Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

Wir haben es ja schon immer gewusst, dass da außer uns noch andere sind. Nicht im Universum, nicht hinter dem Mond, nein, genau hier, in den Straßen und Parks, auf Plätzen und in Museen, sogar auf Friedhöfen und in Gedenkstätten treiben sie sich herum, toben sich aus und rauben uns den Verstand. Wir werden sie einfangen und hegen und pflegen. Und, darauf kommt es schließlich an, sie in den Kampf schicken. Sie (wir?) können mächtig werden in der Arena, sie (wir?) können verletzt werden oder sterben. Aber zumindest sie lassen sich wiederbeleben, alles kein Problem in der virtuellen Welt.

Frisbee

Die Menschheit ist mal wieder auf der Suche. Nicht mehr nach dem Sinn des Lebens,
o nein, was bis zum heutigen Tage niemand gefunden hat, kann getrost vernachlässigt werden. Viel interessanter sind die bislang unsichtbaren Wesen, die gewöhnlichen und die seltenen und auch jene, die so einzigartig sind, dass kaum jemand sie zu Gesicht bekommt. Wir schicken sie in die Schlacht und werden belohnt mit Bonbons und Sternenstaub.
Bonbons.
Und Sternenstaub.
Wer hätte das nicht immer schon gewollt?

So wächst eine Generation heran, welche die Illusion als so mächtig erlebt, wie Freud sie längst beschrieben hat. Aber nicht mehr im Kopf oder in der Seele spuken die Monster herum und piesacken uns, sondern sie sind Form geworden. Die Kinder lernen von ihren Eltern, dass es normal ist, dorthin zu gehen, wohin das Smartphone, die Industrie, der Betreiber einer App sie schickt. Um zu jagen. Um zu töten.
Just for fun!

Claudia Schattach: Ansichten einer Kurzsichtigen

P1050699Undurchschaubares Kompott

In den Weiten des finsteren Havellandes lauert versteckt zwischen Bäumen dieses geheimnisumwitterte Bauwerk, um das sich Geschichten ranken, die man mir zuraunte, nicht ohne sich dabei mehrmals vorsichtig umzublicken.

Eine kleinformatige, gut gepolsterte Frau aus der Gegend versicherte mir beispielsweise, dass es sich um die Weltzentrale der Pygmäen handele – ein kleinwüchsiger, geheimer Volksstamm, bekannt bereits aus der Antike und im Volksmund Schlumperzwerge genannt. Daran gäbe es keinen Zweifel, da die Form des Gebäudes einer überdimensionierten Schlumperzwergzipfelmütz nachempfunden sei. Und man solle sich nur nicht täuschen lassen von der murkeligen Erscheinung der Schlumperzwerge – sie seien hochgefährlich! Befände sich doch unter diesem Schlumperzwergzipfelmützturm ein gigantischer unterirdischer Komplex, der von den Zwergen militärisch genutzt würde und in dem sie sich in beängstigender Zahl fortpflanzten. Sie hätten es auf die Weltherrschaft abgesehen und ihre barbarischen Kriegspläne seien bereits weit gediehen. Namhafte Politiker steckten mit ihnen unter einer Decke, es handele sich hier um ein „undurchschaubares Kompott“.

„Das ist natürlich Unsinn“, erklärte mir leise ein hagerer, nahezu fleischloser Veganer. Die Dame habe wohl zu viel Tolkien gelesen. Nicht umsonst nenne man dieses Gebäude den Zuckerhut, weil von dort aus der raffinierte Zuckerbaron regiere. Er wisse aus zuverlässiger Quelle, dass der Zuckerbaron überall seine klebrigen Finger drin habe und er und seine Zuckermafia hätten die Weltherrschaft bereits inne! Die Leute merkten gar nicht, dass sie zuckersüchtig und damit abhängig vom Zuckerbaron seien. Selbst die Verächter von Süßigkeiten seien auf Droge, vor allem auch dank der so genannten Chemtrails, die in Wirklichkeit Sugartrails seien, Wolkenbahnen aus feinstem Puderzuckermehl, das durch die Atemwege in den Körper gelange und dort sein zerstörerisches Werk tue! Die Zuckerkristalle lagerten sich nämlich schon bald in den Gehirngängen ab und ich könne mir wohl vorstellen, was das bedeuten würde: eine zunehmend verblödete, willenlose Weltbevölkerung!

