Archiv für den Monat August 2015

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

hutblog

kopierbar und multimedial
Ich schreibe einen Blog, publiziere kurze, zeitlich unterbrochene, flüchtige Texte im Netz, und versuche dessen Möglichkeiten zu nutzen, indem ich über eine reine Verschriftlichung hinausgehe. Élouise, die Hauptfigur und Namensgeberin meines eigenen Blogs „On the road with Élouise“, habe ich in Mannheim gefunden. Ich meinte, sie sei ein Graffitti an der Wand, wusste nicht, ob sie auch als Graffitti gemeint war, was aber unerheblich ist, denn ich habe sie als analoges Wesen gefunden und zur Netzfigur Élouise gemacht. Seit sie mein Copyright trägt, ist sie kopier- und teil-bar geworden. Schon über ein Jahr begleitet sie mich im Netz, begleitet mein Netz-Ich, denn auch ich bin kopier- und teil-bar und erst dadurch netztauglich geworden.

Es gilt das Netz mit dem Blog schreibend zu erkunden. Und doch, während ich das neue Terrain durchwandere, halte ich Ausschau nach den guten alten analogen Dingen, die als Vergleich herhalten und meiner schwankenden Netzfigur Orientierung geben sollen. Ich schreibe einen Blog wie ein multimediales Puzzle, dessen einzelne Teile es sowohl zeitlich als auch aus den verschiedenen Medien zusammenzusetzen gilt. Ich bewege mich durch das Netz wie ich es früher am Strand tat, mit nach vorn geneigtem Kopf, so als wollte ich in den Bildschirm hineinkriechen, nur die Füße halten mich unter dem Schreibtisch. Und ich finde Dinge, die ich wieder ver-teile, retweete mit wenigen Zeichen. Ich möchte anderen zeigen, wo die schönen Muscheln, die geschliffenen farbigen Glasstücke zu finden sind. Und ich präsentiere, beschreibe sie, weil ich meine, das gut zu können, weil ich meine etwas Besonderes gefunden, gesehen zu haben, das sich vielleicht nur mir gezeigt hat, das andere in der Flut der Informationen übersehen haben. Ich be-schreibe also das Gefundene mit wenigen Zeichen, auf diese kleinteilige Weise, die dem Blog, dem Post angemessen ist, und die doch im Blog-Archiv, unterbrochen in Tage, Wochen und Monate ein großes Ganzes ergibt, einen Roman, eine Erzählung, eine Reise.

fiktionaler Augenblick
Während ich blogge, schreibe ich für den Tag, den Augenblick, habe das Jahr, das große Ganze noch nicht im Blick. Ich beschreibe einen Augenblick auf dem Foto, den ich dort eingefangen habe und der sich mehrfach abhebt von dem, was ich sah, weil das Foto jetzt etwas anderes zeigt. Meistens habe ich vergessen, was damit verbunden war, oder aber meine mich zu erinnern, betrachte das Foto, verwerfe alles, schaue und erinnere neu. Ich mische die alten und neuen Bilder wie Karten, werfe sie auf den Tisch und finde Worte, die sich daraus ergeben. Bin ich wirklich einmal dort gewesen? Mein GPS am Fotoapparat ist der Beweis, aber manchmal vergesse ich, ihn einzuschalten, und dann vertue ich mich mit der Seite des Rheins: war es Mannheim, oder war es drüben in Ludwigshafen? Wenn ich wollte, könnte ich mit google maps eine fiktionale Spur entwerfen, eine Spur legen durch das Netz für meinen Netzspaziergang mit Élouise und vielleicht würde mein GPS mir widersprechen wollen, mich anschreien, dass ich falsch abgebogen sei, allerdings ohne Gehör zu finden. Und Élouise ist ein Abdruck an einer Wand in Mannheim, ist nie ein Graffitti gewesen, kommt vielleicht doch aus Ludwigshafen und hat niemals auch nur eines ihrer 16 Beine bewegt.

Ich habe Élouise abfotografiert und mitgenommen. Als etwas anderes ist sie wahrscheinlich dort geblieben. Ich bin nie wieder zurück gekehrt um nachzuschauen. Ich habe ein Foto vom Graffitti gemacht, ein Bild im Quadrat, und dieses Foto als Multimediales Ereignis ins Netz gestellt, sozusagen 3D, denn das Foto führt ja in eine Geschichte hinein. Und mit dem Bild vom Bild, dem Bild² begann Élouise sich zu bewegen. Der Anfang vom Daumenkino war gemacht, Élouise zwinkerte, streckte probeweise die Beine und, kaum habe ich nicht aufgepasst, hat sie sich auf den Weg gemacht und ist ins Netz hineinspaziert.

