Archiv für den Monat Oktober 2015

Klein(ich)keiten

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Fünfzehn Millionen im Lotto-Jackpot …

… haben in dieser Woche wieder Millionen Menschen in die Annahmestellen laufen lassen und sie dazu verleitet Millionen Euro zu verspielen in der Hoffnung, dass gerade sie, er, ich diese Millionen gewinnt.
Will sie, er, ich so viel Geld von einer Sekunde zur nächsten, plötzlich und erhofft? Nicht Schritt für Schritt, eine Million und noch eine und noch eine, sondern auf einmal?

Haben alle, die getippt haben, sich auch Gedanken gemacht, was wird, wenn sie, er, ich diese Millionen gewinnen sollte. Erst mal haben und dann schauen. Schauen, wie weit fünfzehn Millionen reichen oder nicht reichen und wofür. Einmal neu einkleiden, zweimal neu einkleiden, ein Haus, ein größeres Haus, ein neues Auto, ein größeres Auto, das größte Auto. Einmal reisen um die Welt, im Airbus, Luxusliner, Helikopter. Ein zweites Mal um die Welt.
Wird es beim dritten Mal langweilig? Oder schon eher? Kann man alles sehen? Oder ist auf der halben Strecke des Weltsehens das Sehen übergesehen?

Sie, er, ich könnte es kleiner anfangen und lauter schöne Sachen kaufen, eine Kette, einen Ring, eine Uhr, eine neue Frisur, ein faltenfreies Gesicht.
Will sie, er, ich ein faltenfreies Gesicht, an dem nicht zu sehen ist, dass sie, er, ich bisher gelebt hat und wie gelebt hat, ein lebfreies Gesicht wie ein Kind mit den Bewegungen des Alters.
Wenn sie, er, ich nun genug Ware besitzen, was kauft sie, er, ich dann, was will sie, er, ich dann besitzen?
Gesundheit oder Freude oder Liebe oder Zufriedenheit? Wo kauft sie, er, ich die und zu welchem Preis? Wie kauft sie, er, ich den Neid der Freunde und Verwandten weg, die sicher fragen werden, wo all die schönen Sachen herkommen, die sie, er, ich plötzlich besitzen. Werden sie zufrieden sein, mit dem, was sie, er, ich ihnen gebe, oder wollen sie mehr oder wollen sie nichts? Nichts geschenkt, von dem, was in Freude gegeben und in Unfreude entgegengenommen wird, weil sie, er, ich die Freude verbreitet und nicht sie.

Ist jeder, der tippt, ein Materialist, ethisch gesehen, ein Wohlstandsstrebensmaterialist? Von der Gesellschaft zum Kaufen erzogen, wortgewaltig, bildgewaltig, tongewaltig. Oder wird der zum Materialisten, der im Lotto gewinnt?
Ist das Streben nach Wohlstand ein Ur-Gendefekt, der sich wie ein Bazillus verbreitet, ausbreitet, ermächtigt? Zur Ur-Zeit ein Mammut, zur Heute-Zeit drei Autos, drei Fernseher, drei Computer …

Machen fünfzehn Millionen Angst? Angst, alles kaufen zu können, auch, was sie, er, ich niemals brauchen werde, aber trotzdem kaufe und das Alte entsorge, obwohl es noch funktioniert, auf einem Müllberg entsorge, der gegen den Himmel wächst.

Sie, er, ich könnte spenden – gegen Hunger, für Wasser, für Bildung, gegen Krankheiten. Kommen fünfzehn Millionen auch dort an und so an, wie sie, er, ich es sich vorstellt. Oder verschwindet die Hälfte oder mehr oder weniger oder alles in Quellen unterwegs und überall nur nicht dort, wo sie, er, ich dachte?
Sie, er, ich könnte die Millionen einer Bank geben zum Aufbewahren, vielen Banken geben zum Aufbewahren, die es nicht nur aufbewahren, sondern es mehren und vermehren. Es gut, besser, schlechter umlegen und auch verlegen.

Ein Zufall, nein sechs Zufälle beim Zusammenspiel zwischen Hand und Kopf und dem Durchkreuzen einer Zahl. Zufall bedeutet nicht, dass alles möglich ist. Aber möglich macht es der Zufall, möglich fünfzehn Millionen zu gewinnen.
Wie viel Zufall kann ein Mensch tragen, ertragen, unbeschadet davontragen?

Wie viel Glückshormonstress bringt sie, ihn, mich zum Fallen, zum Hinfallen, Umfallen, aus dem Leben fallen? Oder fällt sie, er, ich in das Leben hinein?
Was, wenn vor lauter schönen Sachen ihm die Frau, ihr der Mann, mir der Mann abhandengekommen ist. Oder die Kinder, weil sie jung alles haben, was man haben kann und alles sich erfüllt an schönen Sachen, dass es nicht nötig ist, etwas dafür zu tun, dass schöne Sachen noch schöner werden.