„Das ist natürlich Unsinn und typisch Ökospinner!“, meinte ein strammer Reiter in Loden, dessen blonde Frau neben dem Pferd her trabte. Sie blieben stehen und sahen sich nach allen Seiten um, bevor der Mann fortfuhr, begleitet vom rhythmischen Nicken seiner Frau. Diese Mär vom bösen Zuckerbaron erzähle man doch nur kleinen Kindern, um sie von Schokolade und Bonbons fern zu halten. Tatsache sei vielmehr, dass im Inneren dieses granatbusenförmigen Turms Hexen und Succubi ihr Unwesen trieben, will sagen: wild gewordene Feministinnen! Sie experimentierten mit Gedankenmanipulationen und hätten damit zum großen Schaden der Menschheit bereits Erfolge erzielt. Man denke nur an die Vorfälle an Silvester 2016 in Köln! Die Männer seien von diesen schamlosen Weibern gedanklich manipuliert worden zu dem Zweck, endlich die Verschärfung des Sexualstrafrechtes durchzusetzen, um unschuldige Männer noch leichter hinter Gitter zu bringen! „Warten sie noch ein paar Jahre und auf harmloses Busendatscheln steht die Todesstrafe, jawoll!“¹

¹Wir möchten die Leser*innen hiermit darauf hinweisen, dass die Autorin dieses Textes verdächtigt wird, der Geheimorganisation Elfenbeinturm anzugehören, die in oben abgebildetem, fensterlosem Gebäude residiert. Verschiedenes weist darauf hin, dass es das Ziel der Elfenbeinturm-Loge ist, mit Hilfe abstruser Verschwörungstheorien und völlig realitätsfernen Geschichten die Bevölkerung tief gehend zu verunsichern und in die Paranoia zu treiben. Jede*r Leser*in liest diese Geschichte auf eigene Gefahr – wir übernehmen keinerlei Haftung für etwaige geistig-psychische Schäden, die aus der Lektüre entstehen und distanzieren uns vom Inhalt dieses Textes.

 

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Postkarte aus BEZ GRANIC

BEZ GRANIC – ohne Grenze. Ein Fluss, ein Grenzfluss, er fließt zwischen zwei Ländern. In den beiden Ländern werden verschiedene Sprachen gesprochen. Eine Fähre – Prom trägt mich und mein kleines rotes Auto von einem Ufer zum anderen. Der Boden unter meinen Füßen und unter den Rädern meines Autos schwankt ein wenig. Ich habe weiche Knie auf BEZ GRANIC zwischen den Ufern, schaue nach Norden und schaue nach Süden: der Fluss fließt grenzenlos. Nur die Ufer im Osten und Westen grenzen ihn ein.
Dann legt die Fähre an. Ich muss einsteigen und weiterfahren. Es ist ganz angenehm, festen Boden unter den Füßen und Rädern zu haben.

Anja Koemstedt: Frisch gefischt. Notizen aus dem Papierkorb

 

ShrigleySpider

 

 

vollkornmond

 

ich esse weißmehl seit ich denken kann°

ich sterbe lieber einen ungesunden tod°

das erscheint mir wesentlich natürlicher°

 

am himmel lacht keine biosonne°

unter der brücke fließt kein ökostrom°

im stall picken hühner nicht auf vollkorn herum°

oder° wer weiß sowas° verdammt bin ich verstädtert°

 

dagegen dionysisch zu rauschen mitten im zeitenfluss dem hier das jetzt zu entreißen°

ist meine kunst°

ist keine kunst die gilt unter veganem vollkornmond°

Marion Boginski – Klein(ich)keiten

blogleichtsinnig

Leichtsinnigerweise leichtsinnig gesagt

Werden Sie nicht leichtsinnig, haben sie/er/ich leichtsinnigerweise gesagt.