logbuch und Roman
„Ein Buch ist immer schon fertig, ein weblog entsteht“, schrieb Alban Nikolai Herbst und weiter: „Wer ein Buch lesen konnte, war eingeweiht, wem eine Legende flüsternd erzählt wurde, auch. Das Internet aber, ist, weil es profan ist – noch profan – geschichtslos: Es sind keine Märchen und kollektiven Verheißungen mit ihm verbunden. Genau das ist zu ändern und das Netz insofern von seiner Technologie zu häuten: Wer den Schleier hebt, betritt ein neues Geheimnis.“ Élouise also war on the Web-road. Da hab ich mir meinen Hut aufgesetzt, um sie zu begleiten, um per Weblog davon zu berichten. Und wieder Alban Nikolai Herbst: „Ich verstehe unter einem literarischen Weblog […] eine Publikationsform, die sich selber zum Gegenstand macht, indem auch die sie basierende Technologie poetisiert und in die Gestaltung mit einbezogen wird.“

Neda Bei schrieb so schön darüber: „Werde ich nunmehr gefragt, ‚ob ich noch schreibe‘, kann ich als klein-kapitänin auf mein logbuch verweisen.“ Ja, wir schreiben Blog und schreiben wir etwa nicht? „Der Schriftsteller als ‚jedermann‘“, nennt das Michael Perkampus. Ich bin klein-kapitänin und jedermann mit Hut. Ich bewege mich außerhalb der Hochliteratur, Verlage sind mir piepegal. Ich bin cool, netzaffin, Barcamperin, Iron-Bloggerin und überhaupt, ich trage Hut. Zugegeben, es gibt Tage, an denen ich das Handy immer im Blick habe, an denen ich auf Sternchen und Likes hoffe, auf Erwähnungen und Retweets. Habe ich heute schon in die Blogstatistiken geschaut, heimlich unterm Hut? Bin ich heute schon enttäuscht gewesen, weil die Kommentare ausblieben? Und schrieb nicht auch Elfriede Jelinek einen Roman als Blog und Wolfgang Herrndorf einen Blog zum Roman? Wir schreiben Blog, „weil wir etwas Freies machen wollten“ (Rittiner & Gomez) oder wir schreiben täglich ein kleines Stück, sozusagen als „Warmmachübung am Morgen“ (Sudabeh Mohafez).

Kommentare und Sterne
Ich mache einen Morgenspaziergang mit Élouise – und mit Hut. Ich fotografiere den Ort, an dem wir gewesen sind, manchmal verlinke ich dazu einen Song, der mir in den Sinn kommt, den ich beim Schreiben gehört habe oder ich setzte einen Link zu einem Ort auf Googlemaps. Ja, die, die alles wissen, Google und Facebook, die begleiten auch mich, oder ich begleite sie, bette sie ein, tue so, als würde ich sie benutzen, weil ich einen Hut aufhabe und viel zu fiktional bin, als dass die sich ein Bild von mir machen könnten, schon gar kein reales. Ich bin das ja nicht, die da im Netz herumspaziert, mit Élouise und mit Hut. Man erkennt mich gar nicht darunter.

Bald wird Élouise 100, wenn ich sie auf ihrer 100sten Blogreise begleite. Wir sind schon mit dem Raumschiff nach Berlin geflogen, sind mit dem Zug und der Lore gefahren. Élouise kann auch fliegen, ich allerdings nicht, nicht mal mit Hut.
Wenn ich einen Hut aufhabe, kann ich meine eigene Geschichte, mein eigenes Blog betreten. Es gibt Menschen, die Anteil daran nehmen, die mir in meine Geschichte hineinschreiben, per Mail, auf Facebook oder Twitter oder auch einen Kommentar hinterlassen. Einmal hat jemand sogar an Élouise geschrieben, eine lange persönliche Mail, angeliefert in einem virtuellen Briefumschlag als Zeichen. Ich war sehr gerührt.

fragile Buchstabenwolke
Mein Blog ist wie Élouise, fragil und zart, eine Buchstabenwolke im Netz. Wenn ich es nicht sichere, könnte es verschwinden, einfach so und wir mit ihm. Ich lösche es, wenn es mir nicht gefällt, oder speichere es als Entwurf, belasse ihm dadurch die Möglichkeit durch nur einen Klick veröffentlicht zu werden, einfach so. Ich könnte mein Blog publizieren, kurz darauf wieder löschen und hinterher die Spuren betrachten, die dieser Vorgang im Netz hinterlassen hat. Ich könnte ein Blog mehrfach schreiben, verschiedene Versionen hinausschicken ins Netz mit nur kleinen Unterschieden wie früher in den Unterschied-Finde-Bildern. Ich könnte Élouise sterben lassen und jemand anderes begleiten.

Nach dem 100sten Blog scheint Élouise alt genug, könnte ohne mich weiterziehen durchs Netz. Wäre Éouise fort, stünde ich blöd da, so alleine im Netz. Mir bliebe zunächst nichts anderes übrig als über mich zu schreiben, darüber, wie es sich anfühlt unter einem Hut zu schreiben, unter einem virtuellen Netzhut, der mich auf eine Art unsichtbar macht und öffentlich zugleich. Ich schreibe dann übers Bloggen mit Hut. Und ihr, die ihr lest, vergesst bitte nicht, einen Kommentar zu hinterlassen oder ein sonstiges Zeichen.

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