Syrakus

Postkarte aus SYRAKUS

Blauer Himmel, Sonne, Ortigia, Steinbrüche, das griechische Theater, essen im Il Blu, der Markt, das Meer und viel Espresso, das ist Syrakus. Syrakus am Mittelmeer, unweit von Lampedusa. Ich las Johann Gottfried Seumes Spaziergang nach Syrakus. „Sobald Gerechtigkeit sein wird, wird Friede sein und Glück: sie ist die einzige Tugend, die uns fehlt. Wir haben Billigkeit, Großmut, Menschenliebe, Gnade und Erbarmung genug im Einzelnen, bloß weil wir im Allgemeinen keine Gerechtigkeit haben.“ Das schrieb er 1802.

Maja Linthe: Bloggen mit Hut (Zwischenspiel)

Women and Song: Sing along!

Sie betrat den Blograum mit dem Hut auf dem Kopf, den sie immer beim Bloggen trug. Im Schneidersitz setzte sie sich auf den Boden, nahm den Hut vom Kopf und stellte ihn sich vor die gekreuzten Beine. Nur wenige Menschen kamen vorbei und beachteten sie kaum.

Sie legte sich die Gitarre quer über die Oberschenkel und begann die Seiten zu zupfen. Der Polly Jean Sticker, den sie trug, zwinkerte ihr zu und machte ihr Mut. Zumindest glaubte sie das.

Dann sang sie ihr Lied, so gut sie es eben konnte.

Als sie geendet hatte und Gitarre und Hut wieder einpacken wollte, fand sie einige klimpernde Münzen im Hut.

 

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Marion Boginski – Klein(ich)keiten

Faulpelz

Wer oder was ist das?

Ein Pelztier, das faul herumliegt? Ein Bär oder Faultier … oder Mensch.

Nur wo ist dessen Pelz hin?

Evolutionsverloren. Schutzverloren. Haar um Haar.

Was oder wer ist ein Faulpelz?

Ein Faulenzer, Nichtstuer, Müßiggänger, Nichtsnutz, Taugenichts …

Liegt auf fauler Haut, versunken in Gedanken, versunken in sich selbst, die Welt um sich vergessend.

Wäre das nicht eine Idee, so zu sein, weltvergessen?

Sie/er/ich würden es gern genießen dieses Faulpelzsein.

Aber bitte ohne grünen oder weißen Schimmel anzusetzen!

Grünen wie beim Faultier, das hängend an den Ästen das Moos der Bäume annimmt.

Auch keinen weißen oder grünlichen, wenn Brot/Käse/Früchte zu lange herumliegen.

Im 17. Jahrhundert kam ein Worterfindermensch daher und sagte: Brot, du Faulpelz! Liegst und liegst und bekommst einen pelzigen Belag.

Bekommen sie/er/ich auch einen Belag wenn wir zu lange herumliegen, uns eine Auszeit gönnen. Bekommen sie/er/ich einen Freizeitbelag?

Nein, diese Worterfindung ist nicht überlebenstauglich, vielleicht, Schlafhaut, Ausruh- oder Erholungspelz?

Viele können gar nicht mehr Faulpelz sein. Stecken fest zwischen dem, was sie tun sollen/müssen/möchten/wollen. So eilen sie/er/ich hastend, ohne zu verweilen.

Bitte melden, wer gern einmal Faulpelz sein möchte und es sich nicht gönnt. Dafür ständig daran denkt.

Heute mal Faulpelz sein oder morgen oder und morgen.

Auf der faulen Haut liegen und nichts tun.

Überhaupt nichts.

Dabei unsichtbaren Schimmel ansetzen.

Der die Welt abperlen lässt.

Nichts berührt sie/ihn/mich. Nichts erreicht sie/ihn/mich. Nichts setzt in Bewegung, auch nicht in gedankliche. Einfach nur

F

A

U

L

sein.

N

I

C

H

T

S

T

U

N

Sie/er/ich versuchen es gerade …

Herzliche Grüße aus Las Palmas!