Und sind nach dem Aussprechen sofort geholpert, gestolpert, gefallen.

Direkt hinein in das Wort. In die Wortsinnfrage.

L E I C H T S I N N I G

Jemand, der sich keine Gedanken darüber macht, was er tut.

Jemand, der keine allzu großen moralischen Skrupel hat.

Jemand, der fahrlässig, gewagt, riskant, sorglos, verantwortungslos handelt.

Das ist die Bedeutung heute, eine abwertende.

Jemand, der leichten Sinnes ist, der froh ist.

Das war die Bedeutung früher.

L E I C H T S I N N I G

Was für ein wunderbares Wort!

Leichten Sinnes durch die Welt spazieren, gehen, laufen, rennen, springen.

Frohen Mutes sein.

So ein schwebendes, so ein luftiges, so ein beschwingtes Wort!

Aber wo bitte ist der leichte Sinn hin?

Wiesoweshalbwarum ändert sich mit den Zeiten auch die Wortbedeutung?

Im 17. Jahrhundert soll der Sinn des Wortes umgeschlagen sein. Leichtsinnig ist von da an

der nicht Überlegende, Mangel an ernst Zeigende, steht im Grimmschen Wörterbuch.

Leichten Sinnes sein. Würden sie/er/ich gern wollen, sehr gern sogar.

Nicht schweren Mutes, sondern leichten Sinnes.

Was ist der Sinn, wenn die Wortbedeutung sich vom Positiven zum Negativen ändert?

Un-Sinn?

Sie/er/ich möchten den leichten Sinn zurück, möchten das Wort leichtsinnig zurück in

seiner ursprünglichem Bedeutung!

Möchten dieses wunderschöne Wort sinngemäß verwenden.

Leichtsinnig. Leichtsinniger. Am Leichtsinnigsten.

Lasst sie/ihn/mich leichten Sinnes leichtsinnig sein!

Jetzt! Sogleich! Sofort!

 

Ricarda de Haas: oral literal medial? Assoziationen zwischen Kiez und Welt

Winter im Süden

Mein tablet weigert sich, ein normales Foto zu machen. Wie immer ich es auch halte, welche Einstellungen auch immer ich ändere, das Bild steht auf dem Kopf. Vielleicht teilt mein tablet die kindliche Vorstellung, dass auf der Südhalbkugel die Menschen auf dem Kopf laufen und in Gefahr sind, in den Himmel zu fallen. Schließlich gebe ich nach und knipse mühsam upside down. Ich will dieses Bild, obwohl das, was mir wichtig ist, darauf nicht zu sehen ist: dass es nämlich erst seit drei Minuten überhaupt etwas zu fotografieren gibt. Ich will diesen Moment festhalten, diese grandiose Überraschung, wenn plötzlich Schönheit auftaucht, wo vorher nur Nichts war.

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Man sitzt in einem Restaurant, redet über Poesie, und jemand sagt: wenn jetzt kein Nebel wäre, könnte man da draußen den Tafelberg sehen. Synchrones Seufzen.

Es ist der vierte Tag der Konferenz. Wir sind in einer der schönsten Gegenden der Welt, aber verbringen die meiste Zeit in fensterlosen Hörsälen (wer entwirft so was??). Außerdem frieren wir, weil SüdafrikanerInnen das Konzept von Heizungen fremd ist. Jedes Jahr im Juli sind sie aufs Neue überrascht, dass ein Winter kommt. In dicke Jacken gehüllt sitzen die Wohlhabenden in Restaurants und Büros, die Armen versammeln sich um Feuertonnen auf der Straße. Wenn sie gerade anfangen nachzudenken, ob man nicht etwas gegen die Kälte machen könnte, geht der Frühling los.

