Marion Boginski: Klein(ich)keiten

Gesucht wird …

Ich verliere oder verlege überaus selten etwas. Vielleicht in zehn Jahren ein Mal.

Aber dann! Aber jetzt!

Vor ein paar Tagen habe ich die blaue Pappmappe im Flur auf dem Schränkchen, später auf dem Schreibtisch gesehen. Aber wo ist sie jetzt?

Ich suche. Ich suche intensiv. Ich räume den Schreibtisch auf und daneben und alle Fächer im Beistellschrank. Nehme Ordner aus dem Regal in die Hand. Alle Ordner. Sicherheitshalber. Vielleicht hat das Unterbewusstsein unbewusst die blaue Mappe in die Sicherheit der Ordner geräumt.

Das Unterbewusstsein hat nicht! Ich frage: Wer hat …  Marion Boginski: Klein(ich)keiten weiterlesen

Advertisements
seitensprünge

Seitensprünge

Wie sehen eigentlich mit den Seitensprüngen der digitalen Schreiber*innen aus?

Die digitalen Schreiber*innen suchen für ihre Seitensprünge nach B***en. Huschen da hinein („Hoffentlich sieht mich niemand!“), nehmen die Objekte ihrer Begierde und legen sie vor sich hin.

Drücken sie, streicheln sie, bohren ihre Finger hinein, schnuppern an ihnen, lassen sie durch ihre Hände gleiten und wägen sie ab. Dann mustern sie die Objekte ihrer Begierde ein letztes Mal, nehmen sie vielleicht in den Arm und lassen sie zurück, wenn sie mit verklärtem Blick aus den B***en heraushuschen.

Kopfschüttelnd schauen ihnen die Angestellten der B***  hinterher und stellen die Objekte der Begierde in die Regale zurück.

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Unterrichten an der Uni Mannheim

Nächstes Wochenende werde ich an der Uni Mannheim die erste Hälfte meiner Übung „Von der Idee zum Text. Kreatives Schreiben für verschiedene Publikationsformen unterrichten.“ Ich werde die Textarten Blog, Essay, biografischer Text und Texte fürs Marketing behandeln.

17 Student*innen haben sich für die Übung angemeldet, und ich bin schon sehr gespannt. Ich erhoffe mir auch von den Student*innen Antworten darauf, wie sich unser Schreiben durch das Internet und die Digitalisierung verändert hat.

 

Das „uncreative writing“ von Kenneth Goldsmith

Im Vorfeld der Übung habe ich mich mit Kenneth Goldsmith beschäftigt, einem Autor, Künstler und Writing-Professor, der den Begriff des „uncreative writing“ prägte. Nach Goldsmith kann kein Schreiben mehr so tun, als ob es das Internet nicht gäbe. Uncreative writing bedeutet in Zeiten von Copy und Paste ein Remixen, eine Wiederverwertung von Texten, die es im Internet massenhaft gibt. Aber selbst das Abtippen macht eine Auswahlentscheidung erforderlich. Maja Linthe: Bloggen mit Hut weiterlesen

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Wählen gehen!

Es einfach tun. Keine Ausreden. Kein Wenn und Aber.

P1070505 (2)

Eine Schlange von den Tischen bis zur Tür.
Sich die Zeit vertreiben, die Wartenden studieren. Was die wohl …?
Der Alte vorn führt seinen Dackel aus, schaut kurz im Rathaus vorbei. Einmal wie immer, bitte. Dem Hund ist’s egal.
Die Frau im Schlabberlook hat die Lippen fest aufeinandergepresst. Drängelt und schubst und schiebt sich vorwärts. Will endlich heimzahlen. Oder ist bloß sauer, weil ihr Lover sich das Frühstück aus den Zahnzwischenräumen pult.
Muss ihr Lover sein, tätschelt nun ihren Hintern. Blickt sich um. Alles neu für ihn. Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen weiterlesen

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Denk/mal schräg

Beim absichtslosen Schlendern in einem verwilderten Schlosspark entdeckte ich diesen verlassenen Sockel; als sei die jeweilige Göttin, Königin oder Philosophin herabgestiegen und mal kurz auf Reisen gegangen. Bei näherem Hinsehen hielt ich es allerdings für wahrscheinlicher, dass die jeweilige Göttin, Königin oder Philosophin sich auf dem schrägen Sockel nicht halten konnte, herabstürzte und im Vergessen entsorgt wurde wie viele andere gebrochene Frauen.

Nun, was auch immer geschehen war, der Platz war frei und ich Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen weiterlesen

Anja Koemstedt. Notizen aus dem Papierkorb

1 hallo, können Sie mir helfen? ich finde meinen inneren wahlomat nicht mehr!
2 ach, fragen Sie doch den freundlichen schutzmann an der ecke!

1 ich nochmal, sagen Sie, darf ich, ohne zu wissen, was ich vekaufen will, einen laden eröffnen?

2 mensch, lesen Sie doch einfach kant, kritik der reinen vernunft. da steht’s.
gedanken ohne inhalt: leer. anschauungen ohne begriffe: blind.

1 äh, also, darf ich?