Geisterhaft

Ricarda de Haas

Ich sitze im Dunkeln, nur der Bildschirm leuchtet. Maskierte Kinder laufen unter meinem Fenster durch nächtliche Straßen. Die Automatenstimme hat einen dezenten Hall. Der Freund ist nicht erreichbar. Eine Intervention der Gespenster? Oder doch nur Schloss Solitude im Funkloch? Es hat sich schon herum gesprochen: der schöne Rückzugsort für Künstler verharrt – bewusst oder zufällig – in einer partiell prädigitalen Postmoderne. Zum Glück gibt es das kabelgebundene Web. Ich lausche dem Skype-Ruf, der immer so klingt, als würde man unter Wasser funken: bub-bub-bub-blib, bub-bub-bub-blib..

Mein Bildschirm wird schwarz. Der Freund hat abgehoben. Hallo, sage ich. Statt einer Antwort verzerrte Geräusche. Richtig schlechte Verbindung, denke ich. Ich will schon auflegen, da taucht kurz ein Gesicht auf, eine Hand. Dann wieder Schatten. Ein Lichtreflex auf verkabelten Geräten.

Harsche Töne, schräg, verzerrt. Und doch: da ist ein Muster im Geräusch. Hm, diese Geister klingen sehr zeitgenössisch. Das ist Noise! Ich bin wohl mitten in eine Probe geraten. Ich rufe laut Hallo? Als Antwort eine Kaskade von schrillen Tönen. Darunter ein Klangteppich, dunkel, rund, fast sphärisch. Ich lehne mich zurück und lausche. Lausche. Da proben zwei und wissen nicht, dass jemand sie hört. Anscheinend hat nur das Handy entschieden, meinen Ruf anzunehmen. Ich bin Zaungast aus 600km Entfernung. Ich empfinde eine merkwürdige Dankbarkeit gegenüber dem Gerät.

Die Geräusche in meiner Hand klingen ziemlich verrückt. Aber sie sind Musik. Ich sitze, umhüllt von Dunkelheit und Klang. Lasse mich entführen in eine andere Welt, schrill und schräg und schön. Mitten in diesem Ungebändigten finde ich Harmonie. Mein Bildschirm bleibt schwarz. Ab und zu blitzt ein Neonstrahl darin auf. Noch nie war Halloween so magisch.

Seitensprünge

Als es noch keine Headsets gab, noch nicht mal Walkmans, CDs, MCs, … hörten wir an langen Winterabenden von Vinyl. Auch unsere Kinder. Saßen still im Sessel und lauschten. Rotkäppchen zum Beispiel.  „Großmutter, warum hast du so große Ohren? Ohren? Ohren? Ohren? Ohren? …“ Wir sprangen auf, hoben vorsichtig die Nadel über den Sprung, setzten uns wieder, um wenige Minuten später erneut aufzuspringen, Seitenwechsel, Platte umgedreht, Nadel aufgelegt, für die Kleinen, deren Feinmotorik noch nicht ausreichte. Neue Seite, ohne Sprung, kleine Pause vorm nächsten Aufspringen, Plattenwechsel …  Wir brauchten noch kein Fitnessstudio.

torstrasse1Heute haben die Platten nur noch eine Seite, ohne Sprung, und werden bestenfalls automatisch gewechselt, wir können stundenlang sitzen und hören. wintergaesteDafür aber ins Fitnessstudio gehen und laufen und strampeln mit Stöpseln im Ohr, zum Genießen guter Literatur. Zum Beispiel die Hörbücher von Sybil Volks.

 

 

 

Und unsere Enkel hören statt vom Furcht erregenden Großmutterwolf geisteromamit Seitensprung etwas über die Geisteroma aus dem Hörbuch von Lisa-Marie Dickreiter.

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Und wenn wir noch genauer hinhören möchten (Großmutter, warum hast du so große Ohren?), dann nicht aus der Konserve sondern direkt von der Autorin. Dazu gab es in dieser Woche zwei herausragende Möglichkeiten:

  • die Lesung von Grit Poppe am vergangenen Donnerstag aus ihren Jugendromanen „Weggesperrt“ und „Abgehauen“, ein bewegender Abend im Museum in Lichtenberg

weggesperrt

abgehauen

 

 

  • die Lesung von Kathrin Schmidt am vergangenem Dienstag aus ihrem neu erschienenen Romankapok „Kapoks Schwestern“, ein wundervoller Abend im Literaturforum des Brechthauses

 

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Meine Tochter ist diese Woche 18 Jahre alt geworden.

