Archiv für den Monat November 2015

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Was ist das Alleinstellungsmerkmal des alphabettinenblogs? Was zeichnet den Blog aus?
Wir bloggen als schreibende Frauen, gemeinsam, vielstimmig, unterschiedlich, ausdrucksstark, experimentell in Technik und Texten, multimedial und authentisch and we are learning by doing

 

 

Bloggen mit Frauen
80% der BloggerInnen sind Frauen, aber unter den Top 100 sind sie kaum vertreten. Das habe ich einmal von Karin Windt erfahren. Unsere Autorinnengruppe schließt Männer explizit als Mitglieder aus. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal, das es heute nicht mehr so oft gibt. Dieses Alleinstellungsmerkmal kommt aus der selben Zeit wie wir. Wir stehen dazu. Nö, wir wollen keine Männer im Blog. Vielleicht schreiben sie mal einen Gastblog bei uns? Aber wir wollen auch keine Nicht-Berlinerinnen. Zumindest mit einem Fuß muss jede von uns in Berlin stehen. Weil nur Berlinerinnen wirklich cool sind. Wir bloggen also als anachronistische Berlinerinnen mit bewusst kleinem i.

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Bloggen mit Multimedia
Aber nutzen wir als Berlinerinnen mit kleinem i auch die Blogtechnik anders? Auf jeden Fall schreiben wir nie darüber. Wir testen die Möglichkeiten des Blogs aus, indem wir sie nutzen oder mühsam lernen sie zu verwenden. Wir betreiben ein Learning by doing, veröffentlichen ein Blog zu früh, holen es wieder zurück, um es wieder hinaus zu schicken in eine neue Runde. Die multimediale Textproduktion und die Mühsal damit wird im Blog auch zum Gegenstand des Schreibens. Wir digitalisieren Postkarten oder aus dem Papierkorb zurückgeholtes zerknülltes Papier, Zeitungsschnipselcollagen und eröffnen allein dadurch eine Metaperspektive. Wir testen multimediale Texterstellung, indem wir Videos, Fotos, andere Blogs oder auch andere Textexperimente und Webliteratur mit einbeziehen, experimentieren an der Schnittstelle zwischen Papier und Web. Und wir fragen uns, ob es denn für Postkarten z.B. einen digitalen Ersatz gibt? Und wie verändert sich mein Text, wenn er mit den anderen Texten im Blog erscheint und nicht mehr nur für sich allein steht?

 

Alleine bloggen mit Gruppe
Unser Blog ist ein regelmäßiges gemeinschaftliches Schreibprojekt einzelner Autorinnen. Aus Einzelautorinnen einer Autorinnengruppe wird eine gemeinschaftliche Blogautorinschaft, die sich aus einzelnen Stimmen zusammensetzt, gekennzeichnet durch unterschiedliche Kategorien. Es ist die Schreibform des Blogs, die Schreiben allein und gemeinsam gleichermaßen ermöglicht. Wir lesen also nicht nur zusammen auf Lesungen, besprechen nicht mehr nur gemeinschaftlich unsere jeweiligen Texte mit den anderen, wir schreiben auch gemeinsam an einem großen Blogtext. Dieser Blogtext wird noch verlängert durch die Kommentarfunktion im Blog und die Kommunikation über Tools und Techniken außerhalb des Blogs, die aber doch unmittelbar damit im Zusammenhang steht.

Wir haben noch Schallplatten gehört und Kassetten, entstammen der Retrozeit, sind original. Wir haben gemeinsame Alleinstellungsmerkmale und eines allein. Meines heißt Bloggen mit Hut.

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Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

… mir kam also die Idee, das optische Experiment (sehhilfenfreie Welterkundung, siehe Blogbeitrag vom 9. Oktober) noch in Richtung Akustik zu erweitern. Befreit von Brille und ausgestattet mit Ohrstöpseln begab ich mich erneut in die Welt hinaus und habe dabei keinen erwähnenswerten Schaden erlitten, obwohl ich mitten hineinlief ins Ungefähre.

Mein Atmen übertönte all die zu Hintergrundrauschen degradierten Geräusche wie Motorenlärm, Kindergeschrei, Vogelzwitschern, und die Welt entfernte sich von mir. Mein Denken hielt inne. So konnte ich mich zunächst bedenkenlos auf mich selbst konzentrieren, um mich dann wieder dem Außen zuzuwenden, intensiver und paradoxerweise unbehelligter von mir selbst. Man könnte sagen, ich verlor das Denken, anstatt mich wie sonst im Denken zu verlieren, und hatte nun endlich Muse zu schauen und mich zu wundern über das plötzlich so Fremdartige, das mich umgab. Und hier trifft sich die Weltwahrnehmung der schwerhörigen Astigmatikerin mit der Weltwahrnehmung der Lesenden. Je verzerrter, nebulöser und fremder Literatur und Kunst die Welt darstellen, desto klarer lassen sie mich erkennen, wie blind die eigenen Sinnes- und Denkgewohnheiten machen können.

Oben stehendes Filmchen  ist natürlich nur ein jämmerlicher Annäherungsversuch, auch weil meine Kamera und ich ein schwieriges Verhältnis pflegen. Es verstimmt sie sehr, dass sie aufgrund meiner Unbedarftheit weit unter ihren Möglichkeiten bleibt. Im Übrigen findet sie meine Herangehensweise an die Dinge etwas zu schräg.

