Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Liebesgedicht an einen Seelenverwandten

Ich sah dich stehen
unter anderen finsteren Gestalten
warst du der Finsterste und
ich habe dich sofort geliebt dafür.
Jedes Mal
wenn ich an dir vorüberging,
wenn ich in deine garst‘ge Fratze sah,
wenn ich vergeblich
deinen Grimm
auf mich zu lenken suchte, Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen weiterlesen

Postkarte aus BUCKOW

Zwischen Brecht und Kisch auf dem Schermützelsee. Das da hinten ist die „Weiße Taube“. Da schrieb und flirtete Kisch vor 90 Jahren ein paar Wochen lang. Brecht kam später mit Helli und drei, vier oder fünf anderen Frauen nach Buckow, 1952. Du müsstest dich umdrehen, um das Haus, die Eiserne Villa, zu sehen.  Aber diese digitale dritte Dimension hat meine Postkarte nicht. Der Blick kann nicht abschweifen, herumschweifen, es gibt keinen Kameraschwenk um 180°.  Postkarte bleibt Postkarte mit blauem Himmel, See und Wölkchen.

Anja Koemstedt. Notizen aus dem Papierkorb

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

UNTER EIHEILIGEN

die ölheizung wärmt Sie schön!

wie sieht es aus mit langen/dunklen kanälen, auch was für Sie?

oder doch schlicht die holzklasse? hart aber hell. und zweisprachig.

da beißt die maus kein kabel durch.

 

ich selbst bevorzuge immer endliches.

durchaus körpertemperiert. aber bitte ohne kuschelfaktor.

denken Sie an eine badewanne, von mir aus.

heiß, voll, aber ohne stöpsel, alles fließt. kein stillstand.

sagen Sie NEIN zur insel, halten Sie sich offen, bleiben Sie

durchlässig für alles fossile, wir haben sonst nichts in der hinterhand.

 

außer vielleicht: ein ei.  ein ei hat ja jeder.

Klein(ich)keiten: Marion Boginski

Kichererbsenkichern

Kichern Kichererbsen heimlich in der Verpackung? Kullern vor Spaß hin und her? Oder kichern schon am Pflanzenstiel? Geben dort Töne von sich. Windbewegte?

Oder beginnt das Kichern erst beim Kochen?

Oder kichern sie gar nicht, besitzen einfach nur lustige Formen?

?, Gehirnhälften, Brathuhn …

IMG_1530      Klein(ich)keiten: Marion Boginski weiterlesen

Aprilwetter, remediated

Früher Morgen.

Die Leute laufen hintereinander. Einzeln, stumm, in langer unregelmäßiger Reihe. Von zu Hause kommend, auf dem Weg zur U-Bahn. Die Sonne scheint warm, niemand blickt in den Himmel. Jeder schaut nach unten, in die Hand, die das smartphone hält. Jede wird von unten fahl beleuchtet. Gespenstergesichter mitten in einem goldenen Morgen.

Es könnte eine Performance sein, entwickelt von einem Berliner Off-Theater in den 90ern, remediated 2015.

tapsen

Ich, die ich in die andere Richtung will, laufe im Slalom durch die Reihe derer, die entgegen kommen. Weiche aus – rechts, links. Einmal ahnt jemand mein Kommen, sanftes Ausweichen zur selben Seite. Fast stoßen wir aneinander. Ein kurzes ‚Entschuldigung‘, hoch schauen, dann wieder versinken.

Es ist, als träumten alle, solange es geht. Und ich, überwach, sehe den Träumenden zu.

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Später Abend

Menschenleer die Strassen. Das kurze Sommerglück vorbei. Kälte kriecht unter die Jacke. Regen peitscht von vorn. Ich strecke den Schirm schräg vor mich. Er fängt den Sturm ab. Blind tappe ich in seinem Schatten. Falls wirklich wer entgegen kommt, wird er dem Schirm ausweichen.

Ein dumpfer Stoß. Das Geräusch von Metall, das über gespannten Stoff streift. Der Puls rast. Ich weiche links aus, die anderen Schritte nach rechts. Irgendwie kommen wir auseinander. Wir sehen uns an. Sie sieht meinen schwarzen Schirm. Ich sehe ihr smartphone.

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Wir lachen los. Sprechen klappt nicht. Stammeln. Wir sehen uns an – sehen, was die andere sieht. Lachen, lachen ohne aufzuhören. Erleichterung. Und ein Spritzer Hysterie. Die Andere ist auch eine Frau. Nachts, auf menschenleerer Strasse.