Grund genug  für mich, ihr Kinderleben in Büchern zu überdenken. Und so habe ich noch einmal einen Blick hinein geworfen in ihre alten, ihr viele, viele Male vorgelesenen Bilderbücher und sie zur Feier ihres Geburtstages für sie noch einmal angelesen. Ihr könnt das hören, wenn ihr das jeweilige Buch anklickt.
Herzlichen Glückwunsch! Die Bilderbücher leben hoch!

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momoko

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traurig

bennys_hut

dulcie_dando

zilly_die_zauberin

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Ist das eigentlich ein Vorbote des Alters, dass ich mich neuerdings immer mal wieder bei sentimentaler Rückschau ertappe und Sehnsucht verspüre nach den kleinen Dingen, die irgendwann einmal passiert sind, im richtigen Leben und nicht virtuell? Gestern erinnerte ich mich daran, wie ich als Kind gemeinsam mit meiner besten Freundin einen am Rand des Gehwegs aufgetürmten Berg aus verharschtem Schnee und zusammengekehrtem Granulat zerhackte, mit voller Wucht und mit viel Lachen, immer hinein mit der Stiefelspitze, bis die Kristalle spritzten und das Ungetüm kleiner wurde, bis es verschwand. Das war keine Achtsamkeitsübung und war es doch, weil wir in unserem Tun völlig aufgingen und in diesem Moment nichts anderes existierte.

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Ich kann diesen Augenblick abrufen wie einen Film, nicht einmal unscharf sind die Bilder, vielleicht hat etwas in mir sie im Laufe der Jahre aufgearbeitet, digital und emotional, vielleicht war es gar nicht so schön, wie es mir inzwischen erscheint, vielleicht fror ich und war wütend und wollte deshalb gegen irgendetwas treten. Davon weiß ich heute nichts mehr, aber ich frage mich, ob es überhaupt Schnee geben wird im kommenden Winter trotz des Klimawandels, ob ich mir die Zeit nehmen werde, das Haus zu verlassen, wenn er fällt, um durch die Straßen zu schlendern, ob ich dann nichts wissen will von Nässe und von Rutschgefahr, ob ich Anlauf nehmen und über eine Eisbahn schlittern werde ohne Furcht vor dem Fallen, während um mich her die Flocken niedersegeln und die Welt in Stille versinkt.

Es ist ein wehmütiges Fragen und ein Mäkeln an der Gegenwart, aber zu viele schon sind rückwärtsgewandt auf dieser Seite des Teiches und auf der anderen, erliegen dem mächtigen irrationalen Eindruck, dass alles einmal besser war. Ich spüre die Gefahr und richte den Blick nach vorn und fort vom Schnee von gestern, der nächste Winter kann kommen.
Wenn er nur keine Eiszeit bringt.

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Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

Aufmerksamkeiten

Ich sitze in meiner Küche und sehe mich um. Mein Blick fällt auf Gegenstände, die mich irritieren; weil ich sie lange übersehen und dabei vergessen habe und nun feststelle, dass sie noch existieren; weil ich nicht mehr weiß, woher ich sie habe;  oder weil ich mich eben nur zu gut daran erinnere, wie sie in meinen Besitz gelangt sind.

Dieses Fläschchen beispielsweise, das das Tageslicht nutzt, um sowohl Schatten als auch ein Leuchten an die Wand zu werfen, hat mir eine ehemalige Freundin aus Lourdes mitgebracht. Es ist bis zum Anschlag gefüllt mit geweihtem Wasser und trotzdem liegt wohl eine Art Fluch darauf. Denn die Schenkende ist mir mittlerweile nicht mehr wohlgesinnt.

Das Bild, das eine andere Freundin mir einst schenkte, ist kurz vor dem Entschlafen unserer Freundschaft von der Wand gefallen und zerbrochen. Die drei Kakteen, ein Geschenk meiner drei Freundinnen aus Teenagertagen, sind damals gleichzeitig mit unserer Freundschaft eingegangen, so auch die Pflanze einer weiteren Ex-Freundin.  Und dann ist da noch die Tasse, die ein enger Freund mir getöpfert hat und die um die Zeit seines Todes plötzlich einen Sprung bekam.