Was, wenn sie, er, ich verzichte, auf fünfzehn Millionen verzichte. Nicht belastet mit dieser Summe, von der man nicht weiß, wie sie ins Leben passt.
Aber weshalb hat sie, er, ich dann gespielt?

Ist sie, er, ich mit fünfzehn Millionen reich oder arm? Will sie, er, ich den Zufall und die Wahrscheinlichkeit wirklich und die richtigen Zahlen durchkreuzen? Hinterher reich sein an Neidern und arm an Verwandtschaft? Oder ist sie, er, ich reich und arm und arm und reich zugleich?
Ein Lottogewinn bedeutet ein Jahr glücklich sein, sagen andere Lottogewinner, sagen die Psychologen der Lottogewinner. Ein Jahr lang eine unentwegte Serotonin-Ausschüttung, von der wir abhängig sind, angeboren abhängig.

Die Wahrscheinlichkeit sechs Mal richtig zu durchkreuzen liegt bei eins zu einhundertvierzig Millionen.
Sie, er, ich zu einhundertvierzig Millionen. Eine Zahl, die nicht vorstellbar ist. Einhundertvierzig Millionen darf es nicht treffen, damit es sie, ihn, mich trifft. Mehrere Millionen Euro im Lotto-Jackpot lassen wieder und wieder mehrere Millionen Menschen in die Annahmestellen laufen und verleiten sie dazu mehrere Millionen Euro zu verspielen – in der Hoffnung, dass gerade sie, er, ich diese Millionen gewinnt – in der Hoffnung mit viel Glück viel Geld zu gewinnen, was viel Glück in die Hoffnung setzt, mit viel Geld glücklich zu werden – sie, er und ich.

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Seitensprünge

Heuschreck2

Was, bitte, macht dieser Heuschreck auf meinem frisch gewaschenem Blütenlaken?

Ich rüttele und schüttele und …

ohneSchreck

Heuschrecken springen beiseite, wenn zu viel Bewegung in ihre Umgebung gerät …

… alphabettínen aber bewegen sich mit:

Carmen Winter bewegt sich und andere durch den Spreewald:

www.alphabettinen.de/sach.html#sach02

Ingrid Gorr bewegt den Spaten in ihrem Großstadtgarten:

www.alphabettinen.de/sach.html#sach01

Maja Linthe bewegt sich mit Élouise an geheimnisvolle Orte: www.majalinthe.de/meinblog

und Lisa-Marie Dickreiter bewegt sich für Flüchtlinge: www.lisamariedickreiter.de/aktuelles

und … und … und … : www.alphabettinen.de

Geheimnisse im Netz

Geheimnissuche
Wieder stülpe ich mir meinen Netzhut über, mache mich unsichtbar auf den Weg, wie im guten alten Märchen (wobei die guten alten Märchenmädchen dafür wohl immer zu sehr unter Beobachtung standen), um Geheimnisse aufzufinden im Netz. Wenn ich also herum surfe, ohne im wirklichen Leben surfen zu können, gerate ich manchmal mitten hinein in einen literarischen Blog. Und mir stellt sich die Frage, ob die Geschichten im Netz einen Anfang und ein Ende haben. Literarische Blogs haben meistens einen Anfang, der sich chronologisch ergibt. Wenn ich aber mitten hineinfalle in die Geschichte, habe ich die Vorstellung der Figuren verpasst, den Ort und die Zeit, muss mir alles dazu erfinden oder danach suchen.

Nichtlinearität
Natürlich – könnte man einwenden – hat es so etwas schon immer in der Literatur gegeben, nicht-lineare Texte, die herum mäanderten, intertextuelle Bezüge, die Parallelgeschichten eröffneten. Trotzdem sind in einem Buch die Seiten und Kapitel in eine Reihenfolge gebunden. Die Chronologie eines literarischen Blogs ist durch die Zeitpunkte der Entstehung seiner Blogbeiträge bestimmt. Aber die Beiträge ließen sich mischen, es ließe sich zufällig eine andere Reihenfolge erstellen, die durch Ort, durch Musik, durch Bilder oder einfach das Alphabet der Anfangsbuchstaben bestimmt ist. Man kann einen Blogbeitrag immer vorne anstellen, danach folgt der aktuellste Blog und dann lesen wir chronologisch gedacht von hinten nach vorne. Wir lesen einen Blog also, wenn wir mitten drin einsteigen, rückwärts, seiner Entstehung entgegen. Die wenigsten Leser und Leserinnen werden alles lesen, vielmehr verwenden sie Schlagworte, folgen Kategorien oder aber bleiben bei Bildern hängen. Der literarische Blog bleibt in scroll-Bewegung.