Es empfiehlt sich also, das Experiment selbst zu machen, um einen richtigen Eindruck zu erhalten. Übrigens müssen Menschen ohne Augenprobleme sich dabei nicht benachteiligt fühlen. Ohrstöpsel sind allen zugänglich und womöglich könnte es helfen, sich die Brille eines Freundes auszuleihen, mit deren Hilfe sich auch Normsichtige die Welt ausreichend verzerren können, um ihren Verstand mal im Diffusen zu verlieren für 7 bis 10 Minuten. Denn länger dauerte es bei mir leider nicht, bis das Denken wieder die Macht ergriff und vorbei war es mit dem Zauber. Seither mache ich mir viele Gedanken über die Gedankenlosigkeit, die mir ein gesegneter Zustand zu sein scheint …

Anja Koemstedt: Frisch gefischt. Notizen ausm Papierkorb

Stocken (ohne Zwitschern). Miniaturhörspiel ohne Ton


Stimmen:

GOTT, göttlich gelassen

Sie, hektisch, mit anmutigem Sprachfehler

Er, ihr anmutiger Sprachfehler


1 GOTT [leises Wellenrauschen unter Text] Mamor und Stein… und Eisen… oder Marmor ohne Stein und Eisen… oder Marmor mit Stein aber ohne Eisen… oder Marmor… und Stein aber Eisen ohne Marmor jedoch mit Stein… oder Eisen und Marmor jedoch kein Stein oder [unmerklich übergehend in das langsam lauter werdende Knacksen einer Schallplattennadel in der Endlosrille]

2 SIE      [flüstert] Mann, ist der kaputt! Und immer, wenn ich ihm sagen will, dass ich ihn nicht mehr liebe, unterbricht er mich an der entscheidenden Stelle, und kaputt…

3 ER      putt putt putt putt putt [langsam verklingend]

4 SIE      …wie er ist, sagt er glatt jedes Mal zu mir, jedes Mal: Ich dich auch, mein Schatz, ich dich noch mehr!

5 ER      mehr mehr mehr mehr mehr [langsam verklingend]

6 SIE      Wär ja auch noch schöner! Wär ja …. zum Schreien.

7 GOTT Hier wurde ein Vorsatz gefasst, aber nicht ausgeführt. Immerhin, die Frau … redet noch. Zwar wirr, aber sie spricht. Mag sie sich im Wort irren, im Satz verlaufen, aber sie. [langsam, zerdehnt:] Spricht.

8 SIE      Am Ende stimmt das noch! Liebt er mich, immer noch. Hat mich schon ganz totgeliebt mit seiner … Hundeliebe. Mein Schoßhund. Zum Schreien. Einfach nur … nerrrrrrrrrrvig.

9 ER   vig vig vig vig vig vig [langsam verklingend]

10 GOTT        Aber wenn der Mensch stockt, die Sprache schweigt, ….
tut sich ein neuer Raum auf: ein Pausen-Hof. Ein Ruhe-Zimmer, eine Bet-Zelle. Darin ein Beichtstuhl, auf dem die nichtgesagten Worte unbehelligt Platz nehmen können. Und Zeugnis ablegen von unerhörten Gedanken. Ungehörten Absichten.

stocken:      
hängenbleiben, abbrechen, im Satz stecken bleiben, plötzlich an einem Wort festkleben, in Brocken reden, in Satzfetzen sprechen, abgehackt reden, zwanghaft Atem schöpfen, gedanklichen Schiffbruch erleiden, das Satzende auf Eis legen, das Sprechtempo drosseln, die Idee erdrosseln, den Satz abwürgen, nur noch ZWITSCHERN

synonym verwendbar für
ins stocken geraten:            
sich im Satz festfahren, gedanklich auf der Strecke bleiben, in eine Wörter-Sackgasse geraten und dort festsitzen; sich verrennen, sich niederlassen oder parken mitten im Satz, dort versanden, dort verweilen und auf der Stelle treten, verlegen auf einem Wort herumtreten, dort ungeplant zum Stillstand kommen und no more ZWITSCHERN

Carmen Winter: Postkarte aus BEESKOW

All diese Wege bin ich nicht gegangen an dem sonnigen Oktoberwochenende, das ich in Beeskow verbrachte. Nicht zur Spreeinsel und nicht zum Fischerkietz. Ich pendelte nur zwischen unserem Hotel und der Burg hin und her. Vom ehemaligen Gutshaus mit Apfelbäumen im Garten, von denen sich Schmetterlinge die Restsüße des Jahres holten, mit dem hellen Salon, in dem wir frühstückten und dem düsteren Flur, der zu unseren Zimmern führte, ging ich zur Burg, verschanzte mich mit den Gefährtinnen hinter den dicken Mauern, um Texte abzuklopfen, Wort für Wort.

Wir folgten den Wölfen, flanierten durch Heidelberg, betraten ein Zimmer im Hospiz,  sahen einer Frau zu, wie sie auf einer Fensterbank Ameisen zerdrückte und fragten nach der Grenze zwischen Fiktion und Realität.