ich nicht kann? Oder kann er gar nicht? Tut nur so, Kredit in Raten, abzahlbar in Jahren. Der Werbung zum Opfer gefallen. Schnäppchen, Frühbucher, Rabatte … Mit ab ins Blaue, ab in die roten Zahlen? Dem Fernweh erlegen? Müssen sie/er/ich in die Ferne, um wieder Nähe zu finden, zu sich selbst und anderen? Erholungsweite unter der Sonne Spaniens, Portugals, Zyperns … Mit Sonnencreme und Magentropfen im Kampf gegen das Ungewohnte. Neue Eindrücke einsammeln oder am Strand eine Weile alles Denken abschalten und im Leerlauf liegen?

Wenn man mich fragt, warum ich reise, antwortete Montaigne: Ich weiß wohl, wovor ich fliehe, aber nicht, wonach ich suche. Was suchen sie/er/ich auf unseren Reisen? Einen Platz außerhalb der Reichweite von Arbeitskollegen, Nachbarn, Freunden, um dann mitten auf dem Markt in Marrakesch zu hören, ach, ihr seid auch hier! Wir dachten, ihr wolltet in diesem Jahr zu Hause bleiben. Wir sind hier zu Hause, kommen jedes Jahr wieder.

Fernwehüberfall an einem Montagmorgen, weil Regentropfen an ihr/sein/mein Fenster klopfen. Ein Rasen die Gedankenautobahn entlang bis zum signalroten Paket Urlaub. Lider flattern, Hände zittern, suchen im Internet ein Angebot, für sofort, für morgen, für übermorgen. Last Minute, sie/er/ich haben das Gefühl die letzte Minute zu erleben, wenn wir nicht sofort weg können. Wohin? In die Sonne. Womit? Mit dem Flieger? Wie lange? Am besten für immer. Lider flattern, Hände zittern, das geht nicht, nicht arbeitsmäßig, nicht geldmäßig. Aber schauen können sie/er/ich ja mal, was drin wäre mit Urlaub. Vier, fünf, sechs Monate später.

Folge man aber dem Drängen, es zöge einen immer weiter in die Ferne, so Tolstoi. Urlaubsanbieter nähren sich vom Leid der Fernwehchroniker. Schüren und bieten, überbieten, zocken, locken hin zu Palmen und auf die Palme. Wir machen Fernweh. Manchmal wird das in der Ferne zu Heimweh. Der Pool ist gerade nicht nutzbar, der Kran vor dem Fenster sollte eigentlich schon weg sein, aber nun sind sie/er/ich bald wieder weg und der Kran immer noch da. Also Vorsicht vor dem Fernweh? Reagiert es geweckt wie ein ausgehungertes Tier? Frisst Länder, frisst Orte, frisst Geld, frisst Urlaub? Frisst es auch das Fernweh weg? Oder überfrisst es sich und speit in der Heimat alles wieder aus? Folgen neuer Hunger und neues Überfressen?

Ich habe Fernweh/ Wenn Wolken an mir vorüberziehen/ Wenn ich einen Stern seh …, singt Grönemeyer.

Ferne Welt ich komme, ich kann deine Lichter sehen. Ich hab so oft von dir geträumt …, singt Unheilig.

Nimm mich mit Kapitän auf die Reise, nimm mich mit in die weite, weite Welt …, singt der Seemann.

Den Toren packt die Reisewut, derweil daheim der Weise ruht. Sagt Paul Diehls.

Buchen Sie jetzt, sagen die Reiseveranstalter. Nur wohin? Nur weshalb?

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Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Es heißt ja, Internetliteratur solle mehr sein als im Internet veröffentlichte Printliteratur. Hörfassung des ersten Satzes

Ich habe mich gefragt, wie viele Geräusche ein Text machen kann? Wenn ich ihn im Kopf vor mich hindenke, also denkend vor mich hinspreche, hört man ihn noch nicht. Wenn ich ihn dann aber eintippe, macht er Geräusche. Ich tippe mit zehn Fingern und jeder Buchstabe hört sich anders an. Es ist, als spiele ich auf einer klappernden Textklaviatur meinen leisen Kopftext.
Textklaviatur

Dann drucke ich den Text aus, auch das ist ein Textgeräusch, das je nach Seitenanzahl und Inhalt variiert.
Ausdruck

Vielleicht lese ich dann Korrektur, murmele vor mich hin, murmele Textveränderungen, schreibe etwas mit dem Kugelschreiber hinein oder tippe die Änderungen gleich ein. Neulich habe ich mich dabei so geärgert, dass ich wütend auf die Tastatur haute. Da hat es meiner Tastatur die Beinchen weggehauen. Das gab ein lustiges Geräusch.
Korrektur mit Wut

Erst nach der Korrektur lese ich den endgültigen Text laut, um seinen Klang außerhalb meines Kopfes zu testen.
Textklang

Die verschiedenen Textklänge stelle ich als Klangcollage ins Netz, zwischen die Zeilen des Textes. Die Klanggeschichte erzählt die Entstehungsgeschichte des Textes. Es scheint, als spreche der Text mit sich selbst, als werde er während des Hörens und Lesens wieder und wieder geschrieben.

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

SCHNEE VON HEUTE

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Offenbar Hunderte von Männern arabischer/nordafrikanischer Herkunft, die sich an Silvester mitten in Köln zusammenrotten, Frauen und Mädchen bedrohen, sexuell bedrängen, bestehlen. Ich versuche vergeblich, die in mir aufkommenden, wütenden  Gewaltphantasien in den Griff zu kriegen. Es gelingt mir erst, als ich aus dem Fenster sehe: Der erste Schnee!

Jedes Jahr hat er die gleiche Wirkung auf mich: Ich werde völlig ruhig und lächle, egal wie genervt oder wütend ich gerade eben noch gewesen sein mag. Und dann erinnere mich daran, wie ich als Kind in den Himmel gesehen habe. Die Schneeflocken flogen auf mich zu wie Botschaften aus der Zeitlosigkeit und ich konnte mich nicht satt sehen, sah so lange in den Himmel bis ich alles um mich herum vergessen hatte. Deshalb reagiere ich wohl auf die ersten Schneeflocken wie ein Pawlowscher Welpe: Ich freue mich, freu mich so, laufe auf die Straße, setze meine Brille ab und tapse, ganz Hanna Guck-in-die-Luft, durch die tanzenden Eiskristalle.

Als die gefühlt letzte Schneeflocke gefallen ist, setze ich – immer noch lächelnd – meine Brille wieder auf, betrete den Laden an der Ecke und kaufe mir ein scharfes Klappmesser, das angenehm in der Hand liegt.