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Authoring-Tool
Was ich gerne hätte für meinen literarischen Blog wäre ein leicht zu bedienendes Authoring-Tool, das es mir erlaubt, Fotos, Sounds, Interviews, Landkarten und Links einzubinden, ohne dafür zehn Programme beherrschen zu müssen, das es mir erlaubt, meinen Blog in vielfältige Scroll- und Klick-Bewegung zu versetzen. Leser und Leserinnen sollen meinen Blog nach Schlagworten, in zufälliger Reihenfolge, nach Bildern, nach Links, nach Stadtplan und Kategorien lesen, vielleicht sogar Geräuschen folgen dürfen.

Geteilte Geheimnisse
Gestern war ich wieder mit Netz-Hut unterwegs und habe zwei geheimnisvolle Netzgeschichten gefunden. Ich möchte sie mit euch teilen. Ihr findet die Screen-Art von Martine Neddam auf der Homepage des ZKM (das ist von mir aus gar nicht so weit, aber mit einem Klick ist es noch näher) und unter „Demo“ zeigt sie uns auch ihre Toolbox: http://aoys.zkm.de/neddam.php
Und hier noch ein Link zu einem Cyberprosa-Projekt von Odile Endres: http://www.odile-endres.de/gebeamt/wasistdie.htm

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

In der Literatur geht es meist um Selbst- und Welterkenntnis und da sich in unserem Blog alles um das Schreiben und die Literatur dreht, dachte ich mir, ich lege gleich zu Anfang schonungslos offen, wie es um mich und meine Weltwahrnehmung beschaffen ist. Dieses Selfie ist also nicht nur der verzweifelte Versuch, sich einem Trend anzubiedern, es ist auch der adäquate optische Ausdruck für die Qualität meiner Selbsterkenntnis. Allgemein wird ja davon ausgegangen, dass Erkenntnis eine Art von Klarheit beinhaltet und meine Selbst- und Weltwahrnehmung mag deshalb zweifelhaft erscheinen, da man von Klarheit wohl nicht wirklich sprechen kann, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinne.
Ich bin nämlich kurzsichtig.
Genauer gesagt “leide“ ich unter einer Hornhautverkrümmung, auch Astigmatismus genannt. Das bedeutet, meine Hornhaut hat sich zwar brav gekrümmt, allerdings in die falsche Richtung und deshalb sehe ich statt Punkte offenbar Stäbe, d.h. das würde ich, wenn ich nicht eine Sehhilfe besitzen würde.

Zu Anfang wirkte das Dasein als Brillenträgerin sehr befremdlich. Die Welt um mich her schien plötzlich schief und schräg und ich scheiterte an Steigungen, die keine waren und trat mehr als einmal ins Leere. Also zog ich den Optiker zur Verantwortung, musste mir aber sagen lassen, die Brille sei in Ordnung, meine krummen Augen müssten sich nur erst daran gewöhnen. Und in der Tat sah ich die Welt bald „normal“. Ich stellte das auch nicht weiter in Frage, bis mir vor einiger Zeit meine Brille abhandenkam.

Ich begab mich deshalb gezwungenermaßen sehhilfenlos hinaus in eine Welt mit verschwommenen Konturen und erriet die Dinge mehr als ich sie erkannte. Da sich die Dinge nicht mehr mit dieser normierten Selbstverständlichkeit aufdrängten, konnte ich ein neues Verhältnis zu ihnen entwickeln, ungetrübt von Gewohnheiten. Die Welt war nicht mehr dieselbe und brachte mich nach langer Zeit wieder zum Staunen. Und so kam mir die Idee, dieses optische Experiment noch in Richtung Akustik zu erweitern. Und sollte ich dieses neue Experiment verkehrstechnisch überleben, dann gibt es demnächst auch eine Fortsetzung …

Carmen Winter: Postkarte aus HANNOVER

Das Hotel habe ich ganz schnell gefunden.  Mein Zimmer ist winzig. An der Wand steht der Spruch „Die wichtigsten Dinge sind oft nur sehr klein.“ Daneben die Silhouette eines Kindes, das an einem Laptop spielt. Sind die wichtigsten Dinge also: Zimmer, Kind und Laptop?

Essen waren wir in einer Gaststätte, die meinen Namen trägt.  Ich habe versucht, die Gespräche meiner Tischnachbarn zu synchronisieren. Mit dem Ergebnis bin ich nicht zufrieden: „Wenn man die Männchen alleine einsperrt, singen sie schöner. Und dann werden sie frittiert.“

Ich erzählte von meinem winzigen Zimmer und dem Spruch an der Wand und mein Gegenüber erinnerte sich, einmal in einem  großen, saalartigen Zimmer übernachtet zu haben, in dem nur ein Bett und ein Schrank standen. Er wünschte sich einen Teppich, sagte er, der hätte ihm Trost vermittelt.