2 hey: überprüfen Sie doch erstmal Ihre möglichkeiten der erkenntnisfindung ohne verwendung der erfahrung!

1 Sie meinen: backen ohne mehl?

2 ich meine: Sie haben ja keine ahnung, worauf es ankommt!

1 aber Sie!?

2 aber ja! (Beruf: Geldspiel-Automaten-Aufsteller-König von Deutschland.
Anm.d.Red.)

1 also, auch wenn ich Sie nerve, aber, darf ich denn jetzt wählen gehen, ohne zu wissen, wen?

2 na, im zweifel denken Sie einfach mit Ihrem knie. tut keinem weh, haha. oder werfen Sie ne münze. oder geben Sie die münze mir, ich wähle dann für Sie. na?

(So geht’s! Anm.d.Red.)

Klein(ich)keiten: Marion Boginski

Nachbar links

 

Der Nachbar links ist Zimmermann.

Er zimmert.

Immer.

Mit Hörschutz auf den Ohren.

Und besonders an warmen Sommernachmittagen.

Wenn ich dreißig Zentimeter von ihm entfernt auf der Terrasse sitze.

Kreissägekreischen, hämmern, schleifen.

Holz. Metall. Steine.

Späne fliegen auf meine Laptoptastatur.

In mein Haar.

Ich fliehe ins Haus.

Komme ohne Laptop wieder raus.

Rufe: Hallo! Die Späne fliegen bis zu mir!

Oh, Entschuldigung, ich dachte, die fallen woanders hin.

Können Sie eventuell an das Grundstücksende gehen?

Da hängt Wäsche.

Die kann ich abnehmen.

Warmer Sommernachmittag.

Kreischen, hämmern, schleifen.

Hallo, hallo da fliegen …

Ich dachte …

Warmer Sommertag.

Hallo, hallo, hallo …

Ich dachte …

Sommertag.

Er versteht mich nicht, ich werde schreien müssen!

Heute. Jetzt. Sofort.

Ahhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh … Feuer, Feuer, Feuer …

Es brennt, fragt der Nachbar links.

Ja, sage ich, sehr!

 

 

 

Dreiländereck

Grenzland ohne Grenzen. Wilde Wege durch wuchernden Wald. Bergauf, bergab. Die Federgabel arbeitet, die Knie auch. Knirschende Reifen, Keuchen. Ansonsten Stille. Grünes Laub, rote Beeren. Licht und Schatten.

Pling – eine sms, die einen im Ausland begrüßt, über Tarife in Europa informiert. Man hat wohl eine Grenze überquert. Pling – man ist wieder eingereist. Rechte Biege – pling, linke Biege – pling. Abends zählt man Nachrichten und weiß, wie oft man im Ausland war. Andere Nachrichten kriegt man nicht. Notrufe, ja – normale Rufe, nein. Im Wald sind Sendemasten rar.

Im Dorf ist der Empfang kaum besser. Doch das Quartier soll Internet haben. Es läuft über eine alte Überlandleitung zum Haus. Und gibt tatsächlich ein Signal. Wenn man den Hocker unters Dachfenster schiebt. Sich darauf stellt. Das Handy aus dem Fenster streckt. Wir lachen, als wir auf Nachrichtenfang gehen. Du die Emails, ich die Zeitung. Zum Umblättern muss wieder eine auf den Hocker klettern.

Bei Gewitter gibt es kein Netz. Der Blitz hat schon vier Geräte geschmolzen. Der Gastgeber hütet das fünfte, schaltet bei Regen ab. Bei Regen? Sie nennen Regen, was bei uns Unwetter heisst. Blitze tanzen um den Berg, Donner kracht, Wege verschwinden: Es gießt von oben, spritzt von unten, gurgelt, wirbelt, flutet ins Tal. Wir suchen Schutz unter Bäumen.

Zwei Einwohner spazieren gemütlich vorbei, suchen Pilze. Ein Hund tobt ausgelassen, schüttelt sich. Tropfen stieben aus seinem Fell, neue fallen von oben nach.

Am nächsten Tag scheint die Sonne. Wir frühstücken auf dem Balkon. Plaudern. Schauen. Schweigen. Der Gastgeber schickt das fünfte Gerät zur Reparatur. Abends braten wir Pilze.

seitensprünge

Seitensprünge am Strand

Die schweißtreibende Wetterlage führt mich zum See um die Ecke: klares Wasser, bewaldete Ufer, kleiner Sandstrand.
Ich halte zwei Decken unter dem Arm. Eine platziere ich links am Strand, auf dem letzten freien Sonnenplatz, lege ein altes T-Shirt, das mir nicht mehr passt, und zwei wenig interessante Bücher darauf ab. Mit der anderen Decke laufe ich zur rechten Seite des Strandes auf den letzten freien Schattenplatz zu. Er liegt unter einer stattlichen Eiche. Nun schnell die alte Hose und das nicht mehr ganz frische T-Shirt fallen lassen und rein. Zweimal bis zur Mitte des Sees geschwommen, dann raus aus dem Wasser und Richtung Sonnenplatz (linke Seite) zum Trocknen. Die Decke ist bereits leer geräumt, ich habe ausreichend Platz. Seitensprünge am Strand weiterlesen