Manche Geschenke sind  mehr als Dinge, sie sind Aufmerksamkeiten und gelegentlich selbst mehr als Aufmerksamkeiten. Und dann nehmen sie das Enden von Liebe, Freundschaft und Respekt persönlich und fallen von Wänden und Fenstersimsen, ersticken unter Mehltau, bekommen Risse und brechen auseinander.

Nur dieses Fläschchen ist noch nicht zerbrochen, obwohl es doch allen Grund dazu hätte. Und das beunruhigt mich.

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Postkarte aus HAMELN

Ich habe in Hameln geblättert wie in einem Poesiealbum. An den Häusern stehen Sprüche, für die Ewigkeit eingemeißelt in die Holzbalken. „Ungerechtigkeit verwüstet alle Lande und böses Leben stürzt die Stütze der Gewaltigen“ las ich. „Kleinigkeiten sind die Baustelle zur Vollendung aber die Vollendung ist keine Kleinigkeit“, „Neid sieht nur das Blumenbeet, aber nicht den Spaten“, „DO TVNDE WI HIR VAN WATERS HAVEN  HIR IN GROTER FAR VOR SOLCKEM ALLEM QVADEM BEHOIDE VNS GODT DE HERE MIT SINER GOTTLIKEN GNADE“ Auch das unvermeidliche „Wir waren hier“ habe ich gesehen, „Himmel und Hölle“ und „geiler Popo“.

Ich kenne einen, der schrieb in Hameln eine Geschichte über eine Frau und einen Mann. Eine der Weserbrücken kommt darin vor und die Kormorane. Ich werde davon erzählen, wenn wir uns wiedersehen.

Ach ja, der Rattenfänger – den sah ich auch und unzählige Ratten.

Anja Koemstedt: Frisch gefischt. Notizen aus dem Papierkorb.

 

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Mein geheimes Krokodil

Mit Weinerlichkeit hat mein Problem nichts zu tun.

Vielmehr: Ich bin sehr müde, immer eigentlich, gähne daher mehr als andere Menschen. Weitaus mehr, fast im Minutentakt. Und dabei fließen Gähntränen (aus den äußeren Augenwinkeln wohlgemerkt). Die weint nicht jeder.

Ich verliere aufgrund der vielen Gähntränen täglich mehr Flüssigkeit, als der durchschnittliche Mensch im Monat verweint.

Obendrein bin ich unendlich gelangweilt, von allem, was ich tue genauso wie von allem, was ich nicht tue.

Was die anderen Menschen treiben, davon rede ich erst gar nicht. Weite Ödnis, allerorten, und zappelten sie sich noch so wild durch ihre kleinen Leben.

Ach, und selbst im Schlaf scheine ich mich zu langweilen. Von meinen endlos faden Träumen wache ich, gleichsam aus Selbstschutz, zigmal des Nächtens auf. Ich schlafe schlecht, seit ich denken kann. Mein Kissen ist jeden Morgen links wie rechts außen durchfeuchtet.

So muss denn mein privater Wahnsinn, dieser Krokodilsmann, der mir ständig die Tränen aus den Augenwinkeln treibt, schlicht ein plumper Weltverächter sein, der gerne auch mal laut polternd dicht an meinem Tisch vorbei zum Kühlschrank schlurft, sich dort ein Bier rausangelt, plopp, und nach dem ersten großen Schluck, laut rülpsend, sich zu mir setzt, um mir dann mit seinem vor Malz und Hopfen triefenden Atem Avancen zu machen – als könnte ich ihn jemals…

Was bildet er sich eigentlich ein, der Kerl. Verschroben, dass es weh tut.

Ich schaue ihn an, er kratzt sich am Sack, sein Hosenstall steht offen, die Fingernägel abgekaut, und denke unwillkürlich, sicher hat er zentimeterdicke Hornhaut an den Füßen.

Und doch fesselt mich seine Gegenwart. Ich habe ihn noch nie hinausgeworfen.