Literatur und Welt

Heute sind wir ausgebüxt und sitzen an der Waterfront, während die Kollegen tapfer eine Preisverleihung durchstehen. Doch wieder haben wir nichts von der Landschaft: von da, wo eigentlich Ozean ist, drängt ein weißes Nichts, aus dem das dumpfe Hupen der Nebelhörner tönt. Uns schwirrt der Kopf vom Reden, und doch können wir auch jetzt nicht aufhören damit. Als müssten wir jede Sekunde, die wir haben, für den Austausch nutzen. Über Literatur, über die Welt.

Es hat etwas seltsam Distanziertes, dieses Bezogensein auf Bücher und Diskurse. Diese Langsamkeit, Gründlichkeit. Jemand nimmt sich ein bis zwei Jahre Zeit und schreibt einen guten Roman über Flüchtlinge, Kindersoldaten oder den Alltag in einer Megapole. Jemand anderes entwirft ein Forschungsprojekt, in dem sie/er zwei bis drei Jahre lang diese Bücher analysiert. Das wird auf einer internationalen Konferenz vorgestellt, und nun sind die klugen Gedanken doppelt in der Welt, einmal als Literatur und einmal als Literaturkritik. Und werden weiter getragen in den Köpfen der Zuhörenden, die in Flugzeuge steigen und mit all diesen Gedanken in ihr jeweiliges Zuhause fliegen.

Transit

(Diese Selbstverständlichkeit, mit der wir das tun! Der erste Flug ein Abenteuer, der zweite noch großartig. Dann hat man sich eingerichtet in dieser Transitwelt – sucht am Terminal zwischen lauter Handys einen Platz an der Steckdose, ist erleichtert, dass beim Umsteigen in Istanbul keine Spuren der Anschläge zu sehen sind, fragt sich im Flugzeug, wieso der Sitznachbar nach Maputo fliegt und man selbst nach Johannesburg. Kurze Panik, aber der Flieger geht nur von Johannesburg weiter nach Maputo. Achselzucken, Laptop, Essen, Schlaf. Als gehörte dieses Zwischenreich eher der virtuellen Welt an, nur dass eben der Körper noch transportiert und versorgt werden muss.)

Realität und Theorie

Unsere theoretischen Konzepte sind leicht erschüttert von der tagesaktuellen Realität. Nizza, Istanbul, Dallas. Die britischen Kollegen flechten ihr Entsetzen über den Brexit in ihre Präsentationen ein. Die Vorträge der simbabwischen Wissenschaftler müssen verlesen werden: sie konnten nicht anreisen, weil sie seit drei Monaten nicht mehr bezahlt werden. Die südafrikanischen Studierenden zeigen Videos ihrer Proteste gegen (neo-)koloniale Denksysteme (‚Rhodes must fall!‘) und gegen massive Anhebung der Studiengebühren (‚Fees must fall!‘). Mehrere Konferenzteilnehmer nehmen angesichts des pittoresken Ambientes die Sicherheitshinweise nicht ernst und schließen unfreiwillig Bekanntschaft mit lokalen Kriminellen. Eine Poetin aus Kapstadt fragt eine aus Johannesburg wie es zurzeit mit Wasser aussieht: do you guys also have water restrictions? Letzeres scheint sich als Querschnittsthema zu etablieren: Ressourcenknappheit, der Anthropozän in der Literatur.

Worte und Bilder

Und doch liefern all unsere Debatten nur neue Perspektiven, aber keine stringenten Analysen. Die Ratlosigkeit angesichts dessen, was gerade weltweit geschieht, ist augenfällig. Wir stecken mitten drin, wir hatten noch keine zwei bis drei Jahre Zeit zum Nachdenken. Unsere Worte ergeben zu wenig Sinn.