Wir wünschen uns einen guten Heimweg. Streben in entgegengesetzter Richtung ins Licht.

seitensprünge

Seitensprünge

eier nach lesen

Heute Morgen beim Abholen des Frühstückseis von meinem Huhn sprach ich ein ernsthaftes Wort mit dem Tier:
Industrie 4.0 ist angesagt, mein liebes Huhn, und der allseits vernetzte Haushalt. Also mach dir Gedanken, was du zur Digitalisierung beitragen kannst. Sonst ersetze ich dich durch einen Eierroboter, und du, mein liebes Huhn kommst in den letzten analogen Kochtopf, der in meiner Küche noch zu finden ist.
Aufgeregt begann das Huhn von einer Seite seines Stalls zur anderen Seite zu springen. Dann hielt es inne, sah mich an und begann: Seitensprünge weiterlesen

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Remake für Mia in Berlin.

Élouise und ich warfen unsere Blicke durch den Zaun, strichen vorsichtig entlang am Stacheldraht. Die Verbote waren unübersehbar und schön anzuschauen. Der Himmel dahinter war zum Fliegen geöffnet, er zog uns an und ängstigte uns. Aber die Angst hielt uns nicht davon ab, durch die Zäune hindurch ans Fliegen zu denken.

Es begann leise zu regnen, vor und hinter dem Zaun, und in den Tropfen spiegelte sich ein Abbild des Himmels in Silber und Gold. Es kam uns nicht in den Sinn, den Zaun zu zerschneiden, ja, wir rüttelten nicht einmal daran. So standen wir vor dem rostigen Zaun und blickten hindurch auf die Tropfen, die dort vom Himmel gefallen waren.

Und wir öffneten hier den Mund, damit sie uns auf die Zunge fielen und wir erführen wie der Himmel schmeckte in Gold und in Silber. Wir spürten die Angst, aber sie störte uns nicht. Trotzig blickten wir in den geöffneten Himmel, seinen Geschmack auf der Zunge.

blog85

(aus dem Blog: „On the road with Élouise“)

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Vielleicht werden eines Tages Roboter(Innen???) das Problem mit den Fusseln lösen, sie mit geschickten stählernen Fingern vom Mantel sammeln oder uns schon vor dem Kauf beraten, in Quantencomputergeschwindigkeit den Fusselindex aus Materialbeschaffenheit und -dichte errechnen.

Warum sagen Wissenschaftler(Innen, ja!!!) eigentlich immer, dass sie Gott spielen, wenn sie an den Humanoiden herumbasteln? In der Regel halten sie doch jeden irgendwie religiös gefärbten Glauben für unvereinbar mit ihrem Selbstverständnis, während sie in der Forschung wetteifern, wer den besten stets verfügbaren Pflegehelfer, die aalglatteste Servicekraft oder die martialischste von Ferne zu steuernde Waffe entwickelt. Das alles klingt gruselig, und doch beflügeln die Neuheiten aus den Laboren meine Fantasie. Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen weiterlesen

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Der Fussel-Index

Im Laufe des letzten Jahres wurde ich mit einem Problem konfrontiert, das sich mir in dieser Härte noch nie gestellt hatte. Es handelt sich um Fusseln, Fädchen, Flusen oder auch Wuzerl, wobei  Letzteres eine Verniedlichung darstellt, die dem niederträchtigen Charakter dieser Erscheinung nicht gerecht wird.

Es fing an mit dieser schicken Strickjacke. Nach ein paar Stunden bereits hatte sie mithilfe einer Invasion von Fusseln Besitz ergriffen von meiner schwarzen Hose,  eine aggressive Landnahme sozusagen. Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass diese Strickjacke in der Türkei produziert worden ist und da Erdogan Deutschland offenbar für eine widerständige türkische Kolonie hält, sehe ich hier einen tieferen Zusammenhang.
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Postkarte aus ASCHAFFENBURG

Auch wenn es in Aschaffenburg ums Ende der Privatheit ging, hatte ich ein Zimmer für mich allein mit Blick auf den Hotelparkplatz. Privatsphäre. Nur die Stimmen derer, die nachts über den Hof gingen, drangen ein in meine Privatsphäre. Und mein Handy hing im Netz; es zappelte und ließ mich manches wissen über die Privatsphären der anderen. An irgend einen Knoten im Netz schickte es meine Koordinaten. Mein verräterisches Handy kommunizierte von Aschaffenburg aus mit der halben Welt – weil ich es ihm erlaubte.

Aber etwas, was ich in Aschaffenburg tat, weiß mein Handy nicht, obwohl es dabei war. Ich schreibe es jetzt auf diese Postkarte und schicke es in die Welt hinaus: Ich kaufte auf dem Markt vier Äpfel und einen halben Liter griechisches Olivenöl und meine Augen sahen sich satt an den Farben von Karotten, Paprika, Gurken, Primeln und Tulpen.