Der kleine Junge, bei dessen Familie ich wohne, ruft lauthals „not speaking!“, wenn wir vor lauter Reden vergessen, mit ihm zu spielen. Jetzt, am Ende der Konferenz, möchte ich das auch rufen, einfach weil zu viele Worte in zu vielen Sprachen um mich sind. Leider bin ich erwachsen, ich muss zivilisiert agieren. Ich bitte um Aufbruch und die Rechnung.

Als die Kellnerin kommt, lichtet sich der Nebel. Erst sind Schiffe zu sehen, dann die Häuser, dann ragt eine dunkle Masse auf, und plötzlich ist er da, der Berg.

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Seitensprünge

Heute ein Seitensprung, wie er im Buche steht, gedruckt, auf Papier, dort in Version 1.

Aber hier im Netz, im Blog, bereits ein Update, Update 003 des Gedichtes. Weitere Updates  sind willkommen, denn vollkommen ist er längst noch nicht, der Seitensprung, nicht mal vollzogen. Also, liebe Fangemeinde: updatet!  Ab Version 0xy gebe ich gern die Autorinnenschaft ab, im Netz, an xy.

Tausend und eine Null

An einem schönen Sommertag,
wie ihn so kein Computer mag,
wird es im Mikrochip zu heiß;
die Null erfrischt sich mit viel Eis,

sie leckt und schleckt sich kugelrund.
Der Eins ist das zu ungesund:
»Ich schmelze, werde immer weicher«
knurrt sie aus dem heißen Speicher.

Von diesem Schauspiel unberührt
hat Herr Groß Frau Klein verführt
mit einer E-Mail gegen zehn:
»Woll’n wir heut Abend online geh’n?«

»Oh ja, im Chatroom Wolke Sieben,
da kann man sich so zärtlich lieben!«
Alsbald erlaubt sie ihrem Mann,
dass er zum Skatspiel gehen kann.

Gewitterschwüle zieht herauf,
die Nullen hält nun nichts mehr auf,
und schmerzt der Bauch auch noch so sehr,
muss noch ein Eis und noch eins her.

Die Einsen hören lautes Schmatzen:
»Oh weh, die Nullen werden platzen!«
Es qualmt der Laptop von Herrn Groß,
er fühlt sich klein computerlos.

Zur Liebsten kann er nicht gelangen:
Jede Null kaputt gegangen!
Kein Mann, kein Chat, kein Flirt online,
einsam bleibt heut Nacht Frau Klein.

Ach so, wo eigentlich gibt es die Originalversion? In einem Büchlein:  „Tage wie Weiber warm“,  unter http://www.alphabettinen.de/lyrik.html   – nach etwas stöbern zu finden.


 

 

hutblog

Maja Linthe: Bloggen mit Hut

Self-Publishing und eBook: Ich veröffentliche mich selbst

 

Rhein LU 02 2014 024

eBook veröffentlichen

Wenn ich ein eBook selbst veröffentlichen will, kann ich es bei einem der verschiedenen Anbieter im passenden Format hochladen und, sagen wir für 2,99€, zum Kauf anbieten. Ein eBook zu einem günstigen Preis von 0,99 bis 2,99 € ist schneller in den virtuellen Einkaufskorb gesteckt. Ich überzeuge meine LeserInnen mit der Inhaltsangabe, dem Cover und natürlich mit mir selbst, meiner Biografie, meinem Foto, also meiner Autorinnenschaft, die ich frei entwerfen kann, wenn ich will auch mit multimedialem Pseudonym. Ich kann das Geschlecht wechseln, das Alter, Haarfarbe sowieso. Nur zum Buch sollte es passen und eine Adresse haben für das Impressum. Neulich lernte ich eine Autorin kennen, die unter vier verschiedenen Autorinnennamen veröffentlichte. Einmal sei ein Handwerker gekommen, so erzählte sie, und habe auf all die Namen auf ihrem Klingelschild gedeutet: „Und so viele Leut wohnen in des kleine Häusle?“

Sich veränderndes eBook

Wenn ich mein Ebook auch nach der Erstveröffentlichung weiterschreibe, hat jeder Käufer, der ein älteres Exemplar gekauft hat, automatisch das Anrecht auf ein Update erworben. Denkbar wäre es also, einen Roman zu schreiben, in dem ich beständig die Figuren, die Handlung, den Anfang, das Ende ändere. Das war sicher nicht so gedacht, wäre aber eine Möglichkeit. Jedes Mal, wenn Leser_innen sich bei ihrem eBook-Anbieter anmelden, würde der Inhalt meines Buches verändert. Der Leser oder die Leserin wüsste dann nie genau, wo er oder sie sich im Buch befindet. Selbst das, was er oder sie bereits gelesen hat, könnte schon wieder umgeschrieben worden sein. Genauso könnte das ursprüngliche Ende, das die Leser_innen mit dem Buch gekauft hat, bereits vier Mal geändert worden sein, wenn sie am Ende angelangt sind.

eBook-Autor_innen

Erfolgreiche eBook-Autor_innen haben häufig nicht nur eine Leser_innenschaft sondern vielmehr eine Fangemeinde. Diese Fangemeinde trifft die Autorin oder der Autor auf Facebook, YouTube, Snapchat, Instagram oder aber wird auf Buchmessen von ihr umringt. Die eigene Figur als Autorin oder Autor zu entwerfen und in den sozialen Medien zu vermarkten, gehört zum Geschäft, ist zum Begleittext geworden. So kann man den Heiratsantrag des Freundes auf YouTube senden, antwortet den Fans auf Facebook oder signiert eBook-Reader-Hüllen. Mittlerweile lassen sich eBooks auch mit einem digitalen Unterschriftdienst signieren. Wie die Telefonhörertaste auf dem Handy ist das eine wie das andere ein Relikt aus der Vergangenheit, das es nur noch als Symbol in die Neuen Medien hinübergeschafft hat.

Multimediale Autor_innen

Während das eBook also in der Regel nicht den Inhalt der Bücher verändert oder gar revolutioniert hat, sind zumindest die Autorinnen multimedial geworden. Dadurch ist es viel wichtiger geworden, dass die Autorin als Figur auch zum Buch passt. Wie das Buch zum Film gibt es jetzt die Autorin zum Buch. Sollte ich also als Autorin partout nicht zum Buch passen, kann ich mir ja eine mieten.

Claudia Breitsprecher: Ausrufe und andere Zeichen

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Europamassenschaft

Sie haben ihre Fahnen dabei. Gute Laune dabei. Sind ein Hoffen und Sehnen und Taumeln vor Glück. Einmal schreien. Noch mal schreien. Das ist schön nach all dem stillen Twittern und Posten. Gefällt ihnen. Gefällt ihnen sogar sehr.

Sie haben Farbe im Gesicht und kein Blut wie in Aleppo Istanbul Orlando.
Macht Macht Macht alles nichts.

Die Hymne singen. Kein falscher Ton. Kein Raum für Gedanken. Sie hüpfen und springen im Gleichtakt. Das Trikot wird zur Uniform. Es lebe die Nation. Kurve weiß oder blau oder gelb oder rot. Ein-Farben-Meer. Wir zuerst. Weg mit den anderen.

Großbritannien ist schon raus.
Böses Erwachen.

 

 

 

 

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Postkarte aus KASSEL

Nein, ich bin nicht zum Lachyoga in Kassel. Ich bin zum Schreiben hier. „Über Lachen zu schreiben macht gute Laune“, hat heute jemand geschrieben. Jetzt sitze ich am Friedrichsplatz, auf dem die Menschen sich bewegen wie auf einer großen Bühne, und lausche welche Arten von Lachen ich zu hören bekomme. Ansteckendes Lachen war noch nicht dabei. Aber Auslachen: als die laute junge Frau am Nebentisch beim Aufstehen einen Stuhl